https://www.faz.net/-gyl-8h34s

Analyse : Jetzt kommen die Frauen

Hessa al-Jaber - demnächst im VW-Aufsichtsrat Bild: dpa

Seit Anfang des Jahres gilt die Frauenquote, die Konzerne nominieren eifrig neue Aufsichtsrätinnen. Sogar die Scheichs schicken jetzt eine Frau. Doch hinter vorgehaltener Hand wird mancherorts über „Quotilde“ ordentlich gelästert.

          Am Freitagmittag um halb zwei gab sich der letzte echte Herrenclub im Dax noch einmal die Ehre: Aufsichtsrat und Vorstand des Gesundheitskonzerns Fresenius warfen sich zum Ende der Hauptversammlung für die Fotografen in Pose: eine Wand aus schwarzen Anzügen, weißen Hemden und dezenten Krawatten, von keiner einzigen Frau durchbrochen. So etwas gibt es nun nicht mehr in den größten Aktiengesellschaften der Republik.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So etwas wird es auch nicht mehr geben, solange die Frauenquote, die seit Jahresanfang gilt, Gesetz ist. Frei werdende Posten in den Aufsichtsräten müssen mit Frauen besetzt werden, bis mindestens ein Anteil von 30 Prozent erreicht ist. Im Kontrollgremium von Fresenius, das stand kurz nach dem maskulindominierten Fototermin fest, als die Stimmen der Aktionäre ausgezählt waren, ersetzen fortan die Medizinerin Iris Löw-Friedrich und die IT-Fachfrau Hauke Stars Deutschlands dienstältesten Unternehmensberater Roland Berger und den Banker Gerhard Roggemann.

          So umstritten die Quote vor ihrer Einführung war, so geräuschlos ist sie zur Realität in den Konzernen geworden. Gerhard Krick, der bärbeißige Aufsichtsratsvorsitzende von Fresenius, hält zwar immer noch nichts von ihr, beschränkt seine Kritik aber auf die alles andere als glaubwürdige Behauptung, die Quote habe ganz und gar nichts mit der Berufung der beiden Damen an seine Seite zu tun gehabt. Sogar das arabische Emirat Qatar, von Quotenregelungen ansonsten unbelastet, beugt sich anstandslos den Vorschriften aus Deutschland und schickt als Großaktionär von Volkswagen demnächst nicht mehr den Chef der staatseigenen Fluggesellschaft, sondern die Internet-Ministerin Hessa Al-Jaber zu den Sitzungen nach Wolfsburg.

          Lästern über „Quotilde“ hinter vorgehaltener Hand

          Entsprechend gut gelaunt ziehen die Freunde der Quote, namentlich die Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“, zum Ende der Hauptversammlungssaison ihre Zwischenbilanz. Im Saldo zehn Frauen mehr als zu Jahresbeginn entsenden die Dax-Anteilseigner nach ihrer Statistik nun in die Gremien. „Ein messbarer Erfolg“, sagt Monika Schulz-Streelow, die Präsidentin der Initiative.

          Hinter vorgehaltener Hand allerdings wird noch immer kräftig über die eine oder andere Quotenfrau (noch böser: „Quotilde“) gelästert. Das hört sich dann so an: Natürlich ist sie eine hervorragende Wissenschaftlerin! Eine ungeheuer erfahrene Managerin noch dazu! Und ihre Kompetenzen sind für uns eine große Bereicherung! Aber gäbe es die blöde Quote nicht, dann hätten wir den Vorstandsvorsitzenden XY haben können, ein ganz anderes Kaliber, mit einem Ruf wie Donnerhall und unzähligen internationalen Kontakten.

          Wer das Ungleichgewicht der Geschlechter um der Sache selbst willen korrigieren will, dem können solche Einwände egal sein. Wer aber darauf hofft, dass die Neubesetzungen nicht nur den neuen Aufsichtsrätinnen, sondern auch den von ihnen kontrollierten Unternehmen nutzen werden, muss sie ernst nehmen. Machen die Frauen die Unternehmen besser, weil sie Mitarbeiterinnen und Kundinnen besser verstehen, andere Fähigkeiten haben als ihre Vorgänger, den meist männlichen Vorständen genauer auf die Finger schauen? Konkreter: Hätte Hessa Al-Jaber Martin Winterkorn auf dem Weg zum Dieselskandal gebremst?

