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Amanda Knox frei : Freispruch, keine Klärung

  • -Aktualisiert am

Amanda Knox hatte immer wieder ihre Unschuld beteuert Bild: AFP

Die Amerikanerin Amanda Knox ist im Berufungsprozess um den Mord an einer britischen Studentin im italienischen Perugia freigesprochen worden. Knox war 2009 zu 26 Jahren Haft verurteilt worden.

          Es ist passiert, worauf die einen gehofft, was andere befürchtet und viele erwartet hatten: Ein Berufungsgericht in der italienischen Stadt Perugia hat am Montag die langjährigen Haftstrafen wegen Mordes und Vergewaltigung gegen die 24 Jahre alte Amerikanerin Amanda Knox sowie gegen ihren früheren Freund Raffaele Sollecito aufgehoben. Freispruch.

          Den ganzen Tag über hatten Kameras und Schaulustige den Eingang zum Berufungsgericht belagert, um auf das Ende des wohl spektakulärsten Indizienprozesses der jüngeren italienischen Rechtsgeschichte zu warten. 400 Journalisten verfolgten am Morgen drinnen, wie die frühere Studentin Amanda Knox ihre Unschuld beteuerte und mit tränenerstickter Stimme den Mord an ihrer Freundin beklagte, für den sie und ihr früherer Freund irrtümlich verurteilt worden seien. Auch der frühere Freund beteuerte noch einmal seine Unschuld. Die 24 Jahre alte Knox und der drei Jahre ältere Italiener Raffaele Sollecito waren 2009 wegen Mordes und Vergewaltigung an der britischen Studentin Meredith Kercher zu 26 und 25 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

          Für ausländische Studenten gibt es in Perugia über dem Tibertal eine Universität, die für ihre Sprachkurse bekannt ist. Ein ausschweifendes Leben mit Rauschgift, reichlich Alkohol und freizügigem Umgang mit ihren Körpern sollen Amanda Knox und ihre Freunde hier geführt haben. All das aber erklärt nicht den grausamen Mord an Meredith Kercher. Die 21 Jahre alte Britin war am 2. November 2007 mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt und von zahlreichen Messerstichen getroffen in ihrer und Knox’ gemeinsamer Wohnung gefunden worden. Nach der Anklage kam es bei gewalttätigem Sex zu der Tat.

          Geschockt: Die Kercher-Familie Bilderstrecke

          Sie sei zur Tatzeit gar nicht in der gemeinsamen Wohnung gewesen, sagte Amanda Knox am Montagmorgen noch einmal. Zu Beginn der Ermittlungen hatte sie mit wirren Äußerungen Verdacht auf sich gezogen. In den Medien hieß sie bald „der Engel mit den Eisaugen“. Sie habe weder vergewaltigt noch getötet, sagte sie in fast fehlerfreiem Italienisch: „Ich habe eine Freundin verloren, auf die furchtbarste und unerklärlichste Weise. Wenn ich an jenem Abend nicht bei Raffaele gewesen wäre, wäre ich heute tot, wie Meredith.“ Sie bezahle mit ihrem Leben und ihrem Leiden im Gefängnis für etwas, „was ich nicht getan habe“. Sie wolle heim, ins amerikanische Seattle.

          Zwei Richter und sechs Geschworene hatten über das Schicksal der beiden Angeklagten zu entscheiden. Die Familie Kercher sieht in Knox, Sollecito und dem 24 Jahre alten Schwarzen Rudy Guede – er wurde in einem gesonderten Verfahren zu 16 Jahren verurteilt – die Mörder ihrer Tochter Meredith. Sollecitos Anwältin Giulia Bongiorno sagte jedoch: „Der einzige ,Beweis‘ der Anklage, der Raffaele mit der Tat verbindet, hätte von Anfang an vor Gericht nicht benutzt werden dürfen.“ Die DNA-Spuren auf einem Büstenhalter des Opfers seien nicht eindeutig zuzuordnen, der Büstenhalter sei zudem erst 46 Tage nach der Tat gefunden worden. Auch die vermeintlichen DNA-Spuren von Amanda Knox auf der Tatwaffe, einem Messer, seien verunreinigt. Man könne „mehrere genetische Profile“ darauf erkennen.

          Die Strafrechtlerin Paola Severino von der Luiss-Universität in Rom sagte vor Gericht, die Polizei habe bei den Ermittlungen Fehler gemacht. So sei der Tatort nicht gründlich genug untersucht worden. Verdächtige und Zeugen seien erst spät intensiv verhört worden, als ihre Erinnerung schon verblasst sei. Dennoch habe die italienische Justiz nicht „barbarisch“ Urteil gesprochen, wie aus Amerika oft zu hören gewesen sei. Schon das Berufungsverfahren belege das Gegenteil.

          Nun werden Knox und Sollecito freikommen, für die junge Frau, so heißt es, stehe schon ein Privatflugzeug für die Rückkehr in die Vereinigten Staaten bereit. Die Ermittlungen freilich werden noch einmal von vorn beginnen müssen, abermals mit der bangen Frage: Wer hat im November 2007 Meredith Kercher ermordet?

          In einer sonderbaren Wendung des Falles erschien kürzlich ein „neuer Täter“. Ein reuiger Mafioso der Camorra gab an, sein flüchtiger Bruder habe die junge Engländerin getötet, im Affekt, als „Kollateralschaden“ bei einem Einbruch in deren Wohnung. Diese Spur gilt als wenig plausibel. Eine zweite Variante: Der Zellennachbar des schon verurteilten Rudy Guede will von diesem gehört haben, Knox und ihr Freund seien unschuldig, weil „ein Freund Guedes“ Meredith im Lauf einer versuchten Vergewaltigung umgebracht habe. Der Zellennachbar ist aber auch nicht gerade verlässlich. Gegen ihn läuft ein Verfahren wegen Falschaussage.

          Das Urteil des Berufungsgerichts konnte also nicht klären, was tatsächlich am 2. November 2007 in dem kleinen Haus bei der Ausländeruniversität geschah. Die „wirklich wahre“ Geschichte hat derweil schon längst in Büchern und Filmen Gestalt angenommen. Dort ist Amanda Knox längst die Verkörperung des Bösen, während Meredith Kercher als fleißige Italienischstudentin erscheint, eine Heilige, die der weibliche Teufel mit dem Madonnengesicht massakriert hat.

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