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Arbeitskleidung : „Menschen wollen im Beruf gut aussehen“

Die Produktion ist schon lange im Ausland

Am Stammsitz unweit des Kölner Doms, wo 110 Menschen beschäftigt sind, unterhält Bierbaum Proenen eine Musternäherei, in der 15 Näherinnen neu entworfene Kleidungsstücke gewissermaßen als Prototypen fertigen. Die Produktion ist schon lange im Ausland. In Tunesien betreiben die Kölner seit 1997 eine eigene Fertigungsstätte mit 260 Mitarbeitern. Darüber hinaus sind knapp 20 Partnerbetriebe in Mazedonien, Bulgarien, der Türkei, China, Vietnam und Pakistan für den Familienbetrieb tätig.

„Wir machen kein Lieferanten-Hopping“, betont Harald Goost, „sondern arbeiten mit unseren Partnern über Jahrzehnte zusammen.“ Anders sei es nicht möglich, die geforderten Qualitätsstandards zu gewährleisten - „Mängel fallen bei der Industriewäsche sofort auf“. Stoffe, Reißverschlüsse oder Knöpfe werden zum Teil in Europa eingekauft und an die Lohnfertiger geliefert. In China und Pakistan beziehen die Partner die Materialien nach strengen Vorgaben aus der Region. „Es bedarf einer langen Vorbereitung, bis das funktioniert“, sagt Matthias Goost.

Seit 2010 ist das Unternehmen Mitglied der Fair Wear Foundation. Die Initiative aus den Niederlanden setzt sich für faire Arbeitsbedingungen in der internationalen Bekleidungsindustrie ein. 90 Prozent der für Bierbaum Proenen tätigen Produktionsstätten seien schon begutachtet worden, berichtet Matthias Goost. Einmal im Jahr wird für die Gruppe ein Bericht erstellt, der Verbesserungspotentiale aufzeigt. Fortschritte seien schon bei den Arbeitsverträgen und beim Brandschutz erreicht worden, heißt es.

Verkauft wird die Kleidung über Fachgeschäfte, Großhändler für die Industrie oder an Textilserviceunternehmen. Im vergangenen Jahr haben die Kölner zudem einen Onlineshop eröffnet. Das Internetgeschäft sei zufriedenstellend angelaufen, berichtet Matthias Goost, „aber es ist noch eine Menge zu tun“. Berufsbekleidung werde häufig nachgekauft, deshalb sei mit guten Wachstumsraten zu rechnen. „Unser größter Absatzkanal wird das Internet aber nicht werden.“ Stärkere Impulse werden vom Exportgeschäft erhofft, das momentan ein Viertel der Erlöse ausmacht. Bis 2020 soll der Auslandsanteil auf 50 Prozent klettern. Wichtigste Exportmärkte sind Frankreich, Benelux, die Schweiz und Österreich.

Als „Reise ins Ungewisse“ beschreiben die Geschäftsführer ihre Entscheidung, die Vergangenheit des Unternehmens aufarbeiten zu lassen. Der Historiker Helmut Vogt sollte die Frage klären, in welchem Maße die Firma und ihre Führung in das System des Nationalsozialismus verstrickt waren. In seinem 2012 erschienenen Buch kommt er zu dem Schluss, dass Bierbaum Proenen kein nationalsozialistisches Unternehmen gewesen sei. Jedoch habe es auf unterschiedlichen Ebenen „Anpassungen“ an das System gegeben. Die Brüder berichten etwa von ihrem Urgroßvater Franz Proenen, der 1933 der NSDAP beitrat. Das Festhalten an seinem jüdischen Fachanwalt wiederum brachte dem damaligen Firmenchef ein Parteigerichtsverfahren ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb in der Domstraße, der zeitweise 1000 Mitarbeiter beschäftigte, fast völlig zerstört. „Als wir die Verantwortung für das Unternehmen übernommen haben, wollten wir alles wissen“, sagt Matthias Goost. Jetzt falle es deutlich leichter, mit der Vergangenheit umzugehen.

Das Unternehmen

Warnwesten, Ärztekittel oder Kochschürzen: Die Bierbaum Proenen GmbH & Co. KG ist einer der größten Anbieter von Berufsbekleidung in Deutschland. Das Familienunternehmen aus Köln stattet Mitarbeiter von Industrie, Handwerk, Gesundheitswesen und Gastronomie aus. Namensgeber sind Johann Baptist Bierbaum, der 1788 mit einem Leinenhandel in Köln den Grundstein legte, sowie sein Schwiegersohn Franz Arnold Proenen. Ein Viertel des Umsatzes von zuletzt 41,5 Millionen Euro wird im Ausland erzielt.

Die Unternehmer

Die Brüder Harald und Matthias Goost leiten Bierbaum Proenen in siebter Generation. Beide sammelten zunächst außerhalb des vom Vater geführten Unternehmens ihre Erfahrungen: Matthias Goost, 49 Jahre (links im Bild), arbeitete nach dem Mathematikstudium für eine Bank, bevor er 1997 in den Familienbetrieb einstieg. Er kümmert sich um die Beschaffung, die Finanzen und das Personal. Sein jüngerer Bruder Harald Goost, 45 Jahre, ist eingefleischter Marketing- und Vertriebsmann und seit 2003 im Unternehmen.

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