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Arbeitnehmer : Unsicherheit absichern

Bild: Cyprian Koscielniak

Vorgesetzte mögen keine Probleme, sondern Lösungen. Deshalb vertuschen viele Arbeitnehmer ihre Unsicherheit am Arbeitsplatz, statt lernbereit zu sein und wenn nötig auch mal Hilfe einzufordern.

          Kann man es sich leisten, Unsicherheit am Arbeitsplatz zu zeigen? „Man muss Sie sich leisten können, um glaubwürdig zu sein“, sagt Doris Brenner. „Wenn ich bluffe, etwas vorzugeben, was ich nicht halten kann, dann verliere ich Vertrauen“, erklärt die Karriereberaterin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie ist überzeugt, dass gute, besonders leistungsstarke Menschen sich dadurch auszeichnen, „dass sie eben nicht nonchalant alles hinnehmen, sondern erst einmal nachdenken, reflektieren und nicht blindlings in was hineinrennen“.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ausgeklammert ist hierbei ausdrücklich jene Unsicherheit, die von einem schwachen Selbstwertgefühl rührt. In der Entscheidungstheorie wird Unsicherheit unterteilt in Ungewissheit, Risiko und Unwissen. Es ist klug, sich darüber im Klaren zu sein, woher die eigene Unsicherheit rührt. „Unnötig zweifeln und zögern ist hingegen etwas völlig anderes“, betont Brenner. „Es geht darum, Dinge zu analysieren und eine Situation realistisch zu erfassen.“ Und sich selbstkritisch einzugestehen, wo Wissenslücken klaffen, „und wo der Schuss nach hinten losgehen kann“.

          Dann fallen Sätze wie ,Das müssten Sie doch längst draufhaben'“

          Wie verheerend das sein kann, wenn der Schuss nach hinten losgeht und sich überforderte Arbeitnehmer vor einem ungeduldig drängenden Chef wegducken, das ist immer wieder Thema in Doris Brenners Coachinggesprächen. So wie bei dem Angestellten, der für die Lagerführung eines Automobilzulieferers zuständig war. Er sollte die Bestandsführung mit einem IT-System abbilden, hatte das aber nicht im Griff und Angst, diese Schwäche seinem Chef einzugestehen. Irgendwann fielen die Fehlbestände auf - ausgerechnet einem Außenstehenden, der prompt den Vorgesetzten darauf aufmerksam machte. Dumm gelaufen.

          Unklare Strukturen, drohende Übernahmen, konkurrenzgetriebene Hektik nähren Verunsicherung. „Gerade dann fallen Sätze wie ,Das müssten Sie doch längst draufhaben'“, sagt die Berliner Psychologin Brigitte Scheidt. „Ein Mitarbeiter muss sich trauen können dürfen“, fordert Doris Brenner. Arbeitnehmer, die Unsicherheit verdrängen, spiegeln oft eine schlechte Führung. „Ist der Chef nicht offen für kritische Rückfragen, dann hat er eine Vertuschungskultur, das endet im Fiasko“, warnt sie. „Die Schwierigkeit im Alltag besteht darin, dass oft eine schnelle Lösung gefordert, die Hauruck-Aktion gewünscht wird.“ Motto: Der Chef sagt: „Machen Sie mal, aber ohne dass ein Haken dran ist!“

          Was immer geht: Ehrlich sein

          Aber welche Lösung, welches Vorgehen ist jeweils richtig? Unsicherheit im Beruf rührt oft von dem Eindruck, etwas nicht genau zu wissen. „Durch Fragen, Nachforschen, Prüfen holt man sich Sicherheit“, sagt die Karrierebuchautorin Scheidt. Gibt es eine neue Aufgabe mit neuen Anforderungen, spreche nichts dagegen, aber viel dafür, Hilfe anzufordern: „Wenn ich gut begründe, wo Hilfe oder ein Kollege vonnöten ist, ist das in Ordnung. Wichtig ist, zu wissen, wie mein Chef ,tickt', um mein Anliegen so zu formulieren, dass der Nutzen für ihn erkennbar ist, mal detaillierter, mal lösungsorientierter.“

          Anstatt sein ungutes Bauchgefühl zu verdrängen und ein heikles Thema zu meiden, hilft ein klares Wort, sagt Claudia Nuber, Coach aus Bernau am Chiemsee: „Ohne Aussage rhetorisch Rumeiern, das kommt schräg an, beschädigt Sie und katapultiert in die Schublade ,Blabla'. Was aber immer geht: Ehrlich sein. Etwa zu sagen, ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob wir diesen Bewerber einstellen, dieses Projekt durchführen sollten.“ Unsicherheit zu zeigen ist in Nubers Wahrnehmung nur dann möglich, wenn man konkret Lösungsmöglichkeiten anbietet. Beispiel Bewerberfrage: „Lasst uns noch Referenzen einholen und den Kollegen X fragen“ - oder bei Projekten: „Diese Entscheidung ist von solcher Tragweite, lasst es uns zu Ende denken.“

          Teile das Problem

          Allerdings gibt es perfektionistisch orientierte Menschen, die überzeugt sind, in jeder Situation stets alles wissen und können zu müssen. „Für solche Menschen ist es mit Scham behaftet, wenn sie andere fragen“, erklärt Brigitte Scheidt. „Diese erlernte Haltung ist für die Betreffenden anstrengend und kann sich als begrenzend erweisen.“ Und alles andere als zielführend, vor allem nicht in der Wissenschaft und Entwicklungsabteilungen, wo man mit Thesen und Hypothesen arbeitet, zu offenen Fragen vorstößt. „Unsicherheit ist hier Teil des Systems“, sagt die psychologische Psychotherapeutin. „Da besteht die Notwendigkeit, andere hinzuziehen. Motto: Teile das Problem.“ Die Offenheit, andere Meinungen einzuholen, erfordert Persönlichkeit. Im höheren Management geht es häufig um den Umgang mit Unwägbarkeiten. „Mal kann, mal muss man Unwägbarkeiten kommunizieren, tut man das nicht, ist das möglicherweise kontraproduktiv. Das sieht man bei der Atomkatastrophe in Japan. Für viele Fragen gibt es eben nicht die eine klare Antwort.“

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