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Mittel gegen Zeitmangel : Mehr Unordnung, bitte!

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Muss im Leben wirklich immer ein Puzzleteil ins andere greifen? Oder dürfen wir auch mal durchmischen? Bild: Picture-Alliance

Was hilft gegen die Zeitnot? Gegen die ewige Zerrissenheit zwischen Job und Familie? Das Leben anders einteilen! Denn wer sagt eigentlich, dass wir im Alter nicht mehr lernen sollen und uns in der Jugend nicht erholen dürfen?

          Ich habe gerade gar keine Zeit: Das hören und sagen wir immer wieder. Meist schieben wir dann eine kurze Erklärung nach und hasten weiter. Im Kern kreist alles um die Arbeit. Oder um die Ausbildung. „Ich bin jung, könnte reisen, die Welt entdecken. Stattdessen muss ich pauken. Dann Geld verdienen. Erst wenn ich alt bin, habe ich Geld und Zeit. Dann aber kann ich weniger erzählen und hatte weniger Gelegenheiten, von meinen Erlebnissen zu lernen“, höre ich meinen Sohn sagen. Junge Mütter und Väter flehen: „Kind, ich arbeite heute zu Hause, du weißt doch, Heimarbeit. Tu einfach so, als wäre ich nicht da. Spielen können wir dann später.“ Andere spüren erhöhten Druck am Arbeitsplatz: „Mein Soll hat sich erhöht. Um meinen Stundenlohn zu halten, muss ich mehr schaffen.“

          Wenn wir über Zeitnot reden, gilt es drei Dimensionen zu unterscheiden. Erstens gibt es das Problem der Ungleichzeitigkeit: Die Ressourcen passen nicht gut zur jeweiligen Lebensphase. Wenn ich Neugier und Kraft habe, um die Welt zu erkunden, fehlt mir die Zeit. Wenn ich einen Hausstand aufbaue und eine Familie gründe, fehlt das Geld. Im Alter habe ich dann Zeit, aber wenige trauen mir noch etwas zu.

          Zweitens ist der Alltag geprägt von einer Zerrissenheit: Der Job braucht mich, die Familie auch. Ich will meine Kinder sehen, meine Eltern pflegen, dabei aber die Karriere nicht gefährden. Flexible Arbeitszeiten helfen, sind aber kein Wundermittel.

          Und drittens ist da ein Dauerdruck: Wir empfinden Zeitnot durch die Verdichtung der Arbeitsanforderungen. Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger können ein Lied davon singen, Montagearbeiter auch. Selbst Berufe, die eine Hochschulbildung voraussetzen, sind nicht ausgenommen.

          Die Dreiteilung des Lebens hat ausgedient

          Was können wir dagegen tun? Dies und das. Aber es gibt kein einheitliches Rezept. Wenn wir an den Lebensverlauf und unsere vielen gewonnenen Lebensjahre bei guter Gesundheit denken, dann sollten wir Unordnung wagen. Die klassische Dreiteilung des Lebens in Lernen, Arbeit, Erholung hat ausgedient.

          Gut erinnere ich mich an meine Lehrjahre in den Vereinigten Staaten. Mein deutsches Diplom wurde dort nicht als Master anerkannt, der aber war Voraussetzung für den Doktortitel. Ich musste ihn nachholen und erwartete, die Älteste in der Kohorte zu sein. Mitnichten. Ich traf auf Eltern, die viel älter waren als ich, auf Kommilitonen mit Berufserfahrung, gesammelt zwischen Bachelor und Master, auf Studierende, die sich in der Mitte ihres Lebens auf einen ganz neuen Beruf vorbereitet haben. Ich war mit die Jüngste, aber Alter spielte keine Rolle; jünger war nicht besser, älter war ganz normal.

          Kann man eine solche Unordnung organisieren und finanzieren? Der noch wenig genutzte, gesetzlich garantierte Bildungsurlaub und die Pflegezeit sind einzelne Elemente, die die Richtung andeuten. Sabbat-Zeiten könnten erleichtert und propagiert werden, die Idee von Langzeit-Arbeitskonten müsste flexibilisiert werden. Ebenso machbar sollten persönliche und fließende Übergänge in die Rente sein. Diese Anfänge sollten wir konsequent weiterentwickeln.

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