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Analyse : Jetzt kommen die Frauen

Auch Durchschnittsalter und biographischer Hintergrund ändern sich

Darüber lässt sich nur spekulieren, es fehlen die Erfahrungswerte. In Norwegen ist das anders, dem Mutterland der Frauenquote. Dort gilt sie, übrigens sogar mit dem Zielwert 40 Prozent, schon seit 2008. Und in weiten Teilen dürfte sich nun in Deutschland das wiederholen, was die Quote für die norwegischen Unternehmen bedeutet hat. Dass Frauen Männer ersetzen, verändert die Gremien nämlich auch noch in ganz anderer Hinsicht als nur mit Blick auf die Geschlechterverteilung. Auch das Durchschnittsalter und der biographische Hintergrund sind davon stark betroffen. Die neu bestellten weiblichen Verwaltungsratsmitglieder waren in Norwegen im Schnitt acht Jahre jünger als ihre Vorgänger, außerdem deutlich weniger eng mit den jeweiligen Unternehmen verbandelt. Und siehe da, bei Fresenius ist Iris Löw-Friedrich zwölf Jahre jünger als Gerhard Roggemann, Hauke Stars kam sogar dreißig Jahre später als Roland Berger zur Welt. Während die beiden Damen bisher nichts mit dem Konzern zu tun hatten, blickten die zwei Herren auf acht beziehungsweise elf Jahre im Fresenius-Aufsichtsrat zurück. Endlich frischer Wind, jubeln die einen. Schade um die wertvolle Erfahrung, bedauern die anderen.

Eine Hoffnung, die viele Befürworter mit der Quote verbinden, hat sich in Norwegen in den ersten Jahren interessanterweise nicht erfüllt. „Mehr Diversität“ heißt das Schlagwort, nicht nur in der Kleiderfrage soll die Uniformität der Vergangenheit angehören. Die norwegischen Kontrollgremien, hat der Wirtschaftswissenschaftler Morten Huse von der Handelshochschule in Oslo herausgefunden, sind durch die Quote aber eher gleichförmiger geworden. „Das Hauptkriterium für die Berufung von Frauen war, dass sie anderswo schon in einem Verwaltungsrat saßen“, sagt Huse. Ämterhäufung war die Folge, von den „Goldröcken“ sprachen Kritiker bald, einer eigenen Kaste aus hauptberuflichen Verwaltungsrätinnen. Die Spitzenreiterin, eine Rechtsanwältin, saß zeitweise in Dutzenden Gremien gleichzeitig.

Davon sind die gefragtesten Frauen in den deutschen Aufsichtsräten noch weit entfernt. Im Dax liegen mit je drei Posten Ann-Kristin Achleitner (Deutsche Börse, Linde, Munich Re) und Renate Köcher (BMW, Allianz, Infineon) vorne. Aber für die Zukunft sieht Morten Huse, der auch eine Professur an der Universität Witten-Herdecke in Nordrhein-Westfalen hat, in Deutschland sogar noch eine größere Gefahr dafür als in seiner Heimat, dass die Frauenquote die Kontrollgremien zahmer und vorhersehbarer machen wird. „Ich fürchte, dass die Männer, die jetzt aufhören müssen, mehr Diversity repräsentieren als die Frauen, die für sie reinkommen.“

Wie lange wird sich die weibliche Ämterhäufung halten?

Drei Gruppen, prognostiziert der Wissenschaftler, werden das Gros der weiblichen Aufsichtsräte in Deutschland stellen: Hochschullehrerinnen wie Ann-Kristin Achleitner von der TU München, Frauen aus Industriellenfamilien wie Simone Bagel-Trah, die im Aufsichtsrat von Henkel und Bayer sitzende Ururenkelin des Henkel-Gründers, und Managerinnen aus dem Ausland wie die Nokia-erfahrene Finnin Sari Baldauf, auf deren Rat die Telekom und Daimler setzen.

In Norwegen war die weibliche Ämterhäufung nur ein Übergangsphänomen. In Deutschland könnte sie sich auf Dauer halten, glaubt Huse - und nennt einleuchtende Argumente. Dafür sei zum einen die Stärke der hiesigen Familienunternehmen verantwortlich, die sich zugunsten interner Besetzungen auswirke. Zum anderen gelte die Quote schlicht für zu wenige Unternehmen, so dass es genug bequeme Lösungen gebe, dass niemand unentdeckte Talente aufspüren müsse. Außer den dreißig Dax-Konzernen müssen rund siebzig weitere deutsche Firmen die Quote erfüllen. Zum Vergleich: Im viel kleineren Norwegen sind es mehr als dreimal so viele.

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