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Anonyme Bewerbungen : Kandidat ohne Eigenschaften

  • -Aktualisiert am

Bewerbung der anderen Art: Nur die Qualifikation zählt, alles andere bleibt im Dunkeln. Bild: dpa

Anonyme Bewerbungen sollen vor Diskriminierung schützen. Doch bei Arbeitgebern kommen sie nicht gut an. Von einem Pilotprojekt ist wenig übrig geblieben. Zu Recht?

          Sich anpreisen und gleichzeitig anonym bleiben - das klingt nach einem ziemlich umständlichen Unterfangen. Ist es auch: Der Lebenslauf muss entrümpelt werden, es darf kein Name, keine Adresse, kein Geburtsdatum und kein Familienstand auftauchen. Was zählt, ist die Qualifikation - und sonst gar nichts. Alle notwendigen Informationen müssen in vorgefertigte Formulare im Internet übertragen werden. „Ich fand es sehr aufwendig“, berichtet Natalie Mankuleyio, die diesen Balanceakt vor eineinhalb Jahren bewältigte. „Da muss man richtig aufpassen. Denn manchmal verbergen sich Hinweise schon in Titeln wie Mediendesignerin.“

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Der Aufwand hat sich gelohnt, ihre anonyme Bewerbung hatte Erfolg. Inzwischen arbeitet Natalie Mankuleyio beim Münchner Internethändler Mydays GmbH - und sieht nun die Vor- und Nachteile dieses Verfahren von der anderen Seite des Schreibtischs. Als Personalleiterin bearbeitet sie jetzt selbst anonyme Bewerbungen. Für sie ist dieses Verfahren eine Erfolgsgeschichte, auch wenn sie als junge Frau mit kenianischen Wurzeln vorher auf der Suche nach einer neuen Stelle gar keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, zumindest nicht bewusst. „Ich hatte damals nicht das Gefühl, das zu brauchen“, räumt sie ein. Sie trieb eher die Neugier dazu, es einmal auf diesem Weg zu versuchen. „Aber ich bin generell überzeugt davon, dass Menschen Vorurteile haben. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, ein anonymisiertes Verfahren zu nutzen.“

          Die Informationen werden nachgereicht

          Anonym ist ohnehin nur der erste Eindruck. Die konkreten Details werden schon in der zweiten Runde nachgeliefert. Mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch verbindet sich stets auch die Bitte des potentiellen Arbeitgebers, die restlichen Informationen beizubringen. Und spätestens dann sind sie wieder da: Foto, Alter und Herkunft können in die Beurteilung einfließen. „Deshalb hält sich die Überraschung beim Bewerbungsgespräch in Grenzen“, sagt Mankuleyio.

          Abgespeckte Bewerbungsunterlagen sind auch in anderen Ländern üblich. In den Vereinigten Staaten kommen die Arbeitgeber schon lange ohne Fotos aus, auch Alter und Familienstand gehören dort nicht in die Unterlagen. Strenge Antidiskriminierungsgesetze verbieten es ihnen, Beschäftigte nach Kriterien wie Geschlecht, Alter, Nationalität, Behinderung oder Religion auszuwählen. Allerdings wird dort nicht auf den Namen verzichtet - und auch der kann einiges verraten, nicht nur über das Geschlecht, sondern auch über die Herkunft.

          In Skandinavien hat sich die anonymisierte Bewerbung nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes längst durchgesetzt, ebenso in der belgischen Verwaltung. Auch in Deutschland wurde die anonymisierte Bewerbung in einem Pilotprojekt schon als wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit gefeiert. Doch die Arbeitgeber tun sich noch schwer damit - obwohl auch hierzulande seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Diskriminierungen in vielen Fällen verbietet.

          Angefangen hat alles 2011 mit einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle. Dafür fanden sich neun Arbeitgeber, die für ein Jahr ausschließlich anonymisierte Bewerbungsverfahren anwenden wollten, darunter neben großen Namen wie Deutsche Telekom, Deutsche Post und Procter & Gamble auch Mydays und die Stadtverwaltung Celle. Das Projekt stieß damals auf ein breites Medienecho, doch die tatsächlichen Auswirkungen hielten sich bisher in Grenzen. Folgt man dem Abschlussbericht des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vom März 2012, waren die Reaktionen auf die Ergebnisse des Projekts durchaus positiv. Insbesondere die Chancen von Frauen und Migranten hätten sich erheblich verbessert. Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle haben vier Unternehmen das anonymisierte Bewerbungsverfahren nach Ende des Projekts beibehalten. Gerade ist das Buch „Chance für alle“ des Journalisten Rocco Thiede erschienen, das die Erfahrungen von Menschen wie Natalie Mankuleyio in diesem Prozess beschreibt.

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