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Journalismus in der neuen Welt : Das wollen wir doch mal sehen!

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Die F.A.Z.-Redaktion macht auch Zeitschriften: Das „Magazin“, das regelmäßig samstags der Zeitung beiliegt, die „Woche“, „Quarterly“ für Kunst- und Kulturinteressierte und „Metropol“ über die Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet. Bild: F.A.Z.

Der Journalismus, wie wir ihn begreifen, steht vor großen Herausforderungen. Doch das stand er schon immer.

          3 Min.

          Es ist allerhand, was uns auch siebzig Jahre nach Gründung dieser Zeitung noch vorschwebt. Manche sagen, dass die Zukunft sehr schwer zu gewinnen sei; manche meinen: unmöglich. Das bestreiten wir nachdrücklich. In aller Bescheidenheit: Wir werden noch gebraucht. Weil wir vom Fach sind, wissen wir, dass die Zeiten nicht einfacher werden. Weil aber der Mut der Gründer auch in uns steckt, sagen wir: Das wollen wir doch mal sehen!

          Unbestreitbar kommt der Journalismus, wie wir ihn verstehen und pflegen, von zwei Seiten unter Druck. Das Geschäftsmodell von Zeitungen bröckelt – nicht weil das Internet sich als Gratismedium etabliert hat, sondern weil die Verlage es dazu gemacht haben. Ein Irrweg. Doch „das“ Internet ist nicht grundsätzlich der Feind der Zeitungen und des Journalismus. Denn dank des Internets und dank der neuen gedruckten und digitalen Angebote, die Sie auf dem obigen Bild sehen, haben wir sehr viel mehr Leser und Nutzer als jemals zuvor. Allerdings kommt wie in allen Verlagen, ebenfalls wegen des Internets, weniger Geld in die Kasse.

          Dabei schien alles so schön. In einer zunehmend digitalen Welt können sich, so die Theorie, Verlage all das sparen, was Zeitungen teuer macht, nämlich Druck, Papier und Vertrieb. Stimmt, aber nur auf der Kostenseite. Der Problembär sind die Einnahmen. Vertriebserlöse und Anzeigenerlöse, die beiden traditionellen Haupteinnahmequellen von Zeitungen – Leserreisen und der Verkauf von Kaffeetassen bringen es nicht –, schwinden in der digitalen Welt. Die Nutzer haben sich gern daran gewöhnt, alles umsonst zu bekommen, und die Erlöse der Online-Werbung fließen zum überwiegenden Teil nicht denen zu, die ein publizistisches Qualitätsangebot in das Netz stellen, sondern den großen Suchmaschinenbetreibern. Das mag man mit kaltem Zorn betrachten, aber Google-Bashing allein führt auch zu nichts, denn auch wir wollen, dass unsere Beiträge gefunden werden.

          Unmittelbare Nachrichten bedürfen einer Nachprüfung

          Zudem wird die Rolle von Journalisten von einer digitalen Avantgarde angegriffen, die sagt, der herkömmliche Journalismus habe sich überlebt. Was immer irgendwo auf der Welt passiert, so die These, könne auf digitalen Kanälen auch ohne den Umweg über Redaktionsstuben verbreitet und empfangen werden. Was auf dem Majdan in Kiew geschah, wofür die Katalanen in Barcelona auf die Straße gehen, erführen wir direkt von den Beteiligten. Journalisten als Zwischenhändler, als Filter, ja als „Zensoren“ brauche niemand mehr.

          Demonstranten auf dem Majdan in Kiew im Februar 2014. Trotz Informationen aus erster Hand sind bei solchen Ereignissen Journalisten von Nöten, die sie aufbereiten und auf Authentizität prüfen.
          Demonstranten auf dem Majdan in Kiew im Februar 2014. Trotz Informationen aus erster Hand sind bei solchen Ereignissen Journalisten von Nöten, die sie aufbereiten und auf Authentizität prüfen. : Bild: AFP

          Das ist nicht ganz falsch, und es ist einerseits gut, weil dadurch die Zahl der Stimmen und der Sichtweisen größer wird. Die Meinungsvielfalt nimmt zu, jedenfalls theoretisch. Wozu brauchen wir also noch Journalisten, die die Fülle an Ereignissen mit Sinn und Verstand sortieren und die Spreu vom Weizen trennen? Genau dafür. Denn wie steht es mit den Twitter- und Facebook-Mitteilungen der Aktivisten auf dem Majdan oder in Barcelona? Natürlich erfahren wir auf diese Weise viel Unmittelbares.

