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Arbeitsplatz : Ein Schreibtisch voller Klischees

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Uta Brandes hat 686 Schreibtische auf fünf Kontinenten untersucht. Bild: Brandes & Erlhoff

Die Designforscherin Uta Brandes hat Arbeitsplätze auf der ganzen Welt untersucht. Die Unterschiede zwischen Kulturen und Geschlechtern sind krass.

          Frau Brandes, Ihre Studie heißt „My desk is my castle“, was steckt dahinter?

          Wir kennen ja alle den Spruch „My home is my castle“. Menschen, die in Büros arbeiten, schaffen sich dort durch ihre Schreibtische ein Stückchen Heimat, wo sie sich wohlfühlen. Aber das ist nur eine Funktion. Die zweite ist genau gegenteilig: Ich stelle mich mit meinem Schreibtisch nach außen dar. In erster Linie den Kollegen gegenüber aber auch dem Publikumsverkehr. Das heißt, die Schreibtische sind auch immer kleine Bühnen, auf denen sich ganze Dramen abspielen.

          Also stellen wir uns Dinge auf den Schreibtisch, die uns so zeigen, wie wir uns selbst gerne sehen?

          Ja. Natürlich unbewusst, aber ich stelle mich so aus, wie ich offenbar gerne möchte, dass mich die anderen sehen. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass Familienfotos, die es sehr häufig auf Schreibtischen gibt, oft an die Ecke des Schreibtisches gestellt werden, an der der Durchgang ist. Die hübschen Kinder- und diese glücklichen Familienfotos stehen also dort, wo die Kollegen vorbeigehen. Man will den anderen zeigen, dass man eine tolle Familie hat.

          Wenn der Schreibtisch eine Bühne ist, wer sind denn dann die größten Selbstdarsteller?

          Der extremste Schreibtisch in unserer Studie ist der einer Frau in Taiwan. Da standen 128 Dinge drauf, die nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Den größten Unterschied macht dabei die Kultur. Asiaten sammeln am meisten „Nippes“. Ihre Schreibtische sind unglaublich bunt. Man kann eigentlich sagen: Je kleiner der Schreibtisch, desto mehr persönliche Dinge stehen darauf. So viel, dass wir uns manchmal gefragt haben, wo der Computer noch Platz finden soll. In Europa und in den Vereinigten Staaten sind die Schreibtische eher zurückhaltend eingerichtet.

          Sind sich die Europäer und Asiaten bewusst, dass Schreibtische auch anders aussehen können als ihre eigenen?

          Bei Designstudios waren die Unterschiede besonders extrem. Als wir den Designern in Europa und Asien gegenseitig Fotos ihrer Schreibtische gezeigt haben, waren beide Seiten entsetzt. Die Asiaten haben gefragt: „Wie könnt ihr bei so einer sterilen Hospitalatmosphäre überhaupt auf kreative Ideen kommen?“ Und die Europäer haben gesagt: „Wie könnt ihr bei diesem bunten Chaos auf euren Schreibtischen überhaupt an einen bestimmten Kunden denken?“ Die Idee von Ordnung ist in vielen Kulturen unterschiedlich.

          Sie haben nicht nur Unterschiede zwischen den Kulturen untersucht, sondern auch zwischen Männern und Frauen. Was haben Sie da herausgefunden?

          Bei 70 bis 80 Prozent aller Schreibtische könnte jeder auf Anhieb sagen: Dies ist ein Männerschreibtisch und dies ist ein Frauenschreibtisch. Die Klischees, die wir von dem haben, was angeblich typisch männlich ist und was typisch weiblich ist, setzen sich durch. Die Frauenschreibtische haben durchweg ein eher pastelliges Klima: viele helle Farben, Mint, tatsächlich auch viel Pink. Bei den Männern sind es die Farben Dunkelblau, Schwarz und Metallic. Und auch die Objekte sind scheinbar geschlechtstypisch geprägt. Bei Frauen finden sich auf den Schreibtischen häufig kleine Schminkspiegel, ein Kamm oder ein Lippenstift.

          Und bei den Männern?

          Da sind es oft Autoschlüssel, die relativ demonstrativ auf dem Schreibtisch liegen. Allerdings nur dann, wenn der Schlüssel darauf schließen lässt, dass es ein größeres Auto ist. Außerdem gibt es bei Männern häufig kleine Comicfiguren wie Batman. Ich hatte gedacht, im 21. Jahrhundert hätten sich diese Klischees ein bisschen abgemildert, aber zumindest was die Schreibtische angeht, kann man sagen: in den meisten Fällen, nein.

          Wie erklären Sie sich das?

          Wir merken an den Schreibtischen, wie uns die Gesellschaft in dem, was „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ ist, prägt. Wenn bestimmte Vorstellungen darüber herrschen, wie Männer und Frauen sind, dann setzen sich Teile dieser Klischees auch in der Realität durch. Und eben auch im Büro.

          Das Gespräch führte Mareike Zeck.

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