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Arbeitsplatz : Heilsames Klima

  • -Aktualisiert am

Angst macht krank Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Angst um den Arbeitsplatz? Leistungsdruck unter Kollegen? Studien belegen, daß Feindseligkeit am Arbeitsplatz psychische Erkrankungen befördert. Kollegialität im Büro verhindert depressive Stimmungen und beflügelt Leistungen.

          Fusionen, Rationalisierungen, Gewinnmaximierungen - diese Schlagwörter fallen, wenn es um Globalisierung geht. Doch nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene sind die Folgen einer veränderten Weltwirtschaft zu erkennen. „Vermehrt hinterläßt sie ihre Spuren auch in der seelischen Gesundheit vieler Menschen“, sagt Alois Wacker, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hannover

          Psychische Erkrankungen tauchen zunehmend auf den vorderen Plätzen der betrieblichen Arbeitsunfähigkeitsstatistik auf. Die Angst um den Arbeitsplatz, der enorme Leistungsdruck sowie der immer spürbarer werdende zwischenmenschliche Konkurrenzdruck spielen bei vielen psychischen Erkrankungen wohl eine wesentliche Rolle. Mit Blick auf diese menschlich wie betriebswirtschaftlich schlechten Voraussetzungen rät Joachim Bauer, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin: „Unternehmer und Manager sollten sich viel mehr für die Seele der in ihrer Verantwortung stehenden Menschen interessieren.“ Denn: Sie sei der Ort, wo das entstünde und gefestigt werde, was wir Identifikation und Motivation nennen.

          „Der Mensch braucht Respekt“

          Beide Faktoren spielen sowohl bei der beruflichen Belastbarkeit als auch bei der Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Das werde heute in der Arbeitswelt im zwischenmenschlichen Geschehen zuwenig berücksichtigt. Menschen, die sich aus den genannten Ursachen heraus am Arbeitsplatz ständig verunsichert fühlten, würden schneller krank. Sie leisteten auch weniger, als sie zu leisten imstande wären. Neurobiologisch, so erklärt Bauer, „sind wir Menschen so konstruiert, daß wir nur dann gerne etwas tun, wenn das zu einem Reward, also zu einer Belohnung führt. Aus der Sicht des Gehirns aber ist der wichtigste Reward, den Menschen brauchen, Respekt und Anerkennung!“ Das, so Bauer, „ist der Grund, warum es ohne gelingende Beziehungsgestaltung am Arbeitsplatz auch keine wirkliche Identifikation und Motivation gibt“.

          Sowohl die menschliche Seele als auch der Körper seien durchaus bereit, Leistung zu erbringen und sich an Aufgaben zu bewähren, betont Bauer mit Blick auf die beruflichen Anforderungen. Entscheidend sei, daß dies in einem humanen Rahmen passiere. Aus neurobiologischer Sicht brauchten Menschen erstens eine Beachtung ihrer Leistungsgrenzen, zweitens einen einigermaßen regelmäßigen Arbeitsrhythmus und drittens - ganz entscheidend - sowohl am Arbeitsplatz als auch privat gute zwischenmenschliche Beziehungen, um gesund und auch leistungsfähig bleiben zu können.

          Diese Zusammenhänge erklären für Bauer zum einen die Tatsache, daß Arbeitsunfähigkeit in der EU zunehmend psychische Ursachen hat. Zum anderen zeigen sie für ihn aber praktikable Lösungsmöglichkeiten für dieses nicht nur psychosozial inakzeptable, sondern auch volks- wie betriebswirtschaftlich immens teure Problem auf. Warum kann die rebellierende Seele an sich leistungsfähige und leistungsbereite Menschen plötzlich lahmlegen? Weil, so Bauer, „die Seele kein Eigenleben führt, sondern weil das, was die Seele erlebt, vom Gehirn in Biologie, zum Beispiel in die Ausschüttung von biologischen Botenstoffen, übersetzt wird“. Diese dauerhaft erhöhten Stressbotenstoffe ruinieren die körperlichen Kraftreserven. Das hat rückwirkend wiederum seelische Folgen, die in depressive Erkrankungen und Arbeitsausfall münden können.

