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Auszubildende : Casting auf Gleis 1

  • -Aktualisiert am

Verwirrung nicht nur bei Reisenden: Interessierte am Azubi-Casting der Bahn haben Schwierigkeiten es überhaupt zu finden Bild: dpa

Die Bahn sucht Mitarbeiter – händeringend. Für Lokführer werden sogar Kopfgelder bezahlt. Und für Azubis gibt es eine Art Castingshow im S-Bahn-Waggon. Unsere Autorin hat dort ihr Glück versucht.

          Die Deutsche Bahn sucht Mitarbeiter und geht auf Tour. Nicht mit Band und Leadsänger, sondern mit einer Reihe von Azubi-Castings. Ein Video auf der Website zeigt eine junge Frau namens Anna, die gern Lokführerin werden möchte und an einem solchen Casting teilnimmt, ganz unangemeldet und spontan. Am Ende des Tages hat sie einen Ausbildungsplatz in der Tasche. Das will ich auch probieren! Ich packe einen Lebenslauf ein und mache mich auf den Weg zum Frankfurter Hauptbahnhof.

          Das Casting soll auf Gleis 1a stattfinden. Auf dem Weg treffe ich einen suchenden Jugendlichen. Auch eine Mitarbeiterin der Bahn versuche gerade vergeblich, es zu finden, berichtet er mir. Die Mitarbeiterin schickt uns zu Gleis 24 am anderen Ende des Bahnhofs. Dort ist kein Casting – wir müssen wieder zurück. Ich fühle mich an die „geänderte Wagenreihung“ bei Bahnfahrten erinnert. In Gedanken bitte ich die Bahn, meine Verspätung zu entschuldigen.

          Endlich angekommen, erwartet uns ein umfunktionierter S-Bahn-Waggon. „Willkommen zum Azubi-Casting“ und „Du passt zu uns“ sind auf dem Zug angezeigte Reiseziele. Das wundert mich kaum, ist es doch erklärtes Ziel der Bahn, in diesem Jahr insgesamt 24 000 neue Mitarbeiter einzustellen; sogar Kopfgelder für abgeworbene Lokführer gibt es mittlerweile.

          Wie bei Deutschland sucht den Superstar

          Die Anmeldung findet an einem Infodesk im vorderen Zugabteil statt. Ich fühle mich ein wenig wie bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und werde langsam aufgeregt. Junge Auszubildende stellen an Ständen die verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten und duale Studiengänge vor, es gibt belegte Brötchen, Kekse, Säfte und Bionade. Flyer liegen aus; ich stecke mir eine grüne Postkarte mit dem Slogan #RolltBeiMir in die Tasche. Im Hintergrund laufen deutsche Pop-Songs und Lieder aus den aktuellen Charts.

          Die Azubis erzählen offen von ihren Ausbildungen. Ich erfahre, welcher Teil der Ausbildung zum Fahrdienstleiter besonders stressig ist (der Teil, in dem es um Betriebsstörungen geht) oder welche Weiterbildungen Lokführer machen können (sehr viele). Ich darf mir sogar das Lokführerhaus ansehen. Kaum habe ich ein Gespräch begonnen, warten hinter mir schon andere interessierte Jugendliche. Der Andrang ist groß. Etliche haben neben ihrem Lebenslauf auch gleich Zeugnisse mitgebracht. Die meinen es ernst!

          Einige von ihnen bitten die Rekrutierer nach und nach ins zweite, hintere Zugabteil. In einem persönlichen Gespräch kann man hier versuchen, einen Personalentscheider direkt vor Ort von sich zu überzeugen. Eine gute Möglichkeit, nicht nur anhand des mitgebrachten Blatts Papier bewertet zu werden. Eventuelle Lücken im Lebenslauf können erklärt und Ambitionen gezeigt werden. Viele Jugendliche sagen das auch: dass sie sich über die Chance freuen, mit ihrer Persönlichkeit zu punkten, nicht nur mit den Noten. Wer überzeugt, wird mit einem Recallzettel (wieder wie bei DSDS) zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, mit realistischem Ausblick auf einen Ausbildungsplatz.

          Berufe kennenlernen in der virtuellen Realität

          In einem Teil des S-Bahn-Waggons wartet eine weitere Attraktion: Virtual-Reality-Brillen. Ich habe hohe Erwartungen. Welches Berufsfeld ich gerne näher kennenlernen möchte, fragt die junge Frau neben den Brillen. Ich wähle Oberbauschweißer. Die Frau ist sichtlich überrascht. Im Video bin ich Teil eines Gleisbauer-Teams. Funken sprühen, um mich herum nur Männer. Ein Sprecher erklärt die Arbeitsschritte. Am Ende zählt er die Ausbildungen auf, die als Vorbereitung für den Beruf dienen – übrigens auch in der weiblichen Form. Ein Detail, das mich positiv überrascht.

          Von den Azubis an den Ständen möchte ich vor allem wissen, wie sie mit dem schlechten Image der Bahn umgehen. Sie erklären, dass man Verspätungen und Zugausfälle etwas differenzierter betrachtet, wenn man hier arbeitet. Solche Situationen seien für Mitarbeiter oft sogar anstrengender und nerviger als für die Kunden. Wenn ich daran denke, wie sehr ich mich das letzte Mal aufgeregt habe, als ich wegen einer Betriebsstörung meinen Anschlusszug verpasst habe, ist das für mich nur schwer vorstellbar. Und auch wenn die Mini-Messe im Waggon bestimmt manchem Jugendlichen eine gute Chance gewährt: Ich persönlich bleibe bei anderen Plänen: #RolltBeiMirNicht

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