          Aber halten die subjektiven Erfahrungsberichte in jedem Fall einer Nachprüfung stand? Viele Absender sind Aktivisten, sie sind Partei, und wer mittendrin ist, hat manchmal nur einen sehr eingeschränkten Überblick. Und wenn uns die Anliegen dieser oder jener Aktivisten tausendmal sympathisch sind: Wenn es um die Frage geht, wer mit dem Steinewerfen angefangen hat, sind sie nicht die allerglaubwürdigsten Zeugen. Auch die Informationen derjenigen, denen unsere Sympathie gilt, bedürfen der professionellen Prüfung, der journalistischen Skepsis.

          Genau darin besteht die Aufgabe des Journalismus, wie wir ihn begreifen und betreiben. Die oberste Maxime heißt nachzuforschen, nachzuhaken, nachzufragen, nachzurechnen, Fakten zusammenzutragen und sie – ganz wichtig – zu prüfen: auf ihre Herkunft, ihren Realitätsgehalt, auf Plausibilität und Verlässlichkeit, und das nicht nur einmal, sondern Tag für Tag, Nachricht für Nachricht. In einem Blog mag es genügen, unbesehen Gerüchte zu verbreiten, im ernstzunehmenden Journalismus verbietet es sich. Dabei ist der Faktencheck zumal unter dem Zeitdruck des Tagesjournalismus keine ganz einfache Sache. Deshalb kommt es manchmal zu Ungenauigkeiten, zu Fehlern. Sie umgehend zu korrigieren sollte selbstverständlich sein.

          Das Gefühl für den Wert der Freiheit am Leben halten

          Bloß mit einer sogenannten flotten Schreibe oder mit einer steilen These wird man dieser Aufgabe jedenfalls nicht gerecht. Es braucht schon mehr. Emil Dovifat, der Nestor der deutschen Journalistenausbildung, hat den Journalismus einmal als „harte, unerbittliche Tagesarbeit, eine geistige Schwerarbeit sondergleichen“ beschrieben. Das stimmt, aber wir beklagen uns nicht. Wie für unsere Gründer ist auch für uns der Journalismus die schwierigste, schrecklichste, aufregendste, herrlichste Sache der Welt – kurzum: der schönste Beruf, den man sich nur vorstellen kann.

          Er nannte den Journalismus einst eine „harte, unerbittliche Tagesarbeit“: Emil Dovifat (1890-1969), Publizistikwissenschaftler und Nestor der deutschen Journalistenausbildung.
          Er nannte den Journalismus einst eine „harte, unerbittliche Tagesarbeit“: Emil Dovifat (1890-1969), Publizistikwissenschaftler und Nestor der deutschen Journalistenausbildung. : Bild: Ullstein

          Noch etwas treibt uns so an wie die Generation vor siebzig Jahren: In einer Zeit, da die Freiheit nicht allein durch Diktatoren bedroht ist, sondern auch durch Unduldsamkeit, möchten wir das Gefühl für den Wert der Freiheit lebendig halten. Es ist nicht wenig, was wir dafür tun können: den Dingen auf den Grund gehen, unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lassen, Maß und Mitte wahren. Für die Denkfaulen möchten wir so wenig schreiben wie für Maulhelden.

          Die Beiträge, die wir anlässlich des siebzigsten Geburtstages der F.A.Z. geschrieben haben, sollen Ihnen vor Augen führen, wovon wir uns leiten lassen, was uns wichtig ist, wie wir arbeiten. Wir laden Sie herzlich ein, uns dabei zuzuschauen.

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