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Aufgaben eines Kritikers : Wozu brauchen wir heute Filmkritik?

Lange war das Kino der einzige Weg, um Filme anzusehen. Nicht mehr. Mit ihrer Omnipräsenz kommen nicht nur das Kino, sondern auch Filmkritiker unweigerlich nicht darum herum, sich die Existenzfrage zu stellen. Bild: dpa

Gerade über Film scheint jeder alles zu wissen. Was bleibt für die Kritik zu tun? Ein besonders kluges Urteil zu fällen? Nein. Statt zu urteilen, sollte sie schützen.

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          „Im Kino gewesen. Geweint.“ Ein berühmter Satz in der Länge eines Tweets, den Franz Kafka am 23. Oktober 1921 in sein Tagebuch schrieb. Zu Tode fast zitiert, obwohl lange niemand wusste, welchen Film er damals gesehen hatte. Auch nachdem Forscher knapp siebzig Jahre später herausfanden, er hieß „Rückkehr aus Zion“, kennt bis heute kaum einer, der von Kafkas Tränen weiß, diesen Film.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es geht nämlich, wenn vom Kino die Rede ist, mindestens im selben Maß wie um den Film um den Ort. Kafka war im Kino. In einem dunklen Raum mit anderen Menschen. Vor einer Leinwand, auf die aus einem Projektor ein Lichtkegel fiel und auf der sich durch Licht und Schatten inszeniert eine Geschichte entspann, in die er sich versenkte. Die eine Sehnsucht in ihm weckte. Die ihn forttrieb in ein fremdes Land. Wobei er im Dunkeln sitzen blieb. So war das einmal. Film war ohne Kino nicht denkbar. Und so funktionierte Filmkritik: Ein Mann oder eine Frau gingen ins Kino. Und schrieben dann darüber, was sie gesehen hatten. Aber darin eingeschrieben war die Situation des Schauens, wie sie den Film erlebten, während sie im Dunkeln mit anderen zusammenhockten und sich fangen ließen von dem, was auf der Leinwand geschah.

          An diesem Szenario hat sich vor allem eines geändert: Wer Filmkritik übt, muss nicht mehr aus dem Haus gehen. Die meisten Filme führen ein Leben jenseits des Kinos und unabhängig von ihm. Filme und filmähnliche Bilder finden sich inzwischen nahezu überall. Und nur die wenigsten sind noch fürs Kino gemacht. Was bedeutet es für die Kritik, wenn Film vor allem jenseits des Kinos gezeigt und gesehen wird? Wenn Filme mutieren (zu Installationen, zu Serien) und migrieren (ins Museum, ins Internet)?

          Schon die Ahnen der Filmkritik stellten Grundfragen

          Das Kino ist ein besonderer Ort der Filmvorführung. Ein sozialer Schauplatz, für einen bestimmten Umgang mit Filmen. Aber schon lange nicht mehr der einzige. Und je länger das Kino als einziger oder auch nur wichtigster – und das hieß lange auch: richtigster – Ort des Schauens von Filmen verschwindet, desto mehr gilt: Die Filmkritik könnte wieder ganz von vorn anfangen. Da, wo sie einst begann, als sich die Filme von den Juxplätzen verabschiedeten und in ihre eigenen Paläste zogen. Mit den Fragen, die damals die Ahnen aller Filmkritikerinnen, Béla Balázs, Siegfried Kracauer, Lotte Eisner, André Bazin, schon stellten: Was ist Kino? Was ist Film? Was ist Kritik?

          Wenn ein Werk ein Geheimnis hat, muss die Kritik es bewahren: Verena Lueken

          Wovon diese Ahnen allerdings nichts wussten, ist Twitter. Sind Likes und Dislikes. Benutzerkommentare. Sie verteidigten sich gegen die Theaterkritiker, die meinten, Filme fielen in ihren Bereich. Aber nicht gegen das Publikum selbst, das ihrem Urteil trauen sollte. Denn diese Ahnen, die in gewisser Weise auch das Gewissen des Mediums waren, hatten etwas, das den Kritikerinnen heute abhandengekommen ist: privilegierten Zugang zu ihrem Gegenstand. Längst ist zumindest aus der Mitte der Filmgeschichte heraus fast alles digital verfügbar, und zwar für jeden, der will. Die Filmkritik trifft also auf ein mit der Filmgeschichte vertrautes Publikum. Auf ein klügeres Publikum denn je. Jedenfalls könnte es so sein.

          Das bedeutet, die Kritik braucht Maßstäbe, Kriterien, die dieser veränderten Situation Rechnung tragen. Möglicherweise sind es nicht mehr die Verbindungen und Verweise, die sie innerhalb der Filmgeschichte herstellen, die Traditionslinien, die sie nachzeichnen kann, möglicherweise ist es nicht einmal mehr ihr Urteil, das vor allem anderen zählt.

          Nötig ist nach wie vor eine Kritik, die sehr genau hinschaut. Die begreifen will, was vor ihr liegt. Die im Laufe der Beschäftigung mit dem Werk eine Ahnung bekommt, wo das Herz der Sache liegt, aber nun nicht darauf aus ist, es zu entblößen. Eine Kritik, die nichts weniger will, als zu entzaubern. Die keine Schleier lüften, nichts wegerklären will. Und die doch ihren Lesern unbedingt in einer eigenen Form etwas erzählen will, in dem dieser Zauber des Werks, um das es geht, aufscheint. Jeder Film, der es wert ist, hat ein Geheimnis. Und jede Kritik, die es wert ist, wird es heute bewahren. Sie wird sich dem Film aussetzen und analysieren, mit welchen Mitteln er zu welchem Ziel hinarbeitet, und sie wird erzählen und nachzeichnen, welche Erfahrung dieser Film dem ermöglicht, der ihn anschaut. Wie sich die Welt für den verändert, der ihn gesehen hat. Aber sie wird nicht versuchen, dahinterzukommen, was einmal das Magische genannt wurde, das Filmen immer noch anhaften kann – jener unerklärliche Rest, der uns ins Herz fährt und ins Bewusstsein und dort bleibt: als Erkenntnis, sei es des Herzens oder des ästhetischen Verstands. Die Seele von Kritik heute ist, dieses unantastbare Geheimnis zu achten. Den Zauber des Films zu evozieren, sein Geheimnis aber unangetastet zu lassen.

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