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Arbeitnehmer mit chronischen Krankheiten : Wenn das der Chef wüsste

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Chronisch kranke Arbeitnehmer stehen immer vor einem Dilemma: Dem Chef Bescheid sagen oder die Krankheit geheim halten. Bild: Wolfgang Eilmes / F.A.Z.

Wer an einer chronischen Krankheit leidet, redet nicht gern darüber. Vor allem nicht am Arbeitsplatz. Und schon gar nicht mit dem Chef. Ist das klug?

          Das Schicksal des deutschen Studenten Moritz Erhardt, der während eines Praktikums bei einer Londoner Großbank starb, sorgte weltweit für Aufsehen. Der 21-Jährige hatte mehrere Nächte lang durchgearbeitet und kaum geschlafen. Später stellt sich heraus, dass er unter Epilepsie litt. Gerade Epileptiker brauchen Schlaf und einen geregelten Tagesablauf, Stress und Schlafmangel können einen Anfall provozieren. Vielleicht behielt der Praktikant seine Krankheit deshalb für sich. Aus Angst, als nicht belastbar zu gelten. Oder die begehrte Stelle gar nicht erst zu bekommen.

          Menschen, die chronisch krank sind, stehen im Berufsleben häufig vor diesem Dilemma. Sollen sie sich offenbaren? Neurologische Störungen wie Epilepsie oder Multiple Sklerose (MS) muss man ihnen nicht unbedingt ansehen, sie können also frei entscheiden, ob sie ihr Leiden zur Sprache bringen. Allerdings gilt das nicht, wenn sie dadurch andere Menschen gefährden. So müssen beispielsweise Piloten, Zugführer oder Chirurgen ihren Arbeitgeber informieren, wenn sie chronisch krank sind. Jemand, der am Schreibtisch tätig ist oder Kunden berät, ist wiederum nicht dazu verpflichtet. Das Problem stellt sich ihm trotzdem. Wie würden Kollegen und Arbeitgeber auf die Behinderung reagieren?

          Auch Lara Beyer, die in diesem Jahr ihr Abitur abgelegt hat, schlägt sich mit dieser Frage herum. Sie leidet unter Epilepsie. Im Alter von 14 Jahren erlitt sie ihren ersten Krampfanfall. Für den Teenager hieß das: ausreichend Schlaf, kein Alkohol, keine Partys. Knapp drei Jahre später trat der zweite Anfall auf, und die Abstände bis zum nächsten wurden immer kürzer. Lara Bayer muss sich jetzt für einen Beruf entscheiden. Sie würde gern Tierärztin oder Pfarrerin werden. Hauptsache ist, sie findet eine Arbeit, bei der sie nicht verstecken muss, dass sie Epileptikerin ist. „Ich würde es niemals verschweigen“, ist sich Lara Bayer sicher. Zu groß wäre ihr das Risiko, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem niemand weiß, was zu tun ist, wenn sie einmal einen Anfall bekäme.

          Fünf Prozent der Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung

          Nach dem Sozialgesetzbuch müssen sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber, die mehr als zwanzig Mitarbeiter beschäftigen, fünf Prozent der Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung vergeben. Nach den neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit blieben bei den privaten Arbeitgebern von etwa 780.000 Stellen, die 2011 zur Verfügung gestellt werden sollten, 240.000 Plätze unbesetzt. Gleichzeitig waren rund 170.000 Menschen mit Behinderung arbeitslos. Mehr als die Hälfte aller privaten Arbeitgeber mussten also einen Ausgleich dafür zahlen, dass sie die vorgeschriebene Quote nicht erfüllten. Im öffentlichen Dienst sah das etwas besser aus: Von mehr als 240.000 Stellen blieben nur 14.000 unbesetzt.

          Vor allem in der Privatwirtschaft tut man sich immer noch schwer damit, Behinderte einzustellen. Typische Bedenken lauten: Sie seien weniger belastbar, würden ineffizienter arbeiten und am Ende mehr Kosten verursachen. Um solche Hürden abzubauen, werden Arbeitsplätze für Behinderte vom Staat mit Zuschüssen gefördert.

          Für Alexander Frey (Name von der Redaktion geändert) kommt das nicht in Frage. Er arbeitet bei der Feuerwehr. Der heute 40-Jährige erfuhr vor zehn Jahren, dass er an Multipler Sklerose leidet. Diese entzündliche Nervenerkrankung hat unter anderem Lähmungen und Empfindungsstörungen, aber auch Sehstörungen zur Folge. Frey leidet vor allem unter Schüben mit heftigen Schmerzen und dem Empfinden, sein ganzer Körper sei starr und taub. Das hindert ihn nicht daran, weiter als Feuerwehrmann zu arbeiten. „Ich wollte der Mensch bleiben, der ich war, trotz meiner Krankheit“, erklärt Frey. Deshalb hat er seine Erkrankung vor Kollegen und Vorgesetzten verheimlicht. „Ich gebe mir besonders viel Mühe, meine Schwächen zu verdecken, damit niemand etwas merkt.“ Und das gelingt ihm bislang. Alle drei Jahre besteht er die amtsärztliche Untersuchung, als Grund für seine Schmerzen nennt er einen Bandscheibenvorfall. Die eigentlich notwendigen Medikamente nimmt er nicht regelmäßig, um den Amtsarzt nicht belügen zu müssen. Der leidenschaftliche Feuerwehrmann macht alle Einsätze mit und hat sich in zehn Jahren nur zweimal krankschreiben lassen. Wegen seiner Schmerzen muss er häufig über seine körperlichen Grenzen hinausgehen. Frey ist davon überzeugt, dass er die Stelle nicht behalten könnte, wäre das Leiden bekannt. Dann würden seine Schwächen im Mittelpunkt stehen, nicht mehr seine Stärken. „Ich bin glücklich mit meinem Beruf und meinem Leben“, sagt Frey. Daran soll sich nichts ändern.

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