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Sport-Berichterstattung : Aus der Tiefe des Raumes

Teil einer vielschichtigen Sport-Geschichte: Netzer (Mitte) wechselte sich auch selbst ein. Bild: Imago

Der Sport lebt vom Ergebnis. Seine Folgen aber sind wesentlich bedeutender. Das Spiel, der Wettkampf erzählt allenfalls die halbe Geschichte. Mit seiner flüchtigen Wichtigkeit zwingt der Profi-Sport Journalisten, auf andere Ebenen vorzudringen.

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          Warum gibt es angeblich so wenige gute literarische Erzählungen zum Sport? „Weil er keine zweite Ebene hat.“ Das soll einmal ein berühmter Literaturkritiker gesagt haben. Er nahm den Ball aus der Sportredaktion nie wieder auf. Obwohl der Sport auf seiner ersten Ebene eine Vertikale hinbekommt, um die Kirchen und Parteien im Driftprozess dieser Gesellschaft schon lange bangen. Wenn ein wichtiges Fußball-Länderspiel übertragen wird, versammeln sich mitunter mehr als 30 Millionen Menschen in diesem Land vor dem Fernseher, Bürger aus allen Schichten, jedweder Couleur. Nicht, dass sie alle gleich einer Meinung wären, diese Besserwessis- und –ossis im selbstgewählten Bundestrainerstatus auf der Couch; aber alle in fieberhafter Erwartung einer klaren Aussage innerhalb eines überschaubaren Zeitraums. Der Sport lebt vom Ergebnis.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Doch eines Tages kam „Netzer aus der Tiefe des Raumes“. Karl Heinz Bohrer schrieb diesen Satz. Damals war er leitender Redakteur dieser Zeitung, ein Feuilletonist, na klar. Er schrieb (diesmal) nicht mit einem zweiten Gedanken zwischen den Zeilen. Bohrer übersetzte die taktische Umstellung in der sogenannten Wembley-Elf beim 3:1 im EM-Viertelfinale über England wie ein Spiel-Analytiker. Netzer kam aus der Verteidigung, statt aus dem Mittelfeld, blieb also auf der Horizontalen, auf der ersten Ebene: lange Haare, Widersprüche gegen Autoritäten (am Spielfeldrand) und die spätere Selbsteinwechslung im Pokalspiel seiner Mönchengladbacher gegen Köln samt glorreichem Torschuss zum Trotz. Und doch entwickelte der Sport in diesen Jahren vielfältige Anknüpfungspunkte in die Tiefe.

          Die Wembley-Elf gefiel Intellektuellen aus dem linken Milieu wegen ihrer Ästhetik auf dem Weg zum EM-Titel. Bis heute wird sie zu den kreativsten im deutschen Fußball gezählt. Der Soziologe Norbert Seitz sah, auch mit zwinkerndem Auge, eine Analogie zwischen der Brandtschen Ostpolitik und dem Spielvermögen des Ensembles um Beckenbauer. Neue Gesten, ein Kniefall der geistigen Elite vor den Schwitzenden. Der Fußball, der Sport insgesamt stieg auf und, im Gegensatz zu Fahrstuhlmannschaften, gleichzeitig auch ab mit einer Höllenfahrt in neue Abgründe. Seine Instrumentalisierung als Propagandamittel war ihm nie fremd. Seit der Geburt des modernen Sports Ende des 19. Jahrhunderts ließ er sich benutzen von Diktaturen. Aber in den siebziger Jahren kam etwas Neues hinzu. Die schrittweise Entstehung des Profitums über die Bundesliga hinaus.

          Lange Haare, Widersprüche gegen Autoritäten: Netzer im Jahr 1973

          Sport als Beruf, wie er heute selbstverständlich ist für junge Menschen, ob nun als Schwimmer oder in der Nische des Hammerwerfers: zweimal Training am Tag, eine Ganz-Jahres-Planung, im besten Fall eine duale Karriere, wenn es der Verein, jetzt der Arbeitgeber, erlaubt. Daraus ist eine Branche entstanden, die wächst; ein Netzwerk von Athleten, Trainern, Betreuern, Sponsoren, Konzernen, Medien sowie Polizei oder Bundeswehr mit ihren Förderstellen zu Gunsten von Spitzensportlern. Die angeblich schönste Nebensache der Welt ist im Ganzjahresbetrieb zum Lebensmittelpunkt geworden. Es gibt noch Freude, aber ein Spaß ist das nicht mehr, falls mit Ende der Pubertät Lebensentscheidungen getroffen werden müssen: Radprofi auf fünfzehn Jahre mit fürstlichem Gehalt oder Handwerker auf Lebenszeit, vielleicht Lehrer bis zur Pension?

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