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Arbeitszeiten : Mit der Stechuhr in die digitale Arbeitswelt

Bald digital Bild: dpa

Die Tarifparteien tüfteln an neuen Modellen für flexible Arbeitszeiten. In Zeiten der Digitalisierung ist das gar nicht so einfach.

          Drei Jahrzehnte nach den großen Arbeitskämpfen um die 35-Stunden-Woche rückt in der Tarifpolitik das Thema Arbeitszeit wieder in den Mittelpunkt - mit einem Unterschied zu damals: Die Gewerkschaften fordern nicht neue gleichartige Zeitvorgaben für alle, sondern sie setzen auf Individualisierung. Neue Tarifregelungen sollen den Beschäftigten mehr Freiheit verschaffen, ihre Arbeitszeit an persönliche Lebensbedürfnisse anzupassen. Ob das für die Unternehmen einfacher wird als einst die pauschale Verkürzung, ist bisher offen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Einen Ausblick darauf, wohin die Reise gehen kann, liefert gerade die Eisenbahnergewerkschaft EVG mit einer neuartigen Tarifforderung: Sie will in der Lohnrunde bei der Deutschen Bahn eine Tariferhöhung mit Wahlmöglichkeit durchsetzen. Von ihrer Gesamtforderung von 7 Prozent sollen 4,5 Prozentpunkte in jedem Fall aufs Lohnkonto. Bei den anderen 2,5 Prozentpunkten sollen die Kollegen selbst wählen, ob sie dafür Geld haben wollen, eine Stunde weniger Wochenarbeitszeit oder sechs Tage mehr Jahresurlaub.

          „Die Interessen und Bedürfnisse unserer Mitglieder sind ganz unterschiedlich“, sagt EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. „Dazu mussten wir weg von den traditionellen Herangehensweisen.“ Die Deutsche Bahn findet den Ansatz durchaus interessant. Mehr maßgeschneiderte, individuelle Zeitmodelle seien „der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit“. Doch seien die Forderungen auch „komplex und möglicherweise teuer“. Die 7 Prozent der EVG sind eine der höchsten Tarifforderungen dieses Jahres.

          Massenproduktion auf dem Rückzug

          Zwei Entwicklungen treiben das neue Thema voran. Zum einen die erwartete Digitalisierung der Wirtschaft: So scheint Massenproduktion mit Heeren gleichförmig arbeitender Menschen auf dem Rückzug zu sein; dafür lassen Vernetzung und mobile Kommunikation fast überall neue Formen der Arbeitsorganisation und Arbeitszeitgestaltung zu. Zum anderen fördert die gesellschaftliche Debatte über Vereinbarkeit von Beruf und Familie den Wunsch nach „Zeitsouveränität“.

          Auch die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), die sich einst als erste auf betriebliche Öffnungsklauseln und flexible Arbeitszeitkorridore einließ, sieht die Tarifparteien damit vor neuen Reformaufgaben. „Wir haben in der Chemieindustrie eine lange Tradition einer sozialpartnerschaftlich getragenen Flexibilisierung“, sagt ihr Vorsitzender Michael Vassiliadis. „Fragt man heute aber die Beschäftigten, dann herrscht der Eindruck vor, dass die Flexibilität bisher kaum in ihrem Interesse genutzt worden ist, sondern vor allem im Interesse der Unternehmen.“

          Tatsächlich sieht der Chemie-Tarifvertrag schon seit 1989 vor, dass die wöchentliche Regelarbeitszeit - im Westen sind das 37,5 Stunden - in den Betrieben um bis zu zweieinhalb Stunden verkürzt oder verlängert werden kann, falls sich Betriebsrat und Geschäftsleitung einigen. Dass dabei im Alltag die betrieblichen Belange dominierten, liege meist gar nicht an „Böswilligkeit“, gesteht Vassiliadis zu. „Marktdruck führt dazu.“ Wenn aber das Thema Arbeitszeitgestaltung für die Beschäftigten nun immer wichtiger werde, „dann müssen wir mit den Arbeitgebern Wege suchen, wie wir vorhandene Instrumente in unseren Tarifverträgen besser darauf abstimmen“, so der IG-BCE-Chef.

