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F.A.Z.-Gesellschafts-Ressort : Das Vermischte erklärt uns die Welt

Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt fanden nur wenige hundert Meter von der Redaktion entfernt statt. Bernd Naumann verfolgte die Verhandlungen von der ersten Minute an. Bild: Lutz Kleinhans

Das Ressort „Deutschland und die Welt“ kümmert sich gern um die kleinen Nachrichten – und schrieb damit doch auch Zeitgeschichte: Bernd Naumann verfolgte den Auschwitz-Prozess in Frankfurt von der ersten Minute an.

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          Was Horst Seehofer recht ist, war uns schon vor 70 Jahren billig. Seine Idee mit der Heimat hatte nämlich einen Vorläufer in der frühen F.A.Z.: „Heimat und Welt“ hieß das Ressort für die vermischten Nachrichten, als das H-Wort noch nicht als verdächtig galt, sondern als heimelig. Das weiß heute kaum noch jemand, weil die Heimat auch unseren Gründungsvätern bald unheimlich vorkam. Nach wenigen Wochen hieß die Seite, die gerne auch einmal zwei Seiten umfassen durfte und darf, daher „Deutschland und die Welt“.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und das ist auch gut so. Denn der Titel klingt zwar etwas hochtrabend. Aber er vermittelt einen besseren Eindruck von einem Ressort, in dem es nie nur um „Faits divers“ ging. Nicht dass wir uns missverstehen: Die schönen kleinen Meldungen sind wichtig, auch psychologisch.

          Der Zeitungsleser würde schon beim Frühstück an der Welt verzweifeln, fände er nicht auch die entlastenden Nachrichten in seinem Blatt: den Einbrecher, der die Polizei im Winter durch seine Fußabdrücke im Schnee auf seine Fährte bringt; das Faultier, das sagenhafte 50 Jahre alt wird; das Flugzeug, das erfolgreich auf dem Hudson in New York notwassert; die Räuber, die aus dem Vorraum einer Bank nicht den Geldautomaten stehlen, sondern den schweren Kontoauszugsdrucker auf ihren Wagen hieven.

          Im Schatten von Politik, Wirtschaft und Feuilleton

          Das kleine Ressort im Schatten von Politik, Wirtschaft und Feuilleton hat große Bedeutung, wenn es darum geht, Deutschland und die Welt und manchmal sogar das All zu verstehen: Denn auch die Raumfahrt gehört zum Themenspektrum, das Gesellschaft und Gesundheit, Kriminalität und Katastrophen, Natur und Technik, Mode und Design, Leute und Populärkultur und vieles mehr umfasst.

          Aber aus der Geschichte von „Deutschland und die Welt“ ragen dann doch die Artikel heraus, die auf unglaublich intensive Art eines der zeitgeschichtlich relevantesten Themen im Nachkriegsdeutschland behandelten. Bernd Naumann, Ressortleiter von 1960 bis 1970, verfolgte den Auschwitz-Prozess in Frankfurt von der ersten Minute an. Seine Artikel, nüchtern, präzise und dennoch scharf geschrieben, sind Lehrstücke über verdrängte Geschichte und ihre Aufarbeitung.

          Die Verhandlungen fanden von 1963 bis 1965 im Haus Gallus statt, nur wenige hundert Meter von der Redaktion entfernt. Naumann setzte sich morgens in den Prozess und kam am frühen Nachmittag zurück. „In einem Kabuff im neunten Stock mit Blick auf die Mainzer Landstraße diktierte er mir dann den Bericht“, sagt Renate Weiler, damals eine der Sekretärinnen, die noch auf die mechanische Schreibmaschine einhacken musste, bevor, als größte Erleichterung des Vor-Computer-Zeitalters, die elektrische Schreibmaschine Einzug hielt.

          1971 kam der Redakteur, der in seinem Leben schon Hunderte Meldungen über Unglücke redigiert hatte, bei einem Autounfall ums Leben: Bernd Naumann

          Währenddessen saß ein anderer Kollege im Prozess, oft war es Günther von Lojewski, um kurz vor Redaktionsschluss noch ein, zwei Absätze anzufügen. Keiner habe so ausführlich und genau berichtet wie Naumann, sagte Staatsanwalt Gerhard Wiese später. Wenige Wochen nach Ende des Prozesses erschien Naumanns Buch „Auschwitz“, und im Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss, im Herbst 1965 uraufgeführt, finden sich viele Passagen aus seinen Berichten. Lojewski sieht in Naumann einen Vorreiter der Achtundsechziger-Bewegung, denn viele junge Leute hätten sich nun gefragt, was denn ihr Vater in der NS-Zeit gemacht habe.

          Naumann war Vorbild für Gerichtsreporter

          So hatte der Strafprozess, der ausdrücklich kein politischer Prozess sein sollte, politische Auswirkungen. So wuchsen die Prozessberichte bei „DuW“ über sich hinaus und veränderten die Gesellschaft. Und so wurde Naumann zu einem Vorbild für Gerichtsreporter.

          Nicht dass das Ressort seitdem nachgelassen hätte. Seine Nachfolger Claus Lafrenz und Michael Fritzen gestalteten die Seiten mit einem ähnlichen Überblick über Deutschland und die Welt und das All. Sie schrieben auf gleichem Niveau über ihre und alle Fragen des Lebens. Und sie redigierten mit einer Strenge in sprachlichen Dingen, die noch immer Vorbild ist.

          Aber Geschichte schreiben konnte vielleicht nur ein Journalist des Jahrgangs 1922, aus dessen Schulklasse nur drei Jungen den Krieg überlebt hatten. 1970 ging Naumann als Korrespondent nach Südafrika. Der Neustart jedoch endete jäh: 1971 kam der Redakteur, der in seinem Leben schon Hunderte Meldungen über Unglücke redigiert hatte, dort bei einem Autounfall ums Leben.

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