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Arbeitswelt : Reiseführer, Makler und Mädchen für alles

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Relocation-Agenturen helfen Führungskräften bei der Versetzung. In den Vereinigten Staaten sind Mitarbeiter das wichtigstes Kapital einer Firma. Diese Ansicht setzt sich langsam auch in Deutschland durch.

          Ein Hochhausbüro in Frankfurt im Frühjahr 1999. Gerade hat Marc Collinet erfahren, daß er nach Brüssel versetzt werden soll. Keine ungewohnte Situation für den Personalleiter einer großen Bank, schließlich hat er erst im Jahr zuvor für anderthalb Jahre in Moskau gearbeitet und ist häufige Ortswechsel gewöhnt. Doch Zeit, um sich in Brüssel in aller Ruhe eine neue Bleibe zu suchen, hat Collinet nicht. Schließlich wird er von seiner Firma dafür bezahlt, daß er ständig einsatzbereit ist.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Glücklicherweise hat Collinets Arbeitgeber für solche Fälle vorgesorgt - und eine Brüsseler Relocation-Agentur engagiert, die den Immobilienmarkt in der belgischen Hauptstadt nach den Vorgaben des Managers durchforstet. Als Collinet wenig später selbst für zwei kurze Tage nach Brüssel kommt, ist das Traumhaus denn auch schnell gefunden. Collinet fliegt zurück nach Frankfurt - und kann bis zum Wechsel weiter produktiv sein. Die Verhandlungen über den Kaufvertrag, die Übersetzung der Papiere, der Umzug: all diese zeitraubenden Dinge übernimmt eine Brüsseler Relocation-Agentur für ihn. Strom- und Telefonanschluß? Renovierungsarbeiten? Nichts, womit sich der künftige Hausherr abgeben muß. "Ich saß in Brüssel vom ersten Tag an von 9 bis zum späten Abend auf meinem Bürostuhl", sagt der Manager heute rückblickend. "Deshalb war ich froh, daß ich mich um das Kistenpacken und die Formalitäten des Umzugs nicht kümmern mußte."

          „Relocation“ wird zur Normalität

          Drei Monate Frankfurt, anderthalb Jahre Mailand, dann eine kurzfristige Entsendung zur Konzernzentrale nach Milwaukee: Die neue Nomaden-Gesellschaft der internationalen Manager ist ständig auf der Durchreise, überall und nirgends zu Hause. Berufliche Mobilität ist gefragter denn je, und es gilt die Devise: Der Wohnort folgt dem Arbeitsplatz. Auf solch reiselustige und hochbezahlte Geschäftsleute haben sich Relocation-Agenturen spezialisiert. In vielen größeren Städten der Welt übernehmen sie für die Führungskräfte alle notwendigen Formalitäten, die ein Umzug so mit sich bringt. "Geht nicht" gibt's nicht. Jeder Wunsch wird den zumeist gutbetuchten Geschäftsleuten von den Lippen abgelesen - wenn er denn vom Arbeitgeber bezahlt wird. Und die lassen sich die Versetzung ihrer Führungskräfte einiges kosten. Schließlich sind für ein Standardpaket mit Wohnungssuche und Behördengängen um die 2000 Euro zu veranschlagen.

          "Relocation", was soviel bedeutet wie "Standortwechsel", bezeichnet einen Prozeß, der in einer globalisierten Arbeitswelt mehr und mehr zur Normalität wird. Viele Konzerne erwarten von ihren Mitarbeitern wie selbstverständlich die Bereitschaft, nicht ortsgebunden zu sein - so auch die Deutsche Bank, die weltweit Menschen aus 74 Ländern beschäftigt. "Wir entsenden im Jahr etwa 800 bis 1000 Mitarbeiter in die ganze Welt", sagt Patrik Fischer aus der Presseabteilung der Bank in Frankfurt. Rund die Hälfte nutze beim Ortswechsel die Dienste einer Full-Service-Relocation-Agentur, die Kosten übernehme - "selbstverständlich" - das Unternehmen. Dessen Vorteil liegt auf der Hand: "Nur wenn der Mitarbeiter und seine Familie schnell in der neuen Umgebung Fuß fassen, ist er motiviert und nutzt der Bank", formuliert Fischer sachlich. Da nimmt es nicht wunder, daß die meisten Kunden der auf Standortwechsel spezialisierten Agenturen aus dem Bankgeschäft kommen.

          Zwischen Hausbesichtigung und rasantem Landesporträt

          So auch bei Michael Nauert von "City Link". Mit drei Mitarbeitern sorgt die Relocation-Agentur im Frankfurter Nordend dafür, daß sich ausländische "Expatriates", zu deutsch Entsandte, schnell im Rhein-Main-Gebiet wohl fühlen und sich sofort ganz auf den Beruf konzentrieren können. Egal, ob in Buenos Aires oder Frankfurt, das Prozedere ist immer das gleiche. Die Relocation-Firma, vom Arbeitgeber gebucht, nimmt Kontakt mit dem Mitarbeiter auf und klärt vorab die Erwartungen des Kunden: Wie soll das neue Haus oder die Wohnung aussehen? Auf welche Schule soll das Kind gehen, sind Sprachkurse zu belegen? Gleichzeitig sprechen die Fachleute mit den Expatriates ab, welche Formalitäten mit den Behörden vor Ort zu klären sind. "Wir müssen herausfinden, welche Erwartungen der Kunde hat, und ihm gleichzeitig sagen, was möglich ist und was nicht", erklärt Nauert.

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