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Zeit-Chefredakteur an F.A.Z. : Liebe Frankfurter Allgemeine

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Giovanni di Lorenzo ist Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ Bild: ZEIT/Jim Rakete

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, schreibt in einem Brief zum 70. Geburtstag der F.A.Z., warum sie ihm unentbehrlich geworden ist – obwohl und gerade weil er ihr nicht immer zustimmen kann.

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          Darf man Ihnen auch dann gratulieren, wenn man von seiner ganzen Prägung her ein Kind der „Süddeutschen“ ist, der anderen großen Zeitung in Deutschland, bei der ich in jungen Jahren fast alles über den Journalismus lernen durfte? Ich finde, man muss: Sie haben mich bereits damals begleitet, das war schon ein Gebot der Dialektik. Aber selten sind Sie für mich so unentbehrlich geworden wie in den letzten Jahren. Sie haben das unsinnige Gerede widerlegt, dass es in Zeiten des politischen Auseinanderdriftens und der Allmacht immer gleicher Themen keinen Raum mehr gebe für eine vernünftige konservative Position.

          Und dass, wenn es ihn gibt, er eine verdächtige Nähe zum Rechtspopulismus einnehme. Dabei habe ich einige der treffendsten, schärfsten Auseinandersetzungen mit der AfD gerade bei Ihnen gelesen. Das stelle ich nicht deswegen so heraus, weil Ihre konservative Kommentierung (die manchmal auch nur eine altliberale ist) immer meinen Standpunkt wiedergibt – mitnichten. Sondern weil Sie den Medien in Deutschland einen wertvollen Dienst erweisen: Wir können unsere viel beschworene Glaubwürdigkeit nur dann erhalten oder zurückgewinnen, wenn wir selbst Diversität zeigen.

          Darunter fällt natürlich ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen und Männern in den Redaktionen, eine stärkere Präsenz von Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund, eine bessere Durchmischung von Alt und Jung. Aber es muss eben auch eine politische Diversität geben und folglich Kolleginnen und Kollegen, die nicht alle ähnlich sozialisiert sind.

          Ich lese Sie, liebe F.A.Z., auch dann besonders gern, wenn ich mich über ein Thema vor allem in der Sache informieren möchte. Niemand anderes schreibt so gründlich und fachkundig! Sie werden sagen, das war schon immer eines unserer Markenzeichen. Mag sein. Aber ich stelle es vor allem deshalb heraus, weil dieser Journalismus – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – heute wie ein Statement wirkt. Vielerorts werden Meinungen und Fakten so stark vermischt, dass es fast schon wie betreutes Lesen wirkt! Das geht vielen Leserinnen und Lesern inzwischen gewaltig auf die Nerven. Eine faktenbasierte Antwort auf die elementare Frage – wie ist es eigentlich wirklich bei einem bestimmten Thema? – kann es inzwischen in ihrer Wirkung häufig mit einem Leitartikel aufnehmen.

          Und nicht zuletzt lese ich Sie auch deshalb so gern, weil Sie mich immer wieder durch die wirklich beispiellose Breite und Dichte der Berichterstattung aus allen Teilen der Welt überzeugen. Chapeau! Ihr Korrespondentennetz ist so außergewöhnlich und groß, dass ich manchmal neidisch werde – obwohl ich dieses Gefühl lieber anderen überlassen würde.

          Was wünsche ich Ihnen, außer dass Sie auf diesem Weg weitergehen? Manchmal habe ich den Eindruck – aber vielleicht täusche ich mich auch, weil zwischen der F.A.Z. in Frankfurt und der ZEIT in Hamburg gelegentlich doch Welten liegen –, dass Sie möglicherweise versucht sind, den Kampf um neue Leserinnen und Leser aufzugeben. Ich würde Ihnen da gern Mut machen: Mehr Frauen in der Leserschaft und in der Redaktion sind ein Gewinn, keine Bedrohung. Und junge Menschen sind auch noch erreichbar, auch wenn man dafür ziemlich viel tun muss, sowohl im Verlag als auch in der Redaktion. Sie vergeben sich dabei nichts, Sie bekommen nur sehr viel zurück!

          Und noch eine letzte Anmerkung, die sicher auch eine professionelle Deformation ist, wofür ich um Nachsicht bitte: Manchmal haben Sie phantastische Geschichten im Blatt, die Sie aber unerklärlicherweise so achtlos verkaufen, dass sie nicht richtig auffallen. Zu jeder guten Zeitung gehört aber doch auch immer ein kleines bisschen Verführung zum Lesen!

          Zu Jubiläen wird bekanntlich aus Gründen der Höflichkeit viel übertrieben und geflunkert. Aber ich meine das ganz aufrichtig, wenn ich Ihnen zurufe: Sie sind so einzigartig, dass Sie sogar Fraktur tragen dürfen – bei Ihnen sieht es trotzdem gut aus!

          Mit allen guten Wünschen bin ich

          Ihr Giovanni di Lorenzo

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