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Arbeitskleidung : „Menschen wollen im Beruf gut aussehen“

Praktisch und schick: die Unternehmer Matthias Goost (links) und Harald Goost versuchen den Spagat. Bild: Schoepal, Edgar

Modisch soll ihre Kleidung sein, aber auch dutzende Wäschen überstehen. Nein, die Rede ist nicht vom neuesten Outdoor-Schick, sondern von Berufsbekleidung. Hier verraten zwei Unternehmer, wie sie mit ihrer Mode bei Arbeitnehmern punkten wollen.

          Eine Arbeitsjacke muss heute genauso gut aussehen wie eine Freizeitjacke“, sagt Harald Goost und holt als Beleg gleich mehrere Modelle aus dem nahen Showroom. Die grüne Strickfleecejacke ist zum Beispiel für Gärtner gedacht. An all jene, die beruflich draußen zu tun haben, richtet sich die schwarze Softshelljacke. Selbst die Warnschutzvariante in knalligem Gelb soll - so weit als möglich - modischen Ansprüchen genügen. Die silbernen Reflektorstreifen sind schräg aufgesetzt, der Schnitt ist unten abgerundet.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          „Die Leute wollen sich auch in ihrer Berufsbekleidung wohl fühlen“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Bierbaum Proenen GmbH & Co. KG. Der emotionale Aspekt der Kleidungsstücke gewinne immer stärker an Bedeutung, ebenso die Markenbildung. Fast wie ein Outdoor-Anbieter inszeniert das Kölner Familienunternehmen, das im vergangenen Jahr sein 225-jähriges Bestehen gefeiert hat, seine Produkte unter der Marke BP im Katalog. Gutaussehende Models mit Dreitagebart halten dort mit übergezogener Kapuze Wind und Wetter stand.

          In den Freizeitmarkt wolle Bierbaum Proenen aber nicht vordringen, macht der zweite Geschäftsführer Matthias Goost klar. „Wir machen professionelle Arbeitskleidung. Wenn sie auch für die Freizeit funktioniert, ist das wunderbar.“ Das Design soll modern, gleichzeitig aber auch mehrere Jahre lang tragbar sein, da die Kunden ihre Kollektionen nicht ständig austauschen wollen.

          Die Kleidung muss viele Waschgänge überstehen

          Die Anforderungen an die Kleidung für den Beruf beschreiben die Brüder - der jüngere ziemlich agil, der ältere eine Spur zurückhaltender - als außerordentlich hoch. Die größte Herausforderung bestehe darin, dass die Produkte den industriellen Waschverfahren standhalten müssen. Trotz vieler Waschgänge sollen weder Farbe noch Form oder Schutzfunktionen verlorengehen. Häufig übernehmen große Textildienstleister für Kliniken, Industriebetriebe oder Hotels die Ausstattung der gesamten Belegschaft und besorgen auch die Wäsche. Neben der Robustheit der Materialien kommt es zudem auf Tragekomfort und Funktionalität an. Viel Wert legen die Goosts zudem auf Lieferschnelligkeit. Von einem Lager bei Münster aus werden 95 Prozent aller Bestellungen am gleichen Tag geliefert.

          Bierbaum Proenen kleidet unter anderem Mitarbeiter in Küchen, Arztpraxen, Handwerksbetrieben und der Lebensmittelindustrie ein. Seit 2010 bietet der Mittelständler auch zertifizierte Schutzausrüstung etwa für Schweißer, Gleisarbeiter oder Beschäftigte in der Petrochemie an. Dabei geht der Trend zu sogenannter Multinorm-Bekleidung, wie Matthias Goost berichtet. Einen „Zehnkämpfer“ nennt er die Kollektion plakativ, da ein Kleidungsstück gleich mehrere Arbeitsschutznormen erfüllt. Durch die Kombination verschiedener Textilfasern wird gleichzeitig Schutz gegen Hitze, Chemikalien, statische Entladung und einen Lichtbogen gewährleistet.

          Mit Warnjacken und -hosen in Gelb oder Orange werden darüber hinaus Beschäftigte im Straßenverkehr, im Abfallwesen oder der Energiewirtschaft ausgerüstet. In der zertifizierten Schutzbekleidung - „ein noch kleines Pflänzchen“ - wittert Harald Goost die größten Wachstumschancen für das Unternehmen. Mit einem Umsatz von zuletzt 41,5 Millionen Euro (plus 8 Prozent) sieht sich Bierbaum Proenen unter den fünf führenden Anbietern von Berufsbekleidung in Deutschland. Als größte der insgesamt rund 100 Anbieter gelten der schwedische Kwintet-Konzern sowie die deutschen Unternehmen Engelbert Strauss, Kübler und Rofa.

