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Arbeitswelt : Mehr Druck oder mehr Freiheit?

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Andrea Nahles hat eine aufwändige Studie erstellen lassen mit einem differenzierten Ergebnis: Was die Werte der Arbeitnehmer sind, das pluralisiert sich zunehmen. Bild: dpa

Arbeitswelt 4.0: Oft taucht der Begriff zusammen mit Horrorgeschichten auf. Die Roboter übernehmen, die Menschen haben nichts mehr zu tun. Ob die Menschen selbst das auch so sehen, hat nun Andrea Nahles höchstpersönlich untersuchen lassen.

          Viele Arbeitnehmer in Deutschland blicken allen Unkenrufen zum Trotz optimistisch in die Zukunft der digitalisierten Arbeitswelt. Das ist ein Ergebnis der Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“, die vom Bundesarbeitsministerium in Auftrag gegeben und an diesem Dienstag vorgestellt wurde. In einer Mischung aus qualitativen Tiefeninterviews und quantitativen Daten, hat das Ministerium von Andrea Nahles (SPD) versucht, mehr über die Werte der Arbeitnehmer in Deutschland herauszufinden, um die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 gezielter angehen zu können. Wie so häufig lautet das Ergebnis: Es kommt darauf an - die Bedürfnisse der Arbeitnehmer lassen sich heute noch schwerer als früher über einen Kamm scheren. Flexibilität bedeute etwa für die einen „mehr Druck“ und für die anderen „mehr Freiheit“.

          Befragt wurden 1200 Personen (1000 Erwerbspersonen, zwei Kontrollgruppen mit je 100 Personen) auf Basis des Mikrozensus von 2013 über ihre Vorstellungen zum Thema „Arbeit in Deutschland“. Der überraschende Teil des Ergebnisses: Angst vor der Digitalisierung ist nicht das vorherrschende Stimmungsbild. Fast die Hälfte der Befragten erwartet statt dessen, dass die eigene Arbeitssituation im Jahr 2030 nah an ihrem Idealbild liegen wird. Bezogen auf die Arbeitswelt in Deutschland im Jahr 2013 sagten das viel weniger - nämlich nur jeder Vierte. Vor allem was Mitgestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten anbelangt, haben die Erwerbstätigen durchaus positive Erwartungen an die Arbeitswelt von morgen. 

          Was den Ist-Zustand angeht, sind aber offenbar viele Arbeitnehmer mit der eigenen Arbeitssituation unzufrieden. Nur für knapp ein Fünftel der Befragten entspricht die eigene Arbeitssituation der Studie zufolge in etwa dem persönlichen Idealbild von Arbeit. 45 Prozent der Befragten sehen sich dagegen weit davon entfernt. In den Augen der Befragten hat sich seit den Neunzigerjahren die reale Arbeitswelt immer weiter vom Ideal des Wünschenswerten entfernt.

          Eine Schlussfolgerung der Ministerin aus den Ergebnissen: Arbeitnehmer in Deutschland sollen  künftig weitaus flexibler als bisher arbeiten können. „Ich nenne es Wahlarbeitszeit“, sagte Nahles bei der Halbzeitkonferenz des Dialogprozesses Arbeiten 4.0 am Dienstag in Berlin. „Die Technik bietet inzwischen immer mehr Möglichkeiten, zeitlich und räumlich flexibel zu arbeiten.“ Viele würden gerne häufiger im Homeoffice tätig sein.

          Zudem solle der Wechsel von Teilzeit etwa zur Kindererziehung zurück in den Vollzeitjob erleichtert werden. Dazu plane die Koalition ein Recht auf Rückkehr in die frühere Arbeitszeit.

          Nahles sprach sich außerdem dafür aus, mittelfristig ein Recht auf Weiterbildung einzuführen. „In der digitalen Wirtschaft sind alle darauf angewiesen, dass auch jenseits des konkreten Bedarfs weitergebildet wird“, sagte sie. Betriebe, Betroffene und Gesellschaft müssten dies gemeinsam finanzieren.

          Sieben „Wertewelten“

          Die vorgestellte Studie hingegen bleibt hinsichtlich direkt anwendbarer Rezepte schwammig. Sie gruppiert die Arbeitnehmer in insgesamt sieben unterschiedliche „Wertewelten“, die sich dem Ministerium zufolge nicht länger entlang der früheren Trennlinien Einkommen und Ausbildung bewegen. Während die einen etwa glauben, ihren Wohlstand hart erarbeiten zu müssen und trotz höchster Anstrengung immer wieder auf Widerstände zu stoßen, sind andere der Überzeugung, mit genügend Engagement fast alles erreichen zu können. Es gebe in der heutigen, stark pluralisierten Arbeitswelt zudem Menschen, die eine hohe Individualisierung schätzten und andere, die den Zusammenhalt unter Kollegen vermissten.

          Zudem wollten sich manche zunehmend durch Arbeit selbst verwirklichen, während andere den Sinn des Lebens außerhalb der Arbeit suchten und dritte schlicht eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben anstrebten. Die vage Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen am Ende: Die „Differenziertheit der Wertwelten in Inhalt und Ansprache“ müsse „deutlich stärker als bisher“ berücksichtigt werden.

          Immer mehr Menschen haben einen Nebenjob

          Neben den Veränderungen in den Wertvorstellungen gab es zeitgleich auch Berichte über handfeste Veränderungen in der Art und Weise der Beschäftigungsverhältnisse: Immer mehr Arbeitnehmer haben heutzutage zu ihrem Haupterwerb noch einen Minijob. Von 2006 bis 2015 ist die Zahl derjenigen, die im Nebenjob einer geringfügigen Beschäftigung nachgingen, von 1,63 Millionen auf 2,48 Millionen gestiegen. Das entspricht einer Steigerung um 52 Prozent, berichtete die „Thüringer Allgemeine“ unter Berufung auf Zahlen des Bundesarbeitsministeriums.

          Besonders groß war demnach der Zuwachs an nebenberuflichen Minijobs in Ostdeutschland. Im Juni 2015 hatten in den ostdeutschen Bundesländern mit 227.000 Frauen und Männern 64 Prozent mehr Arbeitnehmer einen angemeldeten Nebenjob als 2006. Aber auch in Westdeutschland spielt der Nebenerwerb eine größere Rolle (Juni 2015: 2,25 Millionen Minijobs; Juni 2006: 1,49 Millionen - das ist eine Steigerung 51 Prozent).

          Obwohl die Gesamtzahl der Minijobs nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes im vergangenen Jahr gesunken ist, stieg die Zahl der Minijobber im Nebenerwerb bis Juni 2015 weiter an. Insgesamt lag die Zahl der haupt- und nebenberuflichen Minijobber im vergangenen Sommer in ganz Deutschland bei 7,38 Millionen, rund 12 Prozent mehr als 2006. Wie aus der Auswertung der Arbeitsmarktstatistik durch die Bundesregierung weiter hervorgeht, sind mit  4,5 Millionen beinahe zwei Drittel der Betroffenen Frauen.

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