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Arbeitsmarkt im Wandel : Höchste Zeit für Weiterbildung!

  • -Aktualisiert am

Weiterbildung ist das Gebot der Stunde. Bild: dpa

Unternehmen und ihre Beschäftigten stehen vor großen Umbrüchen. Sie müssen etwas tun. Wenn es um die nächste Generation geht, ist aber eindeutig der Staat gefragt.

          Stillstand ist der Tod, das wusste schon Max Frisch, das sang Herbert Grönemeyer, und das ist grundsätzlich natürlich auch der deutschen Wirtschaft klar. Diesen Gedanken tatsächlich zu beherzigen war aber womöglich nie wichtiger als heute. Denn die Unternehmen im Land und mit ihnen mehr als 45 Millionen Erwerbstätige stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Die kleinere ist die aktuelle konjunkturelle Schwächephase, die vor allem die exportorientierte deutsche Industrie trifft: Maschinenbau, Autobranche, chemische Industrie. Die größere ist der Strukturwandel durch zwei Megatrends: die Digitalisierung und die Elektromobilität.

          Eins zu zehn, so kalkuliert beispielsweise Bosch, der umsatzstärkste Automobilzulieferer der Welt. Soll heißen: Wofür in der Welt der Verbrennungsmotoren bis zu zehn Mitarbeiter benötigt werden, braucht es künftig einen einzigen. Was wird dann aus all den Ingenieuren, die sich mit Kolben und Zylindern auskennen, nicht aber mit Lithium-Ionen-Batterien?

          Ein anderes Beispiel: In Banken, Versicherungen und im Handel werden schon heute Aufgaben von Algorithmen übernommen, die bislang Menschen erledigten. Auch in der Industrie macht die Digitalisierung zum Teil Personal überflüssig. Wo früher Menschen Karosserieteile zusammenschweißten, überwachen heute viel weniger Leute die Arbeit von Robotern. Bald könnte auch das eine Künstliche Intelligenz übernehmen.

          Auch die Mitarbeiter sind in der Pflicht

          Das Wort der Stunde lautet daher: Weiterbildung. Vor allem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich bei diesem Thema viel vorgenommen und auf seiner Sommerreise gerade Grundzüge für ein „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ vorgestellt. Es sieht insbesondere mehr finanzielle Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit vor sowie die Möglichkeit, Kurzarbeit und Weiterbildung miteinander zu verknüpfen. Nun ist grundsätzlich zu begrüßen, dass die Politik sich mit den bevorstehenden Umbrüchen auseinandersetzt, schließlich stehen Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum und damit auch der Wohlstand des Landes auf dem Spiel.

          Die Bemühungen dürften jedoch schnell an Grenzen gelangen, denn Weiterbildung ist erst einmal die ureigene Aufgabe der Unternehmen – und das aus gutem Grund. Schließlich wissen sie am besten, welche Qualifikationen sie in Zukunft benötigen werden.

          Der Autozulieferer Continental geht mit gutem Beispiel voran. Das Unternehmen hat kürzlich ein Institut gegründet, an dem die Mitarbeiter qualifiziert werden können. Losgehen soll es mit Beschäftigten aus der Produktion, und hier insbesondere mit Un- und Angelernten, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Das ist sinnvoll, weil im Zuge von Elektrifizierung und Digitalisierung tendenziell einfache Tätigkeiten durch komplexere Aufgaben ersetzt werden. Die finanziellen Zuschüsse des Staates für solche Maßnahmen wurden im vergangenen Jahr mit dem Qualifizierungschancengesetz schon ausgeweitet. Conti weist zu Recht darauf hin, dass darüber hinaus auch die Mitarbeiter in der Pflicht sind. Wer weiter gebraucht werden will, muss dafür auch selbst etwas tun.

          Man kann derzeit den Eindruck gewinnen, dass noch zu wenige Unternehmen die Transformation entschlossen angehen, was im laufenden Betrieb schwierig sein mag, aber unausweichlich ist. Die Idee, Phasen der Kurzarbeit für die Weiterbildung der Mitarbeiter zu nutzen, liegt daher nahe. Der Maschinenbauer Trumpf hat genau das schon in der großen Wirtschaftskrise vor zehn Jahren gemacht.

          Wo der Staat gefragt ist

          So hat das Unternehmen nicht nur Entlassungen vermieden, sondern ging aus der Krise sogar gestärkt hervor. Klar ist aber: Die Mittel aus der prall gefüllten Arbeitslosenkasse dafür zu verwenden ist nur sinnvoll, wenn sie zielgenau zum Einsatz kommen. Sie dürfen nicht dazu führen, dass nötige Reformen verschleppt werden, indem Mitarbeiter, die eigentlich nicht mehr gebraucht werden, im Unternehmen gehalten werden.

          Eine zentrale Frage ist mit alldem noch nicht beantwortet: Was ist mit denjenigen, für die es keine Aufgabe im gleichen Unternehmen gibt? Die den Betrieb wechseln oder gleich ganz neu anfangen müssen? Natürlich ist denkbar, dass ein Ingenieur für Verbrennungsmotoren bei einem Maschinenbauer unterkommen kann; oder dass aus einem Versicherungsfachmann ein Datenanalyst wird. Finanzielle Unterstützung durch die Bundesagentur für Arbeit ist schon heute möglich, etwa für eine abschlussorientierte Weiterbildung. Arbeitsminister Heil will den Instrumentenkasten noch erweitern, wobei auch hier entscheidend ist, dass die Förderung passgenau erfolgt – das Gießkannenprinzip war noch nie effizient.

          Ganz eindeutig gefragt ist der Staat hingegen, wenn es um die nächste Generation der Beschäftigten geht. Sie müssen durch gute Bildungspolitik, durch ausreichend Lehrer und die nötige technische Ausstattung auf das digitale Zeitalter vorbereitet werden. Bis dahin ist vor allem Engagement nötig– von den Beschäftigten selbst und von den vielen Unternehmen, die zum Teil schon recht verzweifelt Fachkräfte suchen. Wie heißt es doch bei Grönemeyer? Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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