          Auch Durchschnittsalter und biographischer Hintergrund ändern sich

          Darüber lässt sich nur spekulieren, es fehlen die Erfahrungswerte. In Norwegen ist das anders, dem Mutterland der Frauenquote. Dort gilt sie, übrigens sogar mit dem Zielwert 40 Prozent, schon seit 2008. Und in weiten Teilen dürfte sich nun in Deutschland das wiederholen, was die Quote für die norwegischen Unternehmen bedeutet hat. Dass Frauen Männer ersetzen, verändert die Gremien nämlich auch noch in ganz anderer Hinsicht als nur mit Blick auf die Geschlechterverteilung. Auch das Durchschnittsalter und der biographische Hintergrund sind davon stark betroffen. Die neu bestellten weiblichen Verwaltungsratsmitglieder waren in Norwegen im Schnitt acht Jahre jünger als ihre Vorgänger, außerdem deutlich weniger eng mit den jeweiligen Unternehmen verbandelt. Und siehe da, bei Fresenius ist Iris Löw-Friedrich zwölf Jahre jünger als Gerhard Roggemann, Hauke Stars kam sogar dreißig Jahre später als Roland Berger zur Welt. Während die beiden Damen bisher nichts mit dem Konzern zu tun hatten, blickten die zwei Herren auf acht beziehungsweise elf Jahre im Fresenius-Aufsichtsrat zurück. Endlich frischer Wind, jubeln die einen. Schade um die wertvolle Erfahrung, bedauern die anderen.

          Eine Hoffnung, die viele Befürworter mit der Quote verbinden, hat sich in Norwegen in den ersten Jahren interessanterweise nicht erfüllt. „Mehr Diversität“ heißt das Schlagwort, nicht nur in der Kleiderfrage soll die Uniformität der Vergangenheit angehören. Die norwegischen Kontrollgremien, hat der Wirtschaftswissenschaftler Morten Huse von der Handelshochschule in Oslo herausgefunden, sind durch die Quote aber eher gleichförmiger geworden. „Das Hauptkriterium für die Berufung von Frauen war, dass sie anderswo schon in einem Verwaltungsrat saßen“, sagt Huse. Ämterhäufung war die Folge, von den „Goldröcken“ sprachen Kritiker bald, einer eigenen Kaste aus hauptberuflichen Verwaltungsrätinnen. Die Spitzenreiterin, eine Rechtsanwältin, saß zeitweise in Dutzenden Gremien gleichzeitig.

          Davon sind die gefragtesten Frauen in den deutschen Aufsichtsräten noch weit entfernt. Im Dax liegen mit je drei Posten Ann-Kristin Achleitner (Deutsche Börse, Linde, Munich Re) und Renate Köcher (BMW, Allianz, Infineon) vorne. Aber für die Zukunft sieht Morten Huse, der auch eine Professur an der Universität Witten-Herdecke in Nordrhein-Westfalen hat, in Deutschland sogar noch eine größere Gefahr dafür als in seiner Heimat, dass die Frauenquote die Kontrollgremien zahmer und vorhersehbarer machen wird. „Ich fürchte, dass die Männer, die jetzt aufhören müssen, mehr Diversity repräsentieren als die Frauen, die für sie reinkommen.“

          Wie lange wird sich die weibliche Ämterhäufung halten?

          Drei Gruppen, prognostiziert der Wissenschaftler, werden das Gros der weiblichen Aufsichtsräte in Deutschland stellen: Hochschullehrerinnen wie Ann-Kristin Achleitner von der TU München, Frauen aus Industriellenfamilien wie Simone Bagel-Trah, die im Aufsichtsrat von Henkel und Bayer sitzende Ururenkelin des Henkel-Gründers, und Managerinnen aus dem Ausland wie die Nokia-erfahrene Finnin Sari Baldauf, auf deren Rat die Telekom und Daimler setzen.

          In Norwegen war die weibliche Ämterhäufung nur ein Übergangsphänomen. In Deutschland könnte sie sich auf Dauer halten, glaubt Huse - und nennt einleuchtende Argumente. Dafür sei zum einen die Stärke der hiesigen Familienunternehmen verantwortlich, die sich zugunsten interner Besetzungen auswirke. Zum anderen gelte die Quote schlicht für zu wenige Unternehmen, so dass es genug bequeme Lösungen gebe, dass niemand unentdeckte Talente aufspüren müsse. Außer den dreißig Dax-Konzernen müssen rund siebzig weitere deutsche Firmen die Quote erfüllen. Zum Vergleich: Im viel kleineren Norwegen sind es mehr als dreimal so viele.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          FAZ Plus Artikel: AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.
          Nordkoreas Machthaber KIm Jong-un sieht man regelmäßig bei offiziellen Empfängen in Limousinen vorfahren.

          Kim Jong-un : Wie Nordkoreas Machthaber an seine Luxusautos kommt

          Eigentlich ist der Export von Luxusgütern nach Nordkorea verboten. Trotzdem sieht man Machthaber Kim Jong-un bei offiziellen Empfängen regelmäßig in Limousinen vorfahren. Eine Forschergruppe will das Rätsel gelöst haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.