          Mehr Spielraum

          Zwar sind noch keine Einzelheiten festgezurrt. Eine Stoßrichtung, die dann auch in eine der nächsten Tarifrunden für die 550.000 Chemie-Beschäftigten hineinreichen dürfte, ist aber absehbar: Sie sollen mehr Spielraum erhalten, ihre Regelarbeitszeit im Lauf des Berufslebens an die persönliche Situation anzupassen - durch eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit. So könnten etwa junge Arbeitnehmer Interesse an einer 40-Stunden-Woche und höherem Verdienst haben. Wird später mehr Zeit für die Familie benötigt, sind vielleicht 30 Stunden das Wunschmodell.

          Dies als Ziel zu beschreiben ist freilich einfacher als die Aufgabe, einen Tarifvertrag zu formulieren, der den Alltagstest bestehen kann: So müssen die Betriebe weiterhin vorausplanen, wie viel Personal ihnen für welche Aufgaben wann zur Verfügung steht. Unternehmen mit vielen Beschäftigten wie die Bahn (oder BASF und Bayer) können Schwankungen aber leichter ausgleichen als kleine. Dennoch sollen am Ende nicht nur Minderheiten etwas von den Neuerungen haben. Zugleich gilt es, das neue Flexibilitätsziel auf unterschiedliche Tätigkeiten zu übersetzen - doch für Schichtarbeiter in Rund-um-die-Uhr-Produktion lassen sich schwankende Arbeitszeitwünsche schwerer verwirklichen als im Büro. Ähnliches gilt für Modelle des „mobilen Arbeitens“ von zu Hause oder unterwegs, die eine freiere Zeiteinteilung erlauben sollen. Die Digitalisierung, betont Vassiliadis, öffne aber auch neue Wege, um die in der Chemieindustrie sehr verbreitete Schichtarbeit gesundheitsschonender zu gestalten. „Zum Beispiel werden neue flexiblere Modelle mit Teilzeitschichten möglich.“ Auch hier liege eine tarifliche Gestaltungsaufgabe.

          In einer Hinsicht müsse die Arbeitszeitpolitik indes sogar wieder stärker an frühere Zeiten anknüpfen - an die Zeit der Stechuhr: „Bei der Erfassung der täglichen Arbeitszeiten müssen wir voraussichtlich wieder traditioneller werden, damit eine an den Interessen der Beschäftigten ausgerichtete Flexibilisierung gelingen kann“, sagt der IG-BCE-Chef. Auch wenn es heute modernere Geräte als die Stechuhr gebe: „Es darf nicht sein, dass wir es mit einer wachsenden Zahl an nicht erfassten Überstunden zu tun haben.“

          Auch die IG Metall und die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie bereiten eine Neugestaltung von Arbeitszeitregeln vor. Arbeitsgruppen der Tarifparteien haben bereits damit begonnen, mögliche Verhandlungslinien auszuloten. Im Februar will die IG Metall eine große Beschäftigtenbefragung vorstellen, die zeigt, was ihre Mitglieder in Sachen Arbeitszeit von kommenden Tarifrunden erwarten.

          Neue Wege?

          Die IG BCE führt derweil etwas abseits der großen Aufmerksamkeit schon erste förmliche Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Allerdings tut sie es derzeit mit einer scheinbar altmodischen Forderung: Im Chemie-Tarifgebiet Nordost verlangt sie eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um 90 Minuten - um auch dort das Westniveau von 37,5 Stunden erreichen. „Angesichts vergleichbar hoher Produktivität in Ost und West sind Unterschiede bei Arbeitszeit oder Bezahlung heute einfach nicht mehr zu rechtfertigen“, sagt Vassiliadis. Doch wolle er dort zugleich neue Wege gehen: „Im Tarifgebiet Nordost haben wir jetzt die Chance, zu innovativen Arbeitszeitmodellen zu kommen.“

          Details sollen zwar erst in Kürze klarer werden. Einen interessanten Schritt hatten die Nordost-Tarifparteien aber schon 2011 getan: Statt die Regelarbeitszeit von 40 Stunden damals pauschal auf 39 Stunden zu verkürzen, vereinbarten sie eine flexible Regelung: Die Arbeitgeber zahlen den Wert der einen Stunde für jeden Mitarbeiter in einen betrieblichen Fonds. Und die Betriebsräte legen nun mit dem Management fest, welche Art der Arbeitszeitentlastung für bestimmte Lebenslagen sie damit der Belegschaft bieten: Ob das eine Pflegezeit für Angehörige ist, Altersteilzeit oder mehr Freizeit für Schichtarbeiter, stellt der Tarifvertrag zur Wahl.

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