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Ausbildung : "Architekten brauchen eine immense Leidensfähigkeit"

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Bild: F.A.Z.-Tresckow

Der Berufsstand der Architekten steckt in der tiefsten Krise seit 60 Jahren. Kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Auf dem deutschen Markt sind innovative Ideen und Spezialisierung gefragt. Entscheidend kann der Schritt ins Ausland sein.

          "Der Architekt: ,Ein Mensch, der die Kunst des Bauens meistert und so die Stätten, an denen Menschen ruhen oder sich regen, aufs beste gestaltet und beseelt.'" Soweit die Charta der Internationalen Architektenvereinigung UIA. Ein kreativer Beruf, von dem man nur träumen kann? Das sollte meinen, wer diese blumige Umschreibung liest. Die Realität in Deutschland sieht jedoch derzeit anders aus. Der Boom Anfang der neunziger Jahre - Folge der deutschen Wiedervereinigung - ist verebbt. Derzeit herrscht Flaute auf dem Bau.

          Zum Leidwesen der Architekten: Ihr Berufsstand steckt in der tiefsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Waren im Jahr 1994 laut Statistik der Bundesingenieurkammer nur knapp 1800 Architekten arbeitslos gemeldet, so sind es mittlerweile schon über 9000. Damit sind mehr als acht Prozent der über 110 000 deutschen Architekten ohne Job. Von denen, die Arbeit haben, hangeln sich viele von Befristung zu Befristung. Oder schlagen sich als freie Mitarbeiter durch. Festanstellungen sind rar geworden, denn den meisten Architekturbüros fehlen die Aufträge und damit das Geld, Mitarbeiter fest zu beschäftigen.

          Hohe Arbeitsbelastung

          Die Belastung derjenigen, die Arbeit haben, ist hoch. Über eine 40-Stunden-Woche können die meisten Architekten - ob festangestellt oder frei - nur müde lächeln. "Mit einer Beamtenmentalität kommt man in unserer Branche nicht weit", sagt Johann Eisele von der Technischen Universität Darmstadt. Der Architekturprofessor betreibt neben seiner Lehrtätigkeit mit 16 Mitarbeitern das Büro 54f in Darmstadt. Auch Gerhard Feldmeyer, persönlich haftender Gesellschafter des Architekturbüros HPP in Düsseldorf, beschwört die Belastbarkeit seiner Kollegen: "Architekten brauchen eine immense Leidensfähigkeit."

          Wenn Wettbewerbe anstehen, schlagen sie sich nicht selten die Nächte um die Ohren. Trübe Aussichten für die fast 50.000 Architekturstudenten, die an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind und in den nächsten Jahren auf den Markt drängen werden. Hinzu kommt, daß die Ausbildung an deutschen Universitäten und Fachhochschulen von Experten keineswegs als optimal eingestuft wird. Die Praxisnähe fehle, so lautet der größte Vorwurf. "Daran sind Professoren und Assistenten nicht ganz unschuldig", meint Feldmeyer. Denn die Assistenten, die nach dem Studium an der Hochschule blieben, seien zum größten Teil völlig unerfahren.

          Fehlende Praxisnähe

          Bei den Professoren sieht es unterschiedlich aus. Zum einen gebe es diejenigen, die sich der Forschung und Lehre verschrieben haben und nie aus dem akademischen Elfenbeinturm herausgekommen seien. "Solche Hochschullehrer wissen natürlich nicht, auf was es in der Praxis ankommt", sagt Gerhard Feldmeyer. Zum anderen gebe es jene, die nebenbei als Architekten arbeiten. "Die sind jedoch meistens so ausgelastet, daß sie nur selten an der Hochschule anzutreffen sind." Ein Studium könne die zukünftigen Kollegen allenfalls für das sensibilieren, was später auf sie zukommen werde. Wie die Dinge wirklich laufen, das lernten sie erst in der Praxis - im Büro und auf der Baustelle.

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