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Der freie Wettbewerb : Wirtschaft braucht Freiheit

Umsatzstärkste Marktmeile: Frankfurter Zeil Bild: Frank Rumpenhorst

Den Wert der Demokratie stellt hierzulande kaum jemand mehr in Frage. Der Wert freier Märkte aber wird fast täglich in Zweifel gezogen. Die Wirtschaftsredaktion hält dagegen.

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          Machen wir uns nach siebzig Jahren ehrlich, wozu sind runde Jubiläen gut. Im lichten Konferenzraum der F.A.Z.-Wirtschaftsredaktion in der Frankfurter Hellerhofstraße schaut Ludwig Erhard nicht mahnend von der Wand. Andere geschätzte, aber verblichene marktwirtschaftliche Köpfe übrigens auch nicht. Auch haben die meisten Redakteure und Redakteurinnen die Namen des Apple-Gründers Steve Jobs oder die Facebook-Heroen und Heroinen Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg heute eher parat als den von Walter Eucken oder Alfred Müller-Armack. Würde man Kenntnisse der (ordo-)liberalen Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft noch zum Einstellungskriterium für Wirtschaftsjournalisten der F.A.Z. machen, säßen um den Redaktionstisch ziemlich wenige und eher ältere Semester. Stattdessen versammelt sich morgens eine buntgemischte Schar, um über Unternehmen, Märkte und Wirtschaftspolitik zu diskutieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und sich dann an die Arbeit zu machen, um Antworten zu finden auf die tausend Fragen, die das Wirtschaftsgeschehen aufwirft.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Darunter waren und sind immer wieder sehr große, existentielle, die Wirtschaftsordnung und die Gesellschaft insgesamt berührende. Aktuell der Klimaschutz: Das kapitalistische System, der Markt, ruiniere das Klima und damit die Lebensgrundlagen, lautet der Vorwurf, unter dem es viele Klimaschützer nicht tun. Sie leiten daraus Forderungen nach weniger Wachstum oder gar staatliche Produktionsstopps ab.

          Eine buntgemischte Schaar: Die Redakteure der Wirtschaftsredaktion und Herausgeber Gerald Braunberger bei der täglichen Konferenz

          Es sind solche Themen, von denen sich die F.A.Z.-Wirtschaftsredaktion stets aufs Neue besonders herausgefordert sieht. Denn hier arbeiten Journalisten, die vom Wert und der Leistungsfähigkeit einer auf freiem Wettbewerb, privatem Unternehmertum und dem Schutz privaten Eigentums basierenden Marktwirtschaft überzeugt sind. Nicht aus Prinzip oder weil sie blind für die Schwächen dieser Wirtschaftsordnung wären, sondern weil sie bislang keine andere kennen, die besser zu einer demokratischen, freiheitsliebenden Gesellschaft passte: Der Markt gibt jedem eine Chance auf ein Leben aus eigener Kraft. Und doch bleibt in der Sozialen Marktwirtschaft niemand schutzlos, der es nicht schafft. Um das zu verstehen, muss man Erhard und Eucken nicht mehr im Kopf haben, auch wenn das nicht schadete, beide waren exzellente Vermittler des Wettbewerbsgedankens.

          Über Jahrzehnte Herausforderungen

          Eine Erfolgsgarantie bietet Wettbewerb nicht, seine Ergebnisse sind ungleich verteilt. Auch rücken mit wachsendem Wohlstand die Risiken des enormen Ressourcenverbrauchs – Umwelt- und Klimaschäden – in den Blick. Deswegen ist wirtschaftliche Freiheit vielen suspekt. In der F.A.Z. weiß man, dass demonstrierende Klimaschützer nicht mit einem optimistischen „Der Markt wird es schon richten“ zu überzeugen sind. So schaut sich die Wirtschaftsredaktion an, welches Instrumentarium die moderne Volkswirtschaftslehre zu bieten hat, um den Wettbewerb für Klimaschutz einzuspannen. Denn mit staatlicher Nachhilfe durch einen passend gesetzten Ordnungsrahmen lässt sich der Preismechanismus, über den Märkte Wünsche der Verbraucher mit dem Angebot der Unternehmen koordinieren, auch für den Schutz von Natur und Klima nutzen. Der Debatte über einen marktwirtschaftlichen Weg zum Klimaschutz unter den Stichworten Emissionshandel oder CO2-Steuer bietet die F.A.Z. breiten Raum in eigenen Artikeln und Gastbeiträgen, in denen Fachleute und Politiker, Befürworter und Gegner, zu Wort kommen. Jeder Leser, jede Leserin soll sich ein eigenes Urteil bilden können über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher staatlicher Eingriffe. In ihren Kommentaren wirbt die Redaktion allerdings auch diesmal entschieden für die marktwirtschaftlichste Lösung.

          Damit setzt sie eine lange und stolze Tradition fort. Die F.A.Z.-Wirtschaft hat in ihren Anfangsjahren unter dem Gründungsherausgeber Erich Welter und später unter Jürgen Eick erheblich zum Werden und Gelingen der Sozialen Marktwirtschaft beigetragen. Sie hat die kühnen Pläne des ersten Bundeswirtschaftsministers popularisiert und sich unter Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Basis, des Anzeigengeschäfts, mit der Industrie angelegt, als sie für Erhards gegen Kartellmacht gerichtetes „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ focht.

          Seine zweite große Bewährungsprobe hatte das deutsche Wirtschaftssystem vor dreißig Jahren mit der Wiedervereinigung zu bestehen. „Mut zur Marktwirtschaft“ rief die Wirtschaftsredaktion, damals geleitet von Jürgen Jeske, den neuen Mitbürgern zu. Durchaus nicht leichthin. „Denn wir wissen, dass die ,freie Wirtschaft‘ – bei allen Verlockungen des Wohlstands – auch Ängste auslösen kann“, schrieb der Wirtschaftspolitikchef Hans D. Barbier. „In der Marktwirtschaft gilt nicht, wer man ist, sondern was man bringt.“ Doch sei sie keine brutale Vorteilsrangelei in der wilden Horde, sondern habe ihre „Ordnungen“, ihr Rahmenwerk zur Begrenzung der Macht und Sicherung des Einzelnen.

          Es ging der F.A.Z-Wirtschaftsredaktion aber nicht allein darum, die Menschen der DDR mit dem Alphabet des Marktes vertraut zu machen. Fast noch wichtiger war es ihr, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaft die Weichen richtig stellen zu helfen: die neuen Länder nicht zu einem Dasein als Subventionsempfänger des Westens zu verdammen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen vor Ort wieder eine wettbewerbsfähige private Wirtschaft entstehen könnte. Heiß diskutierte man in Frankfurt, wie der Schutz der Alteigentümer gegen zügige Transformation abzuwägen wäre. Vergebens warnten die Wirtschaftsredakteure die Regierung Kohl vor den Arbeitsplatzrisiken, die mit einem überhöhten Wechselkurs zur D-Mark verbunden wären.

          Die Arbeit an einem staatlichen Ordnungsrahmen, der wirtschaftliche Freiheit als Voraussetzung für eine freie Gesellschaft bestmöglich schützt, ist nie zu Ende. Die europäische Einigung oder digitale Geschäftsmodelle erzwingen Anpassungen und Kompromisse. „Wenn man die Konsequenzen des Kollektivismus nicht will, muss man wollen, dass das Gesetz des Wettbewerbs herrscht.“ In diesen Worten Euckens liegt dann aber doch der Kern, der für die F.A.Z.-Wirtschaftsredaktion auch künftig unverhandelbar ist.

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