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Arbeit und Freizeit : Beim Urlaub hört der Spaß auf

Elf Monate muss man arbeiten - den zwölften will man leben. Bild: dpa

Auf vieles würden die Deutschen verzichten. Nur auf Urlaub nicht. Selbst wenn sie im Stellwerk gebraucht werden. Aus dem Volk der Fleißigen ist ein Volk der Touristen geworden.

          Das berühmteste Stellwerk der Republik liegt in Mainz. Es könnte, wenn es sprechen könnte, eine Geschichte darüber erzählen, wie lebenswichtig der deutsche Arbeitnehmer den Urlaub nimmt und nehmen darf. Einmal weggefahren, ist die Fachkraft nur schwer zurückzuholen, selbst wenn deshalb ein ganzer Bahnhof abgekoppelt wird vom Schienennetz.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Urlaub ist den Deutschen heilig. Das bestätigt der Hamburger Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. Auf vieles würden die Deutschen verzichten, auf Ferien aber nicht. Es ahnt die Brisanz, wer den Begriff „Urlaub“ googelt: Die Suchmaschine braucht gerade eine fünftel Sekunde, um zum Suchbegriff 88 Millionen Einträge zu finden. Der Suchbegriff „Merkel“ kommt noch nicht einmal auf die Hälfte in der Zeitspanne.

          Die Deutschen finden Urlaub nicht nur wichtig, sondern auch gut, weshalb das folgende Umfrageergebnis naheliegt: Die große Mehrheit der hiesigen Arbeitnehmer findet: Es gibt zu wenige freie Tage, sagen die Allensbach-Meinungsforscher. Nur etwa 16 Prozent sagen, sie hätten genug Urlaub.

          In keinem anderen Land Europas gibt's so viel Urlaub

          Dabei ist der Urlaubsanspruch deutscher Arbeitnehmer stattlich: Urlaubs- und Feiertage zusammengenommen, können die Deutschen bei vollem Lohn rund acht Wochen frei nehmen. In keinem anderen Land in der Europäischen Union ist der Anspruch auf bezahlte Freizeit größer, rechnet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft aus.

          Der Urlaub hat eine echte Karriere hingelegt in Deutschland - nach schweren Anfängen allerdings. Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden erst einmal die freien Tage. Christliche Feiertage, von denen es viele gab, wurden zum Teil abgeschafft. Fabrikarbeiter mussten 16 Stunden am Tag (Kinder zwölf Stunden) schaffen, 52 Wochen im Jahr und sechs Tage in der Woche.

          Nur einzelne Unternehmen gewährten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwei, drei, maximal sechs Tage Urlaub im Jahr, schreibt die Gewerkschaft Verdi. Bierbrauer aus Stuttgart und Thüringen erstritten als Erste 1903 eine Urlaubsregel im Tarifvertrag: drei freie Tage.

          30 freie Werktage sind heute betriebliche Wirklichkeit

          Alltag war das noch lange nicht. Tarifhistoriker berichten von einem Vorarbeiter, der 1916 bei der AEG in Berlin nach zwanzigjähriger Tätigkeit erstmals vier Tage Urlaub erhielt. Argwöhnisch kam er jeden Tag mittags in den Betrieb und prüfte nach, ob jemand anderes seinen Arbeitsplatz übernommen hatte. Andere Arbeiter nutzten ihre Urlaubstage in jener Anfangszeit, um zusätzliches Geld zu verdienen - sie ließen sich den Urlaub „abgelten“, wie das hieß. Ein Vorgang, der heute zumindest im Grundsatz verboten ist.

          Richtigen Aufschwung nahm die Idee des Urlaubs erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Mindesturlaub von zwei Wochen wurde Gesetz, inzwischen sind es vier Wochen. Die betriebliche Wirklichkeit sind heute 30 freie Werktage.

          Das haben die Gewerkschaften durchgesetzt, obwohl für sie der Kampf um zusätzliche freie Tage nicht an erster Stelle stand: Sie kämpften prioritär für mehr Geld, dann für eine geringere Wochenarbeitszeit. Und danach erst ging es um Urlaub.

          Die Deutschen arbeiten hart für ihren Urlaub

          Den Durchbruch zu sechs Wochen Tarifurlaub erreichten die Arbeiter der westdeutschen Eisen- und Stahlindustrie daher eher versehentlich: Eigentlich wollte die Industriegewerkschaft 1978/1979 den Einstieg in die 35-Stunden-Woche durchsetzen. Sie streikten mehrere Wochen, doch die Arbeitgeber blieben hart: Statt weniger Wochenarbeit gewährten sie zum ersten Mal in der deutschen Tarifgeschichte sechs Wochen Tarifurlaub in der Stahlindustrie - zum Unmut vieler Arbeitnehmer. Sie hätten lieber weniger Wochenarbeitszeit gehabt.

          Sechs Wochen sind heute Standard. Selbst die Arbeitgeber nehmen es inzwischen klaglos hin. Vorbei sind die Standortdebatten, vergessen das Gerede vom „kollektiven Freizeitpark“ (Helmut Kohl). Das muss niemanden wundern. Wer mit 40 freien Tagen für Arbeitnehmer wirtschaftlich so erfolgreich ist wie die Vereinigten Staaten mit ungefähr 20 freien Tagen, der sieht keinen Grund, dem alten Vorbild nachzueifern.

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