https://www.faz.net/-gyl-86n82

Hilfe bei der Ausbildungssuche : Zur Bewerbung, bitte

  • Aktualisiert am

Birgitt Lemke-Littges, Ausbildungsakquisiteurin bei der Agentur für Arbeit Mönchengladbach Bild: dpa

Ausbildungsplatzakquisiteur - was für ein Wortungetüm. Aber die Spezialisten, die jungen Leuten mit schlechten Zeugnissen an die Seite gestellt werden, haben erstaunlichen Erfolg.

          Die SMS war unkonventionell: „Hallo Lemke, kann morgen nicht zu Termin kommen, unterschreibe nämlich Vertrag.“ Aber Birgitt Lemke-Littges hat sich sehr gefreut. Die 48-jährige Mitarbeiterin der Arbeitsagentur Mönchengladbach hilft jungen Leuten mit eher schlechtem Zeugnis bei der Suche nach einem Lehrvertrag. Im Fall der SMS-Schreiberin hat es geklappt.

          Seit Anfang Januar 2015 arbeiten sogenannte „Ausbildungsplatzakquisiteure“ in 16 Arbeitsagenturen, berichtet die Regionaldirektion der Bundesanstalt in Nordrhein-Westfalen. Birgitt Lemke-Littges ist eine von 53. Sie soll schwer zu vermittelnden Jugendlichen beim Finden einer Lehrstelle helfen. Der Hintergrund ist ein Umbruch auf dem Arbeitsmarkt: Bis 2030 gehen 10,5 Millionen Fachkräfte in Rente, aber nur 7,5 Millionen rücken nach.

          „Die Toleranzgrenze ist bei meinen Jugendlichen ganz gering“

          Die Lehrstellen-Finderin geht unkonventionelle Wege, zugeschnitten auf ihre Klienten. Das sind junge Leute im Alter zwischen 17 und 25, die kein gutes Zeugnis haben oder bei der Berufswahl aufs falsche Pferd gesetzt haben. „Die Toleranzgrenze ist bei meinen Jugendlichen ganz gering“, sagt die  Beraterin. Die Lebensläufe sind völlig verschieden - schon geschieden, alleinerziehend, aus allen Schichten kommend. Bei Lemke-Littges heißt eine Kurzbewerbung „Sedcard“ - wie in Modelagenturen. Vor einem Bewerbungsgespräch setzt sie ein „Casting“ an. Sie selbst könnte als „persönliche PR-Beraterin“ durchgehen. Auf ihrem Tisch liegt eine Ausgabe der Zeitschrift „Cosmopolitan“ - über Mode im Job.

          „Den richtigen Stups in die richtige Richtung“, so beschreibt die Bildungswissenschaftlerin ihren Job und den ihrer beiden Kollegen in Mönchengladbach. Es geht darum, Berufswunsch, Stärken und Schwächen der jungen Leute in Einklang zu bringen. Und: ehrlich sein und nichts vormachen. „Meine Jugendlichen freuen sich über klare Worte“, sagt sie. Denn viele haben schon reichlich  Absagen bekommen.

          Ohne Gegenleistung geht es nicht

          „Haben Sie wirklich Lust, weiter ,Nein' zu hören?“, fragt Lemke-Littges junge Männer, die einfach nur Kfz-Mechatroniker werden wollen. Und sie wirbt für verwandte Berufe, etwa den Mechatroniker für Land- und Nutzmaschinen, der Riesengeräte wie Mähdrescher repariert: „Der hat genauso einen Keilriemen, der kaputt geht.“

          Aber ohne Gegenleistung geht es nicht. „Pro Woche ein Kontakt“, ist die Maxime - die jungen Leute sollen sich melden. Lemke-Littges lässt sich nicht abschütteln, telefoniert hinterher, will wissen, ob eine Bewerbung abgeschickt wurde, ob eine Antwort da ist, wie das Probearbeiten läuft.

          Das Modell kommt gut an - auch bei der nordrhein-westfälischen Wirtschaft: Die Unterstützung durch Ausbildungsakquisiteure sei „richtig und ausdrücklich zu begrüßen“, sagt Hubertus Engemann, Pressesprecher der Unternehmer NRW. „Dies kann die Chancen erhöhen, Bewerber und Ausbildungsplatz zusammenzubringen - etwa dann, wenn Bewerber auch abseits des bevorzugten Wunschberufes auf Alternativen hingewiesen werden.“ Sinnvoll sei auch, dass Betriebe Hilfe bei der Ausbildung von leistungsschwächeren Jugendlichen bekommen.

          54 von 185 Kandidaten absolvieren eine  Ausbildung

          Lemke-Littges erinnert sich an eine junge Frau „mit Noten im Vierer-Bereich“, die ein Langzeitpraktikum in einem Autohaus absolviert hatte und danach besser wusste, was sie wollte. Ihr Hobby, das Dekorieren, wird nun zum Beruf: Nach Probearbeiten wird sie Azubi in einem Möbelhaus.

          Seit März haben die drei Lehrstellen-Finder in Mönchengladbach 185 junge Leute betreut. „Davon sind 54 in Ausbildung“, sagt Lemke-Littges selbstbewusst und mit rheinischem Zungenschlag. „Daran waren wir drei maßgeblich beteiligt“. Der Kontakt zu den Betrieben gehört auch dazu. Die 48-Jährige, die auch Prüferin bei der IHK ist, geht zu jedem Anbieter einer Lehrstelle persönlich. Im Zweifelsfall kommt sie zum Bewerbungsgespräch mit.

          Weitere Themen

          Lernen und flirten

          Universitätsbibliotheken : Lernen und flirten

          Uni-Bibliotheken sind beliebter denn je und ziemlich oft überfüllt. Was die Studenten suchen, wie sie arbeiten – und was sie sonst noch im Sinn haben.

          Topmeldungen

          Kämpfer von General Haftar beim Angriff auf Tripolis: Mit seiner Unterstützung für den Rebellenführer gefährdet Donald Trump den UN-Friedensplan für Libyen.

          Krieg in Libyen : Trump telefoniert mit General Haftar

          In dem Gespräch betont Trump die wichtige Rolle des Generals im Kampf gegen Terror und bei der Sicherung der libyschen Ölvorkommen. Durch seinen Zuspruch wird eine ausländische Intervention in dem Bürgerkriegsland wahrscheinlicher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.