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Im Gespräch: Jutta Rump : „Die Ochsentour hat ausgedient“

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Arbeitgeber können sich auf eine Generation freuen, die mit Komplexitäten besser umgehen kann als ihre Vorgänger. Sie kann Informationen besser verarbeiten. Die Babyboomer haben gelernt, Wissen zu konsumieren, in ihrem Gehirn abzuspeichern und bei Bedarf abzurufen. Das führte gerade durch die neuen Medien häufig zu einer Überlastung an Informationen. Die neue Generation weiß vor allem, wo es steht, und arbeitet sich relativ schnell ein. Damit können sie mit ganz anderen Informationsmengen umgehen.

Merken Sie das selbst im Alltag?

Und wie. Ich würde selbst nie öffentlich zugeben, dass ich etwas nicht weiß. Ich habe gelernt, verbale Nebelkerzen zu zünden. Meine Studenten dagegen sagen mir offen: „Ich brauche noch Informationen, um eine qualitativ gute Antwort zu geben. Geben Sie mir fünf Minuten Zeit, dann weiß ich es.“

Ist das wirklich Wissen? Kritiker sprechen von der „Generation Wikipedia“.

Natürlich handelt es sich dabei nicht um Kernkompetenzen. Aber in einer Welt, die immer kleinteiliger wird und gleichzeitig mit einer hohen Veränderungsgeschwindigkeit verbunden ist, muss ich mich fragen, ob ich immer jeden Sachverhalt bis ins kleinste Detail durchdringe oder ob zunächst 80 Prozent genügen und ich tiefer einsteige, wenn es wichtig wird. Um diese Informationen bewerten zu können, brauche ich aber weiterhin ein solides Wissensfundament.

Können Sie auch dem Thema Work-Life-Balance Vorteile abgewinnen?

Auf jeden Fall. Ich habe selbst mal aus Zufall gemerkt, dass ein Mitarbeiter an unserer Hochschule in seiner Freizeit einen Sportverein managt. Das sind tolle Fähigkeiten, die wir aber jahrelang nicht kannten, weil jeder, der das Gelände abends verlassen hat, auch von der Bildfläche verschwunden war. Wenn jetzt junge Leute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fordern, dann kommen diese Dinge offen auf den Tisch - und clevere Arbeitgeber können davon profitieren.

Das bedeutet aber einen viel engeren Kontakt und mehr Aufwand für Vorgesetzte und Personalmanager.

Ja, das ist sehr zeitintensiv. Die junge Generation fordert offen Feedback ein - und nicht nur zur eigenen Arbeit. Wenn ich morgens mit finsterer Miene durchs Institut renne, weil ich über irgendwas nachdenke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich wenig später meine Mitarbeiter nach dem Grund für meine schlechte Laune erkundigen. Ich muss mich also auch permanent selbst im Blick haben und mein Verhalten nachvollziehbar machen. Wenn ich eine einsame Entscheidung treffe, weiß ich genau, dass meine Mitarbeiter zumindest im Nachhinein Transparenz erwarten. Das kostet richtig Zeit und auch eine gewisse Reflexionsfähigkeit.

Sind Führungskräfte darauf vorbereitet?

Das ist genau der wunde Punkt: In vielen Fällen sind sie es nicht. Wir wissen, dass die junge Generation einen Arbeitgeber nach Reputation auswählt und nach möglichen Entwicklungsmöglichkeiten - und dass sie das Unternehmen häufig wegen der Führungskräfte wieder verlässt. Ein Fachexperte hat eben nicht automatisch die nötige Sozialkompetenz für diese führungsintensive Generation.

Kündigen die Jungen schneller?

Wenn berufliche Alternativen da sind: ja. Die Toleranzgrenze liegt bei rund einem halben Jahr. Wenn dann die Motivation verlorengegangen ist, werden Konsequenzen gezogen, und es folgt die Kündigung. Bei den Babyboomern liegt die Schmerzgrenze bei zwei oder drei Jahren.

Werden Arbeitgeber zu Bittstellern?

Ganz so schlimm wird es nicht, aber die Gewichte verschieben sich. Ich habe früher fünf Minuten am Ende eines Bewerbungsgespräches eingeplant, in der die Kandidaten Fragen zu mir und zur Hochschule stellen konnten. Heute sind das schon zwanzig Minuten.

Und die werden auch genutzt?

Oh ja. Neulich hat ein Bewerber eine Checkliste herausgeholt. Ich hatte darauf eine Spalte neben vielen anderen Arbeitgebern. Dann wurden alle Punkte abgearbeitet. Am Ende hat er sich zurückgelehnt und gesagt: „Frau Rump, ich glaube, Sie kommen in die engere Auswahl.“ Und das war eine studentische Hilfskraft.

Wie haben Sie reagiert?

Erst war ich baff, später habe ich ihn eingestellt.

Zur Person

Jutta Rump gehört zwar selbst zur Generation der Babyboomer, in Büchern, wissenschaftlichen Arbeiten und Vorträgen hat sie sich jedoch mit der Generation Y wie kaum eine andere Forscherin beschäftigt. Wie verändern diese jungen Menschen, denen die Nutzung von sozialen Netzwerken in Fleisch und Blut übergegangen ist, in Zukunft die Unternehmen? Wie sollen Arbeitgeber mit ihrem Wunsch nach genügend Zeit für das Privatleben umgehen? Diesen Fragen geht die Professorin für Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability nach.

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