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Auswandern : "Man fühlt sich fremd und wird als Fremder behandelt"

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Etwa 120 000 Deutsche haben 2003 ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Trotz Sonnensehnsucht sollten Emigranten einen kühlen Kopf behalten.

          Das Klischee trifft zu. Alles soll irgendwie schöner und unbelasteter werden. Auswanderer träumen vom besseren Leben am liebsten in Kanada, Nordamerika, Spanien oder am Ende der Welt in Australien und Neuseeland. Auch Ärger über den Reformstau eines lahmen Landes ist ein immer öfter genanntes Motiv. Etwa 120 000 Deutsche haben 2003 ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Offiziell. Fachleute schätzen die Dunkelziffer hoch ein: Viele Emigranten melden sich spät oder gar nicht ab, um ihre Ansprüche aus Renten- und Sozialversicherung zu behalten.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Zwei Typen von Auswanderern erlebt Monika Schneid, Leiterin der Informationsstelle des Raphaels-Werks, dem "Dienst am Menschen unterwegs e.V.", in der Hamburger Adenauerallee: "Da sind die gut Ausgebildeten, die die hohen Einwanderungshürden der Nicht-EU-Länder bewältigen. Sie klären gezielt Sachfragen. Besonders Führungskräfte sind oft gut vorbereitet. Die anderen 50 Prozent sind die Mittellosen, die hier keine Chancen haben und nicht auf die Beine kommen, aber Stereotypen von einem preiswerteren Leben in einem warmen Land im Kopf haben. Sie haben eventuell Möglichkeiten in EU-Staaten, in denen gezielt Handwerker und Facharbeiter gesucht werden." Gerade bei den Mittellosen und ihrer Nix-wie-weg-Motivation tut Aufklärung not, betont die stellvertretende Generalsekretärin der kirchlichen Einrichtung. "Die meinen, sie fahren weg, und die Probleme, die sie haben, die bleiben hier."

          Chronisch Kranke sind chancenlos

          Gründliche Information ist ohnehin das A und O einer gelungenen Auswanderung. Das Raphaels-Werk hilft kostenlos, bietet aber keine Rechts- oder Steuerberatung. Die begehrten Länder betreiben oft eine aktive Einwanderungspolitik. Sie fordern ein polizeiliches Führungszeugnis und einen Gesundheitscheck. Chronisch Kranke sind chancenlos: Bewerber müssen sich auf Herz und Nieren prüfen lassen, und das ist wörtlich gemeint. Gefordert werden überdies eine gute Ausbildung und möglichst Berufserfahrung. Welche Berufe gerade gefragt sind, das schwankt und wird vom aktuellen Arbeitsmarkt diktiert.

          Je nach Lage gibt es hier viele oder wenig Punkte. Früher konnten Mitarbeiter der Informationstechnologie kräftig punkten, aber das war einmal. Einige der klassischen Auswanderländer fordern Sprachtests. Individuell sind wiederum die Altersvorgaben. So darf ein Antragsteller für Australien nicht älter als 44 Jahre sein. "Ideal ist ein Alter zwischen 30 und Ende 30", sagt Monika Schneid. Nach ihrer Einschätzung haben 40 Prozent der Ratsuchenden eine Chance auf Einwanderung. Aber auch die müssen sich in Geduld üben: Allein die Bearbeitung der Anträge dauert leicht ein Jahr. Was unverständlich ist: Keineswegs alle ernsthaft Auswanderwilligen waren bereits in ihrem Zielland. Wer aber Neuseeland nur mit dem Finger auf der Landkarte bereist und in Tolkien-Verfilmungen geschwelgt hat, der ist unter Umständen maßlos frustriert, daß auch dort die Großstadt lärmt und der Alltag hart ist. "Wir raten zunächst: hinfahren! Egal, ob Belgien oder Samoa das Wunschland ist. Und nicht nur das Familienoberhaupt sollte zur Orientierungsreise aufbrechen."

          Beherrschen der Landessprache ist unerläßlich

          Das Auswandern ist die eine Sache, das bewußte Einwandern oft eine ganz andere. Unerläßlich ist das Beherrschen der Landessprache. "Ein wunder Punkt", meint die studierte Ethnologin. Diesen Integrationsfaktor unterschätzten viele in der naiven Hoffnung, das karge Schulenglisch oder die rudimentären Spanischkenntnisse schon vor Ort aufpolieren zu können. Aber selbst ein Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten bietet dem Sprachunkundigen nur begrenzte Perspektiven. "Welcher Deutsche will denn in einem Schlachthaus arbeiten, wo kaum gesprochen wird? Viele Flüchtlinge in den USA arbeiten aber genau dort."

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