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Aygül Özkan : Lehrjahre in der Schneiderei

Aygül Özkan: Aus Verärgerung wurde politisches Engagement. Bild: Pilar, Daniel

Aygül Özkan ist die erste Ministerin mit türkischer Abstammung in Deutschland. Sie brachte die passenden Werte zum richtigen Zeitpunkt mit.

          In der türkischen Presse fand die Personalie eindeutige Zustimmung. „Unsere erste Ministerin“, titelte die Tageszeitung „Hurriyet“ in ihrer Europaausgabe, als Aygül Özkan vor gut anderthalb Jahren Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen wurde. Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei berief der damalige niedersächsische Regierungschef Christian Wulff die erste Ministerin mit Migrationshintergrund. Die Integration war somit auch an der Spitze deutscher Behörden angekommen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Aygül Özkans Aktivitäten werden in der Türkei weiterhin beobachtet. In der deutschen Öffentlichkeit ist die Aufmerksamkeit dagegen zurückgegangen. Wer Özkans Werdegang nicht genauer verfolgt hat, erinnert sich allenfalls an eine umstrittene Interviewäußerung zu Kruzifixen in Schulen und einen unangenehmen Gerichtsprozess. Weil ihr Fahrer sich über die vielen Dienstfahrten zu ihrer Familie nach Hamburg beschwert hatte, versetzte sie ihn. Das Vertrauensverhältnis sei gestört. Dagegen klagte der Fahrer vor dem Arbeitsgericht Hannover, das ihm im vergangenen Dezember recht gab.

          Zerstrittene Parteien an einen Tisch bringen

          Die politische Bewertung ihrer Arbeit ist wie üblich eine Frage der Perspektive. „Viel Glanz am Anfang, viel Ernüchterung in der Bilanz“, kritisiert die Opposition, die Aygül Özkan vorwirft, keine Initiativen gestartet zu haben, die sie von ihrer Vorgängerin unterscheiden. In den Regierungsparteien lobt man ihre Dialogbereitschaft und Zugewandtheit. Zudem wird ihr als Leistung zugeschrieben, dass sie viele zerstrittene Parteien an einen Tisch gebracht und einen verbindlichen „Pflegepakt“ vereinbart hat, der unter anderem eine höhere Förderung für Pflegeschüler verspricht und eine niedersächsische Initiative stützt, die zersplitterte Pflegeausbildung zu vereinheitlichen. Dafür hat sie auch aus den ursprünglich skeptischen Sozialverbänden Anerkennung bekommen.

          Ihr eigener Enthusiasmus wirkt ohnehin ungebremst. „Migrationshintergrund darf kein Mangel sein“, sagt sie. „Wir haben nicht so viele Kinder und Jugendliche. Sie sollen deshalb einmal die besten Chancen haben, für sich und uns zu sorgen“, gibt sie als Ziel aus. Dabei ist ihre Aufgabe bei weitem nicht auf die Integrationspolitik beschränkt. Die Kompetenzen ihres Ministeriums erstrecken sich von der Bauförderung über die Krankenhausfinanzierung bis zum Arbeitsschutz und zur Anwendung der Hartz-Gesetze. „Meine analytische Herangehensweise ist eine gute Voraussetzung. Die Hauptqualifikation ist aber, hinzuhören, wo der Schuh drückt, und mit Menschen umgehen zu können. Das bringe ich mit.“ Selbst der politische Gegner spricht Aygül Özkan zu, kompetent und sympathisch zu sein.

          Deutsche türkischer Herkunft sind den linkeren Parteien zugeneigt

          Dass sie einmal dieses Amt bekleiden würde, folgte keinem Plan. Nur dass sie es in der CDU weit bringen könnte, ahnte manch einer schon früh. Im Jahr 2004 trat sie in die Partei ein, weil ihr Werte wie Familie und Zusammenhalt wichtig sind. Schon vier Jahre später errang sie ein Mandat in der hamburgischen Bürgerschaft. Dort wurde sie sogleich Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, der sich mit den großen Streitfragen rund um den Hafen und den Naturschutz beschäftigt. Ein rasanter Aufstieg, der sich nur mit der Förderung durch ihren Mentor, den früheren Hamburger CDU-Vorsitzenden Dirk Fischer, erklären lässt. Er erkannte in ihr die Chance, der Partei neue Milieus zu erschließen.

          Viele Türken, Deutschtürken und Deutsche türkischer Herkunft sind traditionell den linkeren Parteien zugeneigt. Die Gewerkschaften hätten sich einst als erste für die Wünsche und Sorgen der Gastarbeiter interessiert, das präge, erklärt Özkan dieses Phänomen. Doch sie selbst steht mit ihrer Familiengeschichte und ihrer Haltung für einen bedeutenden anderen Teil der Migrationsgemeinde: die bürgerlichen Kreise, die Wert auf Bildung, Leistung und wirtschaftliche Selbständigkeit legen. So wie auch ihr Vater, der 1963 mit dem Ziel nach Deutschland kam, eine eigene Schneiderei aufzubauen, sobald er dazu nach fünf Jahren Aufenthalt das Recht hatte. 1968 kam seine Frau nach und zog mit ihm das Geschäft in Hamburg-Altona auf. „Meine Eltern lebten mir das Rollenbild vor, das auch ich heute mit meinem Mann lebe. Die Mutter musste nicht den ganzen Tag zu Hause sein, um die Kinder gut zu fördern“, beschreibt Özkan das, was sie „ihre Normalität“ nennt.

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