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Ausgefallene Züge, fehlende Altenpfleger : Fachkräftemangel wird im Alltag spürbar

Dringend gesucht und schwer zu finden: Fahrdienstleiter für die Bahn Bild: Cornelia Sick / F.A.Z.

An einem Großstadtbahnhof fallen die Züge aus, Kunden warten wochenlang auf ein Hörgerät, alte Menschen wünschen sich mehr Zeit von ihren Pflegern. Der Fachkräftemangel ist in unserem Alltag angekommen. Und es könnte noch schlimmer werden.

          Die Zugausfälle am Mainzer Bahnhof haben Reisenden im vergangenen Jahr einen sehr konkreten Eindruck davon vermittelt – nun ist es auch im neuen Fachkräftebericht der Bundesregierung dokumentiert: Qualifizierte Eisenbahner sind äußerst knapp. Dass Lokführer fehlen, hatte die Regierung schon 2012 amtlich festgestellt, inzwischen ist auch ein Mangel an Bahntechnikern und Fahrdienstleitern statistisch nachgewiesen. Freie Stellen in diesen Berufen können erst nach 120 bis 190 Tagen besetzt werden, auf jede Stelle kommt rechnerisch weniger als ein Arbeitsloser. Im Sommer 2013 hatte ein Personalnotstand im Mainzer Stellwerk wochenlang den Zugverkehr gelähmt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das Problem mit dem fehlenden Fachpersonal reicht aber über die Bahn hinaus, wie der am Mittwoch von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) vorgelegte Fachkräftebericht zeigt. In insgesamt 20 Berufen ist das Verhältnis von Nachfrage und Angebot so ungünstig, dass sie nach den statistischen Kriterien der Arbeitsagentur als Mangelberufe gelten. Das ist ein Drittel mehr als vor Jahresfrist. Es gilt für Orthopädiemeister, Hörgeräteakustiker und Altenpflegekräfte wie für Softwareentwickler, Mechatroniker und Energietechniker. Hinter dem Trend steht der demographische Wandel, durch den die Zahl der nachwachsenden Arbeitskräfte allmählich sinkt.

          Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) berichtete am Mittwoch nach einem Gespräch mit Nahles, dass bereits mehr als ein Drittel der Betriebe im Fachkräftemangel ein Risiko fürs eigene Geschäft sehe. Das seien gut doppelt so viele wie 2010. Noch bedenklicher als der Mangel an hochspezialisierten Akademikern ist dabei nach de, Urteil von DIHK-Präsident Eric Schweitzer der Mangel an Facharbeitern. Allein in den Technikberufe würden bis Ende des Jahrzehnts noch 1,4 Millionen Facharbeiter zusätzlich benötigt. Schweitzer warnte daher vor einer „ungebremsten Akademisierung“ des Berufsnachwuchses. „Nicht jeder Abiturient ist mit einem Studium gut beraten“, sagte er.

          Nahles sieht Potential bei Frauen und Teilzeitkräften

          Die große Koalition stellte am Mittwoch heraus, dass sie ihre eigene Arbeit für erfolgreich halte. Arbeitsministerin Nahles hob hervor, dass die Zahl der erwerbstätigen Frauen und Älteren stark angestiegen sei. Der Anteil der Frauen im Erwerbsalter, die auch tatsächlich berufstätig sind, habe sich seit 2006 von 65 Prozent auf fast 73 Prozent erhöht. Der Anteil der Erwerbstätigen unter den 55- bis 64-Jährigen habe sich von 48 auf 65 Prozent erhöht. Vor allem in der Altersgruppe über 60 Jahre gebe es aber noch viel zu tun, um vorhandene Beschäftigungspotentiale zu nutzen, sagte sie.

          Dazu passt jedoch nach Ansicht des DIHK und auch oppositionellen der Grünen nicht die aktuelle Rentenpolitik. „Mit ihren Rentenplänen macht Arbeitsministerin Nahles die erzielten Fortschritte bei der Beschäftigung Älterer zunichte“, kritisierte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Brigitte Pothmer. Immerhin rechne Nahles selbst damit, dass durch die Rente mit 63 schon im ersten Jahr bundesweit 50.000 ältere Beschäftigte früher als beabsichtigt in Rente gehen würden. „Das ist ein kapitaler Aderlass, der den Fachkräftemangel massiv verschärfen wird“, warnte Pothmer.

          Nahles wertete die Ergebnisse des Fachkräfteberichts als Bestätigung ihrer Pläne, Teilzeitkräften einen Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeitarbeit zu verschaffen. Zu viele der erwerbstätigen Frauen hätte nur eine kleine Teilzeitstelle, obwohl sie eigentlich mehr arbeiten wollten. Überdies müssten junge Menschen gezielter als bisher an eine Berufsausbildung herangeführt werden, sagte sie. Als Musterbeispiel dafür nannte sie die vor einiger Zeit in Hamburg eingerichtete „Jugendberufsagentur“, die Schulabgänger systematisch bei den ersten Schritten ins Berufsleben begleitet.

          Einen kleinen, aber sehr konkreten Erfolg in der europäischen Fachkräfte- und Arbeitsmarktpolitik hatte die Ministerin schon am Mittwoch zu verkünden: Das Programm, mit dem die Regierung ausbildungswillige junge Menschen aus EU-Krisenstaaten fördern wollte, läuft doch weiter. Mit den neuen Haushaltsbeschlüssen gibt es dafür nun bis 2018 insgesamt 359 Millionen Euro. Das Programm war zuvor gestoppt worden, weil aus haushaltsrechtlichen Gründen ein finanzieller Engpass entstanden war. Sie sei „sehr froh“, dass dieser zu Ende sei und nun sogar 140 Millionen Euro mehr verfügbar seien als zuvor, sagte Nahles.

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