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Sprache in der F.A.Z. : Das Werkzeug scharf halten

Die F.A.Z.-Redaktion hat die entgegen den wechselnden Ansichten des Duden die Schreibweise „Albtraum“ gewählt, weil jener nichts mit der schönen Landschaft der Alpen, aber viel mit dem bösen Alb zu tun hat, der nachts auf der Brust des Schlafenden sitzt. Bild: dpa

Welche Ausdrücke ein Redakteur besser vermeidet, steht in einer Unwortliste. Wie die Zeitung um die Sprache und mit ihr kämpft.

          3 Min.

          Ein Redakteur muss zuweilen hart im Nehmen sein. Unterläuft ihm ein Fehler, ist der Pranger gewiss, schließlich steht das Missgeschick für alle ersichtlich auf dem Präsentierteller. Oder er erntet Spott. So wird Journalismus gern als die Kunst definiert, anderen zu erklären, was man selbst nicht verstanden hat. Das Wissen um die Sache ist die eine Seite, vielleicht gibt es deshalb so viele Akademiker mit Fachkenntnissen in der Redaktion. Es so weiterzureichen, dass die Botschaft ankommt, ist die andere. Frei nach Karl Kraus, der gelästert hat, es genüge nicht, keine Gedanken zu haben – man müsse auch noch unfähig sein, sie auszudrücken.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Denn ein guter Stil allein reicht nicht, falls der Inhalt schwach ist. Umgekehrt kommt aber die schönste Botschaft nicht an, wenn sie schlecht vermittelt wird. Das ist ein guter Grund, die Sprache, das wichtigste Werkzeug des Journalisten, zu hegen und zu pflegen – die Redaktionen aller großen Medien machen das, jede auf ihre Weise. Im Vorteil ist, wer beim Schreiben ihre Feinheiten nutzen kann, Debatten darüber gehören deshalb zum Redaktionsalltag.

          Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an längere Diskussionen, etwa um die Frage, wo denn der Unterschied zwischen „niemand“ und „keiner“ sei (niemand versteht meinen Text, aber von zehn Deutschlehrern hat ihn keiner verstanden) oder zwischen „mehrmals“ (mehrere Versuche) und „mehrfach“ (Kopien).

          Die Listen sind lang und die Autoren in Eile

          Da fragt der Jungredakteur gern, wofür es nützt, sich über solche Spitzfindigkeiten Gedanken zu machen. Der Sinn ist, Fehler zu vermeiden, wenn ein schludriger Umgang mit der Sprache zu unklaren Aussagen führt: „scheinbar“ (es scheint nur so) ist nicht dasselbe wie „anscheinend“ (fast offensichtlich), sondern das Gegenteil.

          Dass ein anhaltendes Auto bald steht, anhaltende Regenfälle aber weitergehen sollen, ist nicht logisch, das Wort „andauernd“ wäre die bessere Wahl. Wenn dabei die Temperaturen „wieder gefallen“ sind, bleibt im Dunkeln, ob sie zuvor höher oder tiefer waren. Solcherlei Haarspalterei muss man nicht mögen, es reicht, wenn in den Redaktionen des Hauses gelegentlich das Bewusstsein für Stil und Sprache geschärft wird. Da nur Journalist wird, wer gern schreibt, fühlt sich jeder berufen, zu diesem Thema beizutragen – und ist es auch. Letztlich sind die Autoren frei zu formulieren, wie ihnen der Sinn steht. Wobei der Grundsatz gilt, dass alles geschrieben werden darf, aber nicht alles veröffentlicht, deshalb wird jeder Text gegengelesen.

          Trotz aller Freiheiten muss es Regeln geben, die in über Jahrzehnte gewachsenen Verzeichnissen münden – die Kollegen nennen eines davon liebevoll die „Unwortliste“. Die Autoren mögen sich bitte daran halten, in begründeten Fällen darf freilich davon abgewichen werden. Für alle Schreiber nachvollziehbar dient ein großer Teil der Regeln schlicht der Vereinheitlichung; für alle Leser nachvollziehbar gelingt das nicht immer, denn die Listen sind lang und die Autoren in Eile. Da stellt sich eine schier endlose Reihe von Fragen, etwa derart: Wie schreiben wir Buchstaben aus fremden Alphabeten um, wann werden Koppelungen gesetzt, und wie stutzen wir wild wuchernde Produktnamen zurück, deren einziger Zweck es ist, Aufmerksamkeit zu erhaschen?

          Anderes wurde einst festgelegt und hat Bestand. So wehrt sich die Zeitung seit jeher, Ländernamen abzukürzen. Wenn also früher die BRD, die DDR oder die UDSSR in Texten aufgetaucht sein sollten, war das ein Unfall. Die USA sind es bis heute, so dass die Texter zu sperrigen Umschreibungen greifen müssen. Begründet ist dagegen die Forderung, auf Fremdwörter nach Möglichkeit dort zu verzichten, wo es einen Ausdruck in deutscher Sprache gibt. Denn den verstehen alle, Fremdwörter grenzen dagegen oft einen Teil der Leser aus.

          Sprache entwickelt sich weiter

          Häufig erschließt sich das, was richtig sein soll, durch Ableitung. Zum Beispiel hat die Redaktion dieser Zeitung stets und entgegen den wechselnden Ansichten des Duden die Schreibweise „Albtraum“ gewählt, weil jener nichts mit der schönen Landschaft der Alpen, aber viel mit dem bösen Alb zu tun hat, der nachts auf der Brust des Schlafenden sitzt. Oder durch Nachdenken, so ist „Nullwachstum“ in sich widersprüchlich und daher Unfug.

          Nicht gern gesehen sind auch geschwätzige Worterweiterungen („vorprogrammiert“, „anmieten“). Sprache lebt und entwickelt sich weiter, dagegen steht das Streben, in der Schriftform Kontinuität zu wahren. Rettet also den Genitiv und den KonjunktivII (was hülfe es, wenn ich stürbe), dessen sich manche Autoren bedienen, auch wenn kein Mensch mehr so spricht. Das ist nicht nur ein Versuch, Deutsch in seiner Vielfalt zu erhalten, es kann auch dazu dienen, den Leser an geeigneter Stelle aufzuwecken.

          Angesichts solcher Bemühungen verwundert es nicht, dass die vermurkste Reform der Rechtschreibung von 1996 in den großen Zeitungen mit einer Flut von Artikeln auseinandergenommen worden ist. Weil der Journalist es nicht gern sieht, wenn ihm von Amts wegen sein Instrument stumpf gemacht wird, ist diese Zeitung im August 2000 zur bewährten Schreibweise zurückgekehrt, andere folgten. Nach halbherzigen Reformversuchen wäre heute die Verwirrung komplett, wenn nicht die Schüler inzwischen nach Gehör schrieben.

          Die Redaktion des Duden rettet sich in Beliebigkeit, die der Zeitung folgt dem, was sie im Sinne ihrer Leser für richtig hält. Und wendet sich anderen Baustellen zu. Zum Beispiel dem albernen Gegendere, das zu vertrackten Wortstolperern und Wortstolperinnen führt, Leser zu Lesenden macht oder mit lästigen Sternchen und Schrägstrichen zur Unkenntlichkeit verhunzt. Solchen Stuss müssen wir nicht mitmachen. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, welche Schreibweisen wohl dazu taugen, den im Netz Suchenden die eigenen Artikel auf den Bildschirm zu holen. Das Internetzeitalter und Google lassen grüßen. Wir grüßen zurück und bleiben dran.

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