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Beruf und Familie : Generationenvertrag im Unternehmen

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Schwierige Betreuungssituation: Es ist nicht nur der Hedonismus, sondern auch der Realismus, der viele vor der Familiengründung zurückschrecken lässt. Bild: dapd

Es gibt in Deutschland seit 40 Jahren zu wenig Kinder, obwohl die Politik seither nicht wenig gegen den Schwund tut. Demographiekorridore in Unternehmen könnten dafür sorgen, dass für Mütter und Väter echte Vereinbarkeit von Beruf und Familie entsteht. Ein Kommentar.

          Es gibt in Deutschland seit 40 Jahren zu wenig Kinder, und es werden weniger, obwohl die Politik seither nicht wenig gegen den Schwund tut. Aber auch mittlerweile mehr als 150 „familienpolitische Leistungen“ brachten keine Trendwende, das Kindergeld nicht, das Elterngeld nicht, der bisherige Krippenausbau nicht. Es muss wohl so sein, dass eine wichtige Ursache für die Kinderarmut nicht das Finanzielle oder die Betreuungssituation ist. Viele Menschen haben andere Prioritäten als Familie: Gipfel besteigen, den Hauskredit bedienen oder im Unternehmen mehr leisten als die anderen zum Beispiel. Sie wollen „leben“, und der Gedanke an Kinder ist einer an Freiheitsverlust, nicht an neue Lebensfreude.

          Was hat das mit dem jüngsten Tarifabschluss in der Chemiebranche zu tun? Der demographische Wandel, den die Familienpolitik nicht anhalten konnte, prägt erstmals den Tarifabschluss einer großen Branche. Die experimentierfreudigen Tarifpartner der Chemieindustrie handelten wieder einmal eine Novität aus: Demographiekorridore. Was ist das? Die wöchentliche Arbeitszeit wird flexibler, sie richtet sich nicht nur nach der Auftragslage der Unternehmen, sondern auch nach der Lebensphase der Arbeiter. Diese sollen fortan in der Regel nur vier Tage in der Woche arbeiten, wenn sie älter als 60 Jahre sind. Erstmals wurden solche Arbeitszeitkonten, die es in ähnlicher Form schon länger in der Chemiebranche gibt, nun auf Familien ausgeweitet. Das heißt, junge kinderlose Arbeitnehmer arbeiten länger, zum Beispiel 40 Stunden in der Woche, und wenn sie Kinder bekommen, reduziert sich die Arbeitszeit auf bis zu 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Wenn die Kinder dann älter sind, steigt die Arbeitszeit wieder.

          Die Demographiekorridore lassen sich die Unternehmen der chemischen Industrie bis 2015 erstmal 200 Millionen Euro zusätzlich kosten. Denn das Durchschnittsalter ihrer Facharbeiter steigt in bedrohlichem Maß, auch mangelt es zunehmend an jungen Fachkräften und geeigneten Auszubildenden. Den Unternehmen der drittgrößten deutschen Wirtschaftsbranche und auch der pragmatischen Chemiegewerkschaft, die sich nicht prinzipiell gegen die Rente mit 67 sperrt, geht es mit diesen Maßnahmen darum, gute Arbeiter zu werben und so den deutschen Chemiestandort zu sichern.

          Schon in zehn Jahren wird gut ein Drittel der Chemie-Arbeitnehmer älter als 55 Jahre sein, neben der Sorge um horrende Strompreise ist der zunehmende Fachkräftemangel das Schreckensszenario der Branche. Sie kann natürlich mit einem Tarifvertrag nicht den demographischen Wandel stoppen, sondern nur die Arbeitsbedingungen für junge Menschen attraktiver machen. Wie genau und ob überhaupt ein Unternehmen die Demographiekorridore annimmt, entscheidet es dabei mit dem Betriebsrat selbst. Der Staat zahlt keinen Cent dazu.

          Keine Angst vor dem Verlust der „Wettbewerbsfähigkeit“

          Ist solche Tarifpolitik vielleicht die bessere Familienpolitik? Das kann gut sein. Denn mehr Geld vom Staat und auch mehr Kita-Plätze lösen das zentrale Problem junger Menschen nicht, dass die Arbeitsanforderungen vieler Unternehmen nicht mit Kindern vereinbar scheinen. Tatsächliche Arbeitszeiten sprengen den 40-Stunden-Rahmen nicht selten, die Arbeit frisst alle Energie.

          Dieses Problem beschäftigt auch Familienministerin Kristina Schröder (CDU). Doch stößt die ursprünglich geplante weitere Verlängerung der Elternzeiten nicht nur beim Staat, der das Elterngeld zahlt, an finanzielle Grenzen. Auch die Kosten der Unternehmen steigen. Arbeitnehmer befürchten, dass sie Gefahr laufen, sich beim Arbeitgeber unbeliebt zu machen, wenn sie ihre vollen Ansprüche nutzen. Freiwillige Betriebsvereinbarungen, wie sie die Chemiebranche plant, haben eine andere Qualität: Es ist ein entscheidender Unterschied, ob der Staat die Unternehmen gewissermaßen dafür bestraft, dass sie Mütter und Väter einstellen, oder ob das Unternehmen sie belohnt. Eine solche Wertschätzung kann die Angst nehmen, mit der Familie ginge die eigene „Wettbewerbsfähigkeit“ im Unternehmen verloren. Zugleich gewährleistet die Freiwilligkeit, dass Unternehmen wirtschaftlich nicht überfordert werden.

          Familie bindet räumlich und zeitlich

          Es ist ja nicht nur der Hedonismus, sondern auch der Realismus, der viele vor der Familiengründung zurückschrecken lässt. Familie ist ein Armutsrisiko, sie bindet räumlich und zeitlich. Unternehmen verlangen von ihren Arbeitnehmern genau das Gegenteil. Das wird schon Studenten auf jeder Jobmesse klar. Der Tarifvertrag der Chemie zeigt, dass die Wirtschaft allmählich umdenkt.

          Man soll sich aber keine Illusionen machen: Wie weit das Entgegenkommen der Wirtschaft gegenüber den Wünschen ihrer Beschäftigten gehen kann, hängt vor allem von der Wettbewerbsfähigkeit und der Ertragskraft der Unternehmen ab. Kürzere und flexiblere Arbeitszeiten wird man sich nur leisten können, wenn die Beschäftigten hochqualifiziert und besonders produktiv sind. Die Chemiebranche hat zwei Rekordjahre mit Milliardengewinnen hinter sich, die nicht daher kommen, dass man in Ludwigshafen, Höchst und Leverkusen wie im Schlaraffenland arbeitet.

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