          Leistungen anerkennen

          Und der Ausweg aus dem Dilemma? Den entscheidenden Ansatzpunkt sieht der Forscher und Therapeut in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Berufliche Leistungen sollten unbedingt beachtet und anerkannt werden. Und die Beziehungen zwischen den Beschäftigten untereinander sowie der Beschäftigten zu ihren Vorgesetzten sollten frei von Feindseligkeit, berechenbar und vertrauensvoll gestaltet sein. Deshalb, so lautet Bauers dringender Rat, „sollten Vorgesetzte für ein kollegiales Klima sorgen und vor allem darauf verzichten, zwischen den Beschäftigten zuviel Konkurrenz und Spannungen zu erzeugen“. Was sagt die Management-Wissenschaft zu dieser Problematik? Anna Maria Pircher-Friedrich, Professorin und Bereichsleiterin für Human Resource Management am Management Center Innsbruck, stellt fest: „Eine einseitige Orientierung am Shareholder Value und narzißtisches Machtstreben auf Kosten anderer läßt Menschen und Unternehmen erkranken.“

          Erforderlich ist für die erfahrene Wissenschaftlerin „eine klare geistige Neuorientierung von Führung auf der Basis eines sinnzentrierten, würdigen Menschenbildes“. Die Probleme und krankmachenden Faktoren am Arbeitsplatz können Pircher-Friedrich zufolge nur durch die (Rück-)Besinnung auf Sinnerfüllung und Werte gelöst und geheilt werden. Sinnorientierung, erläutert Pircher-Friedrich, „hat gesundheitserhaltenden, salutogenen Charakter. Eine werteorientierte Führung steht also nicht im Widerspruch zum Gewinn, sondern ist geradezu die Voraussetzung für die nachhaltige Wertsteigerung von Unternehmen.“

          Werte sind für Pircher-Friedrich die Quelle für Sinn und die Grundlage für gesunde Menschen sowie Unternehmen. Werte sind so die Katalysatoren für die Bereitschaft, sein Bestes zu geben, sich Herausforderungen zu stellen, sowie Motor für Kreativität und Entwicklung. Deshalb, sagt Pircher-Friedrich, „sind wertorientierte Unternehmen innovativer und erfolgreicher“. Innovative Unternehmenskulturen, so ihre Forderung, müssen sinnorientierte Rahmenbedingungen schaffen, die es ihren Mitarbeitern ermöglichen, ihr Bestes zu geben, und die permanente Selbstentwicklung jedes einzelnen fördern.

          Betriebliches Wohl

          Gute menschliche Beziehungen spielen auch für die Markenchefin der Großbäckerei Mestemacher, Ulrike Detmers, eine wesentliche Rolle bei der Vermeidung psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz. Für Detmers, die auch als Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Personalmanagement und Organisationsmanagement tätig ist, „müssen Führungskräfte über ein hohes Maß an sozialer und persönlicher Souveränität verfügen, um das Leistungsvermögen ihrer Mitarbeiter zu erschließen“.

          Verfügen sie über diese Kompetenzen, dann, ist Detmers überzeugt, entwickeln sie automatisch eine motivationsfördernde Unternehmenskultur, in der sich Angstgefühle nicht krankmachend und leistungsbeeinträchtigend einnisten können. In diesem Sinne sollen nach Ansicht von Detmers souveräne Führungskräfte „sich für ihre ,Schutzbefohlenen' einsetzen“. Auch im Bemühen um einen entsprechenden Umgangston.

          Dabei, sagt Ulrike Detmers, „geht es um die Balance von Eigentümer- und Mitarbeiterinteressen. Eine Schieflage würde die Leistungs- und Wettbewerbskraft des Unternehmens schwächen und die Rentabilität verringern. Damit steht die Existenz eines Unternehmens auf dem Spiel, und das kann ja wohl nicht das Ziel von Vorgesetzten sein. Ihr eigener Arbeitsplatz steht dann auch zur Disposition. Leider könnte es in Deutschland mehr Führungskräfte geben, denen das betriebliche Wohl wichtiger ist als das eigene Ego, teure Statussymbole und ein hohes Einkommen.“

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