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Leitartikel in der F.A.Z. : Die Linie? Die gibt es nicht

Was wird Kommentar? Von rechts: Klaus-Dieter Frankenberger, Berthold Kohler, Nikolas Busse und Reinhard Veser in der „Glossenkonferenz“ um 14.30 Uhr. Bild: Frank Röth

Der Leitartikel soll die Zeitung zum Flaggschiff machen. Aber um Segel setzen zu können, braucht es noch eine andere Königsdisziplin: die Nachricht.

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          Es muss eine wichtige Frage deutscher, europäischer oder galaktischer Politik gewesen sein. Jedenfalls war sie Gegenstand eines langen Vortrags, der nichts im Thema außer Acht ließ, außer vielleicht die Geduld der Teilnehmer der Konferenz, in der ein Leitartikel der Politikredaktion besprochen wurde. Einem der Herausgeber wurde es zu bunt, und ihm entfuhr: „Aber jetzt sagen Sie mal: Sind Sie nun dafür oder dagegen!?“

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Ein Leser, der sich nach Lektüre eines Leitartikels diese Frage stellen muss, darf sich zu Recht ärgern. Denn eine lange Ausführung von Pro und Contra, von Aspekten und Teilaspekten, ohne dass am Ende klar würde, was denn der Autor von alldem hält, ist kein Leitartikel, der leitet. Er ist allenfalls ein Einerseits-Andererseits, ein Hü-und-hott-Artikel, in dem es rauf und runter, hin und her geht, der aber nie zum Ziel kommt. Das Ziel ist die klare Meinung.

          Für die Zeitung ist die Meinung ein besonders wichtiges Terrain, schließlich will sie meinungsbildend sein, will die öffentliche Meinung beeinflussen, mitbestimmen, ja sogar lenken und vorgeben. Sie soll „Flaggschiff“ sein, nicht Paddelboot. Aber muss sich ein Leitartikler dessen immer bewusst sein, muss er immer daran denken, dass er etwas bewirken, beeinflussen, dass er „Politik machen“ will? Es soll in unserer Branche Leitartikler geben, die sich als diejenigen wähnen, die den Kanzler oder die Kanzlerin machen. Das sind nicht die guten.

          Die wahrhaftige Nachricht ist eine bedrohte Art

          Zugegeben: Die Macht des Wortes verführt dazu. Wer ihr aber erliegt, der verliert das höchste Gut aus den Augen, dem ein Redakteur verpflichtet ist: die Wahrheit zu suchen, ihr so nahe wie möglich zu kommen und alles zu erkennen, das ihn von ihr trennt. Sonst wird er blind für die andere Königsdisziplin, ohne die das Flaggschiff keine Segel setzen kann, ohne die jeder Leitartikel in der Luft hängt und ins Seichte stürzt. Nein, diese Königsdisziplin ist nicht die persönlich gefärbte Reportage. Es ist die distanzierte, die faire, die wahrhaftige, die epische Nachricht.

          Sie ist eine bedrohte Art. Dagegen hat sich die marktschreierische Meinung in den politischen Debatten so in den Vordergrund gedrängt, dass der Eindruck entsteht, die fertige Meinung stehe schon am Anfang der Meinungsbildung, nicht ganz an deren Ende. Erst die systematische Verbreitung von Fake News verspricht eine Umkehr. Denn dagegen hilft keine Meinung, sondern nur die wahre Nachricht. Allerdings, um Verwirrung zu stiften und Meinung zu machen, begegnet gerade ihr der Vorwurf, Falschnachricht zu sein. Auch da ist aber die hartnäckige Nachricht das beste Gegenmittel. Fast scheint es, als sei die einfachste Nachricht manchmal der beste Leitartikel.

          Denn die Nachricht liefert den Teppich der Tatsachen: Wer, was, wo, wann, wie, warum, woher – die sieben W-Fragen sind zur altmodischen Form in einer Welt geworden, die Unterhaltung, Spannung und Leitartikler haben will, die aktivistisch auf die Sahne hauen, auch wenn sie dabei regelmäßig haarscharf oder meilenweit danebenliegen.

          Nicht ausblenden, was nicht ins Bild passt

          Jüngstes Beispiel: die Flüchtlingskrise. Wer sich auf Nachrichten verließ, die nicht ausblendeten, was nicht ins Bild passte, der konnte im Leitartikel nicht nur in Jubelarien ausbrechen. Dass davon eine Leitung ausging, ein Kurs vorgegeben wurde, sieht man daran, dass Jahre später fast schon publizistischer Konsens ist, was damals noch als Absonderung von, so eine Hamburger Illustrierte, Frankfurter „Salonhetzern“ galt. Das nächste gute Beispiel könnte die Klimakrise werden.

          Entsteht aber so in den Leitartikeln die „Linie“ der Zeitung, allein und nur auf Grundlage der Nachrichtenlage? Das wäre dann doch etwas naiv. Abgesehen davon: Die eine „Linie“ gibt es nicht, jedenfalls nicht als verordnete Schmalspur, nicht in dem Sinne, dass in den Konferenzen jemand sitzt, der sagt, wo es langgeht, weil ein Zentralkomitee es so beschlossen habe.

          Es zählen die Stärke des Arguments und die Gewissheit, dass die Herausgeber das letzte Wort haben. Das diszipliniert – nicht im Sinne von Unterwürfigkeit, sondern von Überzeugungskraft. Der Rest ist das Grundrauschen von Wissen und Bildung, von Umsicht und Neugier, von Zweifel und Lernfähigkeit, die jeden fachlich versierten Redakteur in die Lage versetzt, innerhalb von Minuten (nun ja: oder von Stunden) über „sein“ Thema einen Kommentar zu schreiben, von dem es nur so scheint, als habe jemand tagelang darüber gebrütet.

          Aber um ganz ehrlich zu sein: Ein Kommentator brütet immer und überall. „Sind Sie nun dafür oder dagegen!?“

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