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E-Commerce : Wegweiser durch das Dickicht an Daten

Im Handel sind künftig Menschen gefragt, die einen Weg aus dem Datenlabyrinth des E-Commerce finden. Bild: dpa

Der stationäre Handel rüstet sich personell für die Online-Welt: Begehrt sind Experten für die Analyse von Kundendaten, Webshops und Suchmaschinenoptimierung.

          Sven Lipowski kommt gerade aus London zurück. Zwei Tage hat er an der Stamford Bridge verbracht, wo das Fußballstadion des englischen Fußballklubs FC Chelsea steht. Auf einer Fachmesse für digitale Wirtschaft traten dort Referenten von Branchengrößen wie Google, Facebook und Microsoft auf. Vor allem über die Möglichkeiten des digitalen Marketings habe er sich mit IT-Spezialisten, Online-Experten und anderen stationären Händlern ausgetauscht, erzählt der Siebenunddreißigjährige.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Beim Handelskonzern Metro leitet Lipowski seit einem Jahr die neu formierte Abteilung E-Business der IT-Tochtergesellschaft Metro Systems. Sein zwanzigköpfiges Düsseldorfer Team - dazu kommen noch Softwareentwickler in Rumänien und Indien - erarbeitet vor allem für die größte Metro-Sparte Cash & Carry „technische Lösungen für die Reise in die Multichannel-Welt“, wie Lipowski erläutert.

          Zuletzt haben sie etwa neue Webshops für die Metro-Großmärkte in Russland, Rumänien, Polen und den Niederlanden getestet. Ein anderes großes Aufgabenfeld für Lipowski stellt die optimale Nutzung der mehr als 21 Millionen Kundendaten von Cash & Carry dar: Seine Mannschaft entwickelt beispielsweise IT-Plattformen für Online-Werbekampagnen. „Damit ist es möglich, unseren Kunden wie Restaurants, Anwaltskanzleien und Kioskbesitzern eigens auf sie zugeschnittene E-Mails zu schicken.“ Spezielle Angebote werden den verschiedenen Kundengruppen auch auf der Metro-Homepage angezeigt, sobald sie sich mit ihrer Kundennummer einloggen.

          Der Akademikeranteil im Handel wächst ständig

          Angesichts der wachsenden Online-Konkurrenz rüstet der klassische Handel in Sachen E-Commerce personell auf. „Die stationären Händler brauchen verstärkt Leute, die die digitale Welt verstehen und mit der Datenflut umgehen können“, sagt Alexander Haas, Professor für Marketing und Verkaufsmanagement an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Als besonders gefragt gelten derzeit Spezialisten für das Management von Kundendaten, für Webshops, Online-Marketing und die Suchmaschinenoptimierung. Zudem entstehen laut Haas auch in angestammten Bereichen des Handels wie etwa der Logistik neue Anforderungsprofile. So seien bei der Online-Belieferung ganz andere Ansätze gefragt als im stationären Geschäft.

          Im Zuge dieses Wandels werde der Akademikeranteil im Handel weiter zunehmen, prognostiziert Gerrit Heinemann, Leiter des e-Web Research Center der Hochschule Niederrhein. Mit 7 Prozent ist die Akademikerquote in der Branche immer noch vergleichsweise gering. In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil aber kontinuierlich erhöht.

          Doch die Rekrutierung ist nicht einfach: „Viele Informatiker etwa denken bei potentiellen Arbeitgebern als Letztes an den Handel“, stellt Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, fest. Im Fokus stünden vielmehr traditionell datengetriebene Branchen wie die IT-Industrie, Banken, Versicherungen und Automobilhersteller. „Der Handel muss stärker deutlich machen, dass auch er solche Mitarbeiter braucht“, fordert Hudetz. Der digitale Wandel sei für die Branche aber auch eine Chance, ihre Attraktivität für Hochschulabsolventen zu erhöhen.

          Die Kundenansprache muss immer individueller werden

          Unterdessen ändern sich die Anforderungen an die Beschäftigten im Handel, denn die Bereiche greifen zunehmend ineinander. Die Betriebswirte müssten stärker als früher die IT-Welt beobachten, umgekehrt sei von den IT-Experten ein höheres Verständnis der Handelsprozesse gefragt, stellt Wilfried Malcher vom Handelsverband Deutschland fest. Von einer stärkeren Verflechtung berichtet auch Torsten Zausch, Leiter der Personalabteilung bei Metro Systems. Die Aufgabe des IT-Dienstleisters liege längst nicht mehr im reinen IT-Betrieb. „Unsere Mitarbeiter sind inzwischen früh in die Projektentwicklung einbezogen und stark als Berater gefragt. Es gibt ein größeres Miteinander als früher“, sagt Zausch. Nötig seien besonders Erfahrungen im Management von Projekten und dem Arbeiten in komplexen, internationalen Strukturen. Schwierig gestaltet sich Zausch zufolge derzeit die Suche nach SAP-Spezialisten. Um künftigen Engpässen vorzubeugen, ist die Einrichtung eines dualen Studiums zum Wirtschaftsinformatiker geplant.

          Das E-Business-Team von Sven Lipowski setzt sich aus Informatikern, Betriebswirten und Wirtschaftsinformatikern zusammen. Neben langjährigen Metro-Kräften wurden auch Mitarbeiter von reinen Online-Händlern und Spezialdienstleistern für die Implementierung von Webshops abgeworben. In das Thema Suchmaschinenoptimierung hat sich ein ehemaliger Trainee eingearbeitet.

          Lipowski bezeichnet sich als „Metro-Eigengewächs“: Nach der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studierte er berufsbegleitend internationales Handelsmanagement in Worms und arbeitete zwischendurch in vierzehn verschiedenen Cash-&-Carry-Filialen. Anschließend war er in zwei Hamburger Großmärkten erst für den Frischebereich, dann für das Kundenmanagement verantwortlich, bevor er 2006 in die Zentrale von Cash & Carry und 2010 dann zu Metro Systems wechselte. In der noch individuelleren Kundenansprache und der Verknüpfung der verschiedenen Vertriebskanäle sieht er für die nächsten Jahre seine größten Herausforderungen.

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