          Die Produktion ist schon lange im Ausland

          Am Stammsitz unweit des Kölner Doms, wo 110 Menschen beschäftigt sind, unterhält Bierbaum Proenen eine Musternäherei, in der 15 Näherinnen neu entworfene Kleidungsstücke gewissermaßen als Prototypen fertigen. Die Produktion ist schon lange im Ausland. In Tunesien betreiben die Kölner seit 1997 eine eigene Fertigungsstätte mit 260 Mitarbeitern. Darüber hinaus sind knapp 20 Partnerbetriebe in Mazedonien, Bulgarien, der Türkei, China, Vietnam und Pakistan für den Familienbetrieb tätig.

          „Wir machen kein Lieferanten-Hopping“, betont Harald Goost, „sondern arbeiten mit unseren Partnern über Jahrzehnte zusammen.“ Anders sei es nicht möglich, die geforderten Qualitätsstandards zu gewährleisten - „Mängel fallen bei der Industriewäsche sofort auf“. Stoffe, Reißverschlüsse oder Knöpfe werden zum Teil in Europa eingekauft und an die Lohnfertiger geliefert. In China und Pakistan beziehen die Partner die Materialien nach strengen Vorgaben aus der Region. „Es bedarf einer langen Vorbereitung, bis das funktioniert“, sagt Matthias Goost.

          Seit 2010 ist das Unternehmen Mitglied der Fair Wear Foundation. Die Initiative aus den Niederlanden setzt sich für faire Arbeitsbedingungen in der internationalen Bekleidungsindustrie ein. 90 Prozent der für Bierbaum Proenen tätigen Produktionsstätten seien schon begutachtet worden, berichtet Matthias Goost. Einmal im Jahr wird für die Gruppe ein Bericht erstellt, der Verbesserungspotentiale aufzeigt. Fortschritte seien schon bei den Arbeitsverträgen und beim Brandschutz erreicht worden, heißt es.

          Verkauft wird die Kleidung über Fachgeschäfte, Großhändler für die Industrie oder an Textilserviceunternehmen. Im vergangenen Jahr haben die Kölner zudem einen Onlineshop eröffnet. Das Internetgeschäft sei zufriedenstellend angelaufen, berichtet Matthias Goost, „aber es ist noch eine Menge zu tun“. Berufsbekleidung werde häufig nachgekauft, deshalb sei mit guten Wachstumsraten zu rechnen. „Unser größter Absatzkanal wird das Internet aber nicht werden.“ Stärkere Impulse werden vom Exportgeschäft erhofft, das momentan ein Viertel der Erlöse ausmacht. Bis 2020 soll der Auslandsanteil auf 50 Prozent klettern. Wichtigste Exportmärkte sind Frankreich, Benelux, die Schweiz und Österreich.

          Als „Reise ins Ungewisse“ beschreiben die Geschäftsführer ihre Entscheidung, die Vergangenheit des Unternehmens aufarbeiten zu lassen. Der Historiker Helmut Vogt sollte die Frage klären, in welchem Maße die Firma und ihre Führung in das System des Nationalsozialismus verstrickt waren. In seinem 2012 erschienenen Buch kommt er zu dem Schluss, dass Bierbaum Proenen kein nationalsozialistisches Unternehmen gewesen sei. Jedoch habe es auf unterschiedlichen Ebenen „Anpassungen“ an das System gegeben. Die Brüder berichten etwa von ihrem Urgroßvater Franz Proenen, der 1933 der NSDAP beitrat. Das Festhalten an seinem jüdischen Fachanwalt wiederum brachte dem damaligen Firmenchef ein Parteigerichtsverfahren ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb in der Domstraße, der zeitweise 1000 Mitarbeiter beschäftigte, fast völlig zerstört. „Als wir die Verantwortung für das Unternehmen übernommen haben, wollten wir alles wissen“, sagt Matthias Goost. Jetzt falle es deutlich leichter, mit der Vergangenheit umzugehen.

          Das Unternehmen

          Warnwesten, Ärztekittel oder Kochschürzen: Die Bierbaum Proenen GmbH & Co. KG ist einer der größten Anbieter von Berufsbekleidung in Deutschland. Das Familienunternehmen aus Köln stattet Mitarbeiter von Industrie, Handwerk, Gesundheitswesen und Gastronomie aus. Namensgeber sind Johann Baptist Bierbaum, der 1788 mit einem Leinenhandel in Köln den Grundstein legte, sowie sein Schwiegersohn Franz Arnold Proenen. Ein Viertel des Umsatzes von zuletzt 41,5 Millionen Euro wird im Ausland erzielt.

          Die Unternehmer

          Die Brüder Harald und Matthias Goost leiten Bierbaum Proenen in siebter Generation. Beide sammelten zunächst außerhalb des vom Vater geführten Unternehmens ihre Erfahrungen: Matthias Goost, 49 Jahre (links im Bild), arbeitete nach dem Mathematikstudium für eine Bank, bevor er 1997 in den Familienbetrieb einstieg. Er kümmert sich um die Beschaffung, die Finanzen und das Personal. Sein jüngerer Bruder Harald Goost, 45 Jahre, ist eingefleischter Marketing- und Vertriebsmann und seit 2003 im Unternehmen.

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