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Arbeitsmarkt : Studie nährt Zweifel am grünen Stellenwunder

Frischer Wind auf dem Arbeitsmarkt? Nicht unbedingt durch „grüne“ Stellen, besagt eine neue Studie. Bild: dpa

Ist der ökologische Umbau der Wirtschaft wirklich gut für den Arbeitsmarkt? Eine Studie meldet Zweifel an. Während Jobs bei Windanlagenbetreibern entstehen, fallen Stellen in Kohlekraftwerken weg. Und viel hängt an den Subventionen.

          Wenn es um die Pläne zum ökologischen Umbau der deutschen Wirtschaft geht, werben Politiker und Wissenschaftler häufig mit dem Argument, dies schaffe viele neue Arbeitsplätze. Die SPD hielt schon im vergangenen Wahlkampf ein Million neuer Arbeitsplätze innerhalb von zehn Jahren für möglich. Die Ökoexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält ein solches Potential noch immer für möglich. Auch Grüne und Linkspartei stellen Hunderttausende grüner Arbeitsplätze in Aussicht. Doch solche Prognosen basieren häufig auf unsicheren Annahmen, und es fehlt an einer zuverlässigen Datenbasis. Deshalb warnt eine neue Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vor undifferenzierten und vorschnellen Erwartungen an eine „Green Economy“ in Deutschland. „Ich halte die Euphorie, wie sie von interessierter Seite an den Tag gelegt wird, für deutlich überzogen“, lautet das Fazit des Autors Nico Pestel. „Ich glaube nicht, dass Green Jobs auf absehbare Zeit für ein Beschäftigungswunder sorgen werden“, sagte Pestel der F.A.Z.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Pestel hat untersucht, welche Daten über die Entwicklung sogenannter „Grüner Arbeitsplätze“ in Deutschland überhaupt zur Verfügung stehen und ob sich daraus ein nennenswerter Trend für den Arbeitsmarkt ablesen lässt. Seine Ergebnisse sind eher ernüchternd. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesumweltministeriums 2008 ging von rund 2 Millionen Beschäftigten im gesamten Umweltschutz aus. Dies entspreche allerdings nicht einmal 5 Prozent aller Erwerbstätigen. Zwar habe sich die Zahl der Arbeitnehmer im Bau von Anlagen für erneuerbare Energien zwischen 2004 und 2012 auf 380.000 verdoppelt. Dies entspreche jedoch nicht einmal einem Prozent der Erwerbstätigen.

          Methodische Mängel

          Zudem hängen laut Pestel rund zwei Drittel dieser Arbeitsplätze von den Subventionen des Ökostroms durch private oder gewerbliche Verbraucher ab. Aus seiner Sicht ist der Anstieg auf mehr als eine halbe Million Stellen innerhalb von rund zwanzig Jahren mit Blick auf die Marktentwicklung äußerst fraglich. Diese Zweifel nähre etwa der jüngste Einbruch der Solarbranche. Auch Umfragen unter Unternehmen der Beraterfirma Roland Berger, die daraus starke Zuwächse der Ökoarbeitsplätze vorhersagen, leiden aus Pestels Sicht unter einer intransparenten Methodik.

          Beim Thema grüne Arbeitsplätze bestehe noch großer Forschungsbedarf, lautet seine Schlussfolgerung. Zum einen werde eine eindeutige, international vergleichbare Definition von „Grüner Beschäftigung“ benötigt. Zudem sei es wichtig, auch die Netto-Bilanz zu betrachten. Es geht nicht nur darum, wie viele Arbeitsplätze neu entstünden. „Wir müssen gleichzeitig untersuchen, wie viele dadurch ersetzt werden oder ganz wegfallen.“ Dazu liegen bislang keine Zahlen vor.

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