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Sophia von Rundstedt : „Scheitern ist für Topmanager besonders schmerzhaft“

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Schwere Zeiten für die Deutsche Bank - und für ihre Führungskräfte Bild: Reuters

Heute Chef, morgen schon arbeitslos. Führungskräfte fallen nach dem Verlust ihres Postens oft in ein tiefes Loch. Hohe Abfindungen können die Not sogar noch vergrößern, sagt die Trennungsberaterin Sophia von Rundstedt im Interview.

          Die Deutsche Bank baut 4000 Stellen ab. Was heißt das für die Betroffenen?

          Eine solche Nachricht ist zunächst vergleichbar mit dem Aufziehen eines Gewitters. Am Horizont braut sich etwas zusammen. Aber die Hoffnung, dass die eigene Person nicht betroffen ist, stirbt zuletzt. Wenn der einzelne Mitarbeiter schließlich die Trennungsbotschaft empfängt, trifft das viele wie ein Schock. Sie haben oft das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ein Trennungsprozess ist für keinen der Beteiligten leicht. Führungskräfte, die die Nachricht überbringen müssen, leiden oft unter dieser Aufgabe oder sind unsicher, wie sie sich richtig im Gespräch verhalten.

          Für Manager ist die Fallhöhe besonders groß. Wie gehen die meisten damit um?

          Trennungsberaterin Sophia von Rundstedt

          Das Scheitern ist besonders für Topmanager eine schmerzhafte Erfahrung, die das Selbstwertgefühl erschüttert und eine Zäsur bedeutet. Eben noch auf der Überholspur, ein Arbeitsalltag unter Hochspannung, an dem ein wichtiger Termin den nächsten jagte. Und plötzlich Vollbremsung, Stillstand. Besonders hart trifft es diejenigen, die sich überwiegend über ihre Position definieren. Diese Einstellung ist jedoch gerade bei Topmanagern nicht ungewöhnlich, da die Arbeit einen sehr großen Teil ihres Lebens - einschließlich des Privatlebens - bestimmt hat. Mit der Position bricht die zentrale Säule ihres Lebenskonzepts weg. Plötzlich sind sie den ganzen Tag zu Hause, fragen sich, wie sie dies der Familie und Freunden erklären. Nicht selten kommt es zu familiären Spannungen. Letztlich erleben wir einen Übergang aus einer sehr eng bestimmten Struktur des Lebens in eine - zumindest subjektiv wahrgenommene - Strukturlosigkeit.

          Führungskräfte sind gut vernetzt. Reichen da nicht ein paar Anrufe für einen neuen Arbeitsplatz?

          Viele gescheiterte Manager tun sich zunächst schwer damit, ihr Netzwerk zu aktivieren und ihre Kontakte gezielt um Unterstützung zu bitten. Sie empfinden dies als Erniedrigung und Demütigung. Hinzu kommt, dass Manager häufig die schmerzhafte Erfahrung machen, dass mit der Spitzenposition auch ein Teil ihrer Kontakte wegbricht. Ihnen wird bewusst, dass sie in manchen Fällen nur aufgrund ihrer Funktion und der damit verbundenen Einflussmöglichkeiten ein geschätzter Netzwerkpartner waren, nicht aufgrund ihrer Person. Um aus dieser Krise herauszufinden, neuen Mut zu schöpfen und eine Strategie und Positionierung für den nächsten beruflichen Schritt zu erarbeiten, benötigen Topmanager Gesprächspartner auf Augenhöhe, mit denen sie sich austauschen können und die ihnen helfen, das angekratzte Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

          Viele bekommen hohe Abfindungen ...

          Eine hohe Abfindung wiegt den Mitarbeiter in trügerischer Sicherheit. Irgendwann ist der Betrag aufgebraucht, und wer nach Übermittlung der Trennungsbotschaft nicht zügig beginnt, sich um eine berufliche Alternative zu bemühen, wird feststellen, dass der berufliche Wiedereinstieg mit jedem Monat zusätzlicher Beschäftigungslosigkeit schwieriger wird. Eine Beratung zur Neuorientierung hingegen garantiert einen systematischen Weg hin zu einer neuen Aufgabe.

          Sie bieten Outplacement-Beratung an. Was ist dabei Ihre wichtigste Funktion?

          Mit der Outplacementberatung unterstützen wir das Unternehmen dabei, sich von Mitarbeitern so fair und konstruktiv wie möglich zu trennen. Wir bereiten Führungskräfte in Workshops auf das Führen von Trennungsgesprächen vor. Den scheidenden Mitarbeitern helfen wir bei der Verarbeitung der Trennung, erarbeiten gemeinsam eine neue berufliche Perspektive und unterstützen sie bei der Suche nach einer neuen Aufgabe. Outplacement hat aber auch eine positive Wirkung auf die verbleibenden Mitarbeiter. Durch den wertschätzenden Umgang mit den ausscheidenden Kollegen bleiben Motivation und Loyalität erhalten. In der Außenwirkung wird der Imageverlust durch den Personalabbau begrenzt.

          Fast alle Banken bauen wegen der Digitalisierung Stellen ab. Was können Sie den Betroffenen überhaupt anbieten?

          Aufgrund der massiven Veränderungen in der Bankenbranche werden selbst gute Kandidaten vielfach keine Möglichkeiten in vergleichbarer Funktion bei Mitbewerbern finden. Gerade in Marktfunktionen mit Kundenkontakt, wo ein branchenübergreifender Einsatz schwierig ist, wird daher ein Strategiewechsel erforderlich. Wir setzen hier an, geben Impulse für neue Karriereoptionen und begleiten sie bei der erfolgreichen Umsetzung im Arbeitsmarkt. Dabei haben wir aufgrund unseres branchenübergreifenden Kontaktnetzes nicht nur den offenen, sondern auch den verdeckten Stellenmarkt im Blick. Unsere Klienten finden letztendlich doppelt so schnell eine neue Position als Betroffene, die keine Beratung in Anspruch nehmen.

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