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„Per Du“ oder „per Sie“? : Dr. Adenauer und Herr Lüg

  • -Aktualisiert am

Konrad Adenauer liest die Frankfurter Allgemeine Zeitung Bild: Giuseppe Moro/KAS

Die guten alten Sitten der Bonner Republik waren nicht nur gut – es wurde geholzt. Die Eklats zwischen Politikern und Journalisten häuften sich. Ein Rückblick aus der Berliner Gegenwart.

          5 Min.

          Das waren noch Zeiten – in den fünfziger Jahren. Wenn in den Zeitungen von Konrad Adenauer, dem Bundeskanzler, die Rede war, dann wurde nicht etwa bloß wie heute von „Adenauer“ geschrieben, sondern – so auch in dieser Zeitung – von „Dr. Adenauer“, was ziemlich höflich und respektvoll war und eigentlich auch korrekt, ist doch der Doktortitel Bestandteil des Namens. Wenn von Politikerinnen geschrieben wurde, dann wäre nicht bloß von „Merkel“, sondern von „Frau Merkel“, wenigstens aber von „Angela Merkel“ geschrieben worden, was auch den Vorzug hatte, dass im Falle von geringerer Prominenz Namens-Personen-Verwechselungen minimiert wurden.

          Die Leute am Regierungssitz in Bonn – voran also Politiker und Journalisten – verkehrten untereinander „per Sie“, was eine Distanz schuf, die dem politisch-medialen Komplex guttat. Eigentlich. Manche gerne „Per Du“-Politiker hatten sich oft einen gehörigen Respekt neu zu erarbeiten. Als Gerhard Schröder zum Bundeskanzler gewählt worden war, sprach ihn ein etwa gleichaltriger, seit Jahren bekannter und der SPD naher Journalist von der Seite an. „Sach mal, Gerhard.“ Schröders Replik: „Für Sie immer noch Herr Bundeskanzler.“ 1998 war das gewesen, im kleinen Bonn am großen Rhein.

          Dem politischen Streit taten die alten Sitten keinen Abbruch. Im Bundestag wurde geholzt. Legendär, aber wahr, war der an Adenauer gerichtete Ausruf von Kurt Schumacher, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden. „Der Bundeskanzler der Alliierten“, rief er Adenauer zu. Der Sozialdemokrat wurde zur Ordnung gerufen und zudem für 20 Sitzungstage des Bundestages aus dem Parlament verbannt. Auch Adenauer konnte holzen. „Brandt alias Frahm“, rief der Kanzler, womit er, was damals noch ein Thema war, an die uneheliche Herkunft seines Nachnachnachfolgers erinnerte. Im Wahlkampf 1961 war das, und Adenauer fand sein Diktum wahrscheinlich wahlkampftauglich.

          „Ratten und Schmeißfliegen“

          Franz Josef Strauß, CSU, bezeichnete politische Gegner als „Ratten und Schmeißfliegen“ oder – das war auf Hans-Dietrich Genscher gemünzt – auch mal als „Edelkurtisane“. Ludwig Erhard, CDU-Bundeskanzler, nannte Journalisten schon mal „Pinscher“ oder „Nichtskönner“. In die Geschichte ging auch ein Interview zwischen dem Fernsehjournalisten Ernst-Dieter Lueg und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner ein. Luegs Name wurde „Luug“ ausgesprochen. Wehner nannte den Fernsehmann permanent „Lüg“ – bis sich dieser mit einem „Danke, Herr Wöhner“ revanchierte. 1976 war das, nach einer Bundestagswahl.

          Eine der letzten Geschichten dieser Art ist vom Beginn der 1980er Jahre zu berichten. Die Grünen waren frisch im Bundestag und mischten die – schon damals so geheißenen – „Altparteien“ auf. Joseph („Joschka“) Fischer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen damals, fühlte seine Fraktion vom Sitzungsleiter des Bundestages, Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen (CSU), ungerecht behandelt. „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“, rief Fischer in den Saal. Er wurde von Stücklen nicht gerügt – der hatte die Sitzung schon unterbrochen, weshalb sich das Ganze auch nicht in den Protokollen des Bundestages wiederfindet. Alles undenkbar heute. Alles besser oder was?

          Und dennoch: Wenig später wurden Fischer und Otto Schily, damals noch ein Grüner und meist als „früherer RAF-Terroristen-Anwalt“ bezeichnet, zu einem Empfang des Bonner Büros der F.A.Z. eingeladen. Das war damals ganz und gar nicht selbstverständlich und fiel natürlich den anderen Spitzen der Bonner Republik auf. Fischer, der Grüne aus Frankfurt, gab sich als treuer Leser der Zeitung aus – getreu dem Motto in seiner Partei, man müsse wissen, was der „Klassenfeind“ so denke. Er erschien auch nicht in Turnschuhen wie noch später bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister. Sogar eine Krawatte hatte er sich umgebunden – quasi als Ausdruck von Respekt vor dem „Zentralorgan der Bourgeoisie“, wie es auf der politischen Linken damals noch hieß.

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