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Ablenkung im Büro : Das Märchen vom Multitasking

  • -Aktualisiert am

Das „Bitte nicht stören“-Schild an der Bürotür kann wirklich helfen

Denn natürlich ist die Multitaskingfalle nicht unausweichlich. Kluge Arbeitnehmer verschaffen sich kleine Auszeiten, um anspruchsvolle Arbeiten zu bewältigen. Das gute alte „Bitte nicht stören“-Schild an der Bürotür etwa kann Wunder wirken und eine Begrenzung von Telefonanfragen auf fünf Minuten die Konzentration aufs Wesentliche möglich machen. Die Frage ist nur, wer hält sich daran? Denn es kostet enorme Selbstdisziplin, sich nicht zwischendurch ablenken zu lassen. Das beweist der Ampeltest auf dem Weg zur Arbeit: Rechts und links wird telefoniert, losgefahren, in Wisch-und-Weg-Hektik das Smartphone bearbeitet, der Motor abgewürgt, noch bei Dunkelgelb über die Kreuzung gefegt, sich flüchtig auf den Verkehr konzentriert, um an der nächsten Ecke abermals seine Facebook-Updates zu kontrollieren. Dass das Geldstrafen, Blech- und Personenschäden kosten kann, verhindert solches Fehlverhalten nicht. Meistens geht es ja gut aus im improvisierten, rollenden Büro. Vorausgesetzt, kein „Smombie“ kreuzt den Weg, also jeder Zeitgenosse, der nach einer Mischung aus Smartphone und Zombie benannt ist und sich von seinem Hightech-Tyrann gefangennehmen lässt, ganz gleich, wo er gerade geht oder steht.

Besonders Berufseinsteiger scheinen sich im jugendlichen Überschwang für Alleskönner zu halten. Mancher überschätzt sich und seine Flexibilität. Nur weil es die Technik gibt, heißt das noch lange nicht, dass der Mensch sie auch simultan beherrschen und dadurch seine Leistung steigern kann. Ganz im Gegenteil.

Durch den stetig steigenden Gebrauch von Smartphone, Tablet oder Laptop sinkt die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen - und befindet sich derzeit bereits unter dem Niveau eines Goldfisches. Der kann sich neun Sekunden auf eine bestimmte Sache konzentrieren, Menschen können das nur acht Sekunden lang. Das ist das Ergebnis einer Versuchsreihe mit 2000 Kanadiern des Computerriesen Microsoft aus dem Jahr 2015. Vor 15 Jahren, also zu der Zeit, als das Internet und die mit ihm einhergehende Technik sich zum Massenphänomen entwickelten, waren es noch zwölf Sekunden.

Wer muss wirklich sekündlich erreichbar sein?

Denn immer häufiger leiden gerade junge Leute, insbesondere Studenten, an sogenannter „kognitiver Überfrachtung“. Während sie beispielsweise einer Vorlesung folgen, surfen sie auf ihrem Laptop im Internet und chatten auf ihrem Smartphone. Da diese sogenannte Head-down-Generation von klein auf mit den Geräten sozialisiert ist, klappt das Multitasking bei ihr anders als bei Menschen, die nicht schon seit ihrer Kindheit mit Smartphones in Berührung kamen, für eine gewisse Zeit noch relativ gut. In manchen Branchen werden junge Multitasker sogar wegen dieser Eigenschaften gern gesehen. Doch selbst bei ihnen ist irgendwann Schluss mit seriöser Aufnahme. Denn auch ihr Gehirn nimmt irgendwann mehr Reize auf, als es auf einen Schlag verarbeiten kann.

Trotz dieser gegenläufigen Erkenntnisse halten sich viele nach wie vor für Meister des Multitaskings, obwohl das in den meisten Berufen gar nicht nötig ist. Wer arbeitet tatsächlich als Notfallmediziner, Investmentbanker oder Topmanager, muss Leben, Millionen oder Arbeitsplätze retten? Wie viele stehen wirklich in der Pflicht, sekündlich erreichbar zu sein? Deren Zahl ist überschaubar.

Die anderen sollten öfter mal abschalten und einen Schritt nach dem anderen tun. Damit unsere Arbeitsplätze nicht irgendwann von Maschinen ersetzt werden - weil unsere Aufmerksamkeitsspanne auf das Niveau einer Fruchtfliege gesunken ist.

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