https://www.faz.net/-itp-9sqhi

Wissenschaft und Medien : Die Freiheit ist dort, wo das Wissen ist

Das Symboltier des Eskapismus: Die Klimadebatte führt uns vor Augen, was geschieht, wenn Fakten geleugnet werden. Bild: Getty

Der Kampf der wissenschaftlichen Realisten gegen die sozialen Konstruktivisten hat in neuer Spielart die Öffentlichkeit erreicht. Der Glaube an die Redlichkeit der Forschung erodiert. Warum die Tageszeitung auf eine intensive Begleitung der Natur- und Geisteswissenschaften nicht verzichten sollte.

          4 Min.

          Wenn die Wissenschaft aufhört, sich hermetisch abzuschließen und stattdessen beginnt laut zu werden, weil sie zu spüren bekommt, wie das Vertrauen in sie zu bröckeln beginnt unter politischem Druck oder den beschleunigten sozialen Verheerungen im Netz, dann nimmt auch die Wissenschaft in der Zeitung ein anderes Gesicht an. Mit den frühen Popularisierern aus den Naturwissenschaften, zu denen auch noch Kurt Rudzinski zu zählen ist, der ab 1958 in der F.A.Z. die erste Wissenschaftbeilage im Land, „Natur und Wissenschaft“, aufgebaut hat, war eine breite publizistische Bewegung in Gang gesetzt worden – eine analytische und einordnende Betrachtung von Wissenschaft und Technik, die später durch die Geisteswissenschaften eine zusätzliche kulturelle Dimension erhalten hat. Aufgabe der Beilage war es anfangs, als „allgemeines Bildungsinstitut“ die gesellschaftlichen Fäden zu den immer komplexeren und zersplitterten Forschungsdisziplinen nicht abreißen zu lassen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Inzwischen reißen sie aber. Wie kann es sein, fragte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Blick auf die Freiheit von Kunst und Wissenschaft zur siebzigjährigen Feier des Grundgesetzes, dass schon 43 Prozent der Bevölkerung in Umfragen inzwischen der Meinung sind, Fakten – auch wissenschaftlich abgesicherte Befunde – seien Ansichtssache. Fakt ist: Nicht jeder Bürger muss alles im Detail verstehen, dafür gibt es Experten. Epistemische Arbeitsteilung – das ist der Schlüssel zu erfolgreicher demokratischer Entscheidungsfindung im Angesicht der hochtechnologisierten Wissensgesellschaft. Experten, Wissenschaftler, liefern uns die Fakten, auf deren Grundlage wir fundierte Meinungen und vernünftige Ziele entwickeln können. Doch was so lange funktionierte, das strahlende Erbe der Aufklärung, läuft heute nicht mehr rund. Wie soll man Wissenschaftlern trauen, fragen manche, wenn sie doch wie alle anderen auch glauben und werten, voreingenommen und manipulierbar sind? Der Kampf der wissenschaftlichen Realisten gegen die sozialen Konstruktivisten, der vor einigen Jahrzehnten im Zuge der „Science Wars“ die Autorität der Wissenschaft im überschaubaren akademischen Milieu erschütterte, hat in neuer Spielart die Öffentlichkeit erreicht. Der Glaube an die Redlichkeit der Forschung erodiert.

          Man glaubt bevorzugt, was zum Weltbild passt. Und die Wissenschaftler? Sie gehen im Sturm des öffentlichen Streits um Klima, Luftreinhaltung oder Fakten-Bashing auf die Straße, setzen Petitionen auf und beschwören die Wahrheit, die sie suchen, und die Fakten, die sie liefern wollen – ohne zu merken, dass das Bild eines unkritischen Wissenschaftskults nicht Vertrauen schafft, sondern es weiter abbaut, zumal es nicht wenige Mängel gibt, die am Forschungssystem ins Auge fallen. Solche Erosionsprozesse transparent zu machen, Debatten über Wirkungen in und Rückwirkungen aus der Gesellschaft und Politik zu forcieren, auch dafür müssen wir unsere publizistischen Kanäle nutzen – die analogen wie die digitalen.

          Die Hauptsache im Feuilleton sind die schönen Künste

          Doch werden Forscher überhaupt noch wahrgenommen in einer digital fragmentierten Welt, die sich seit einigen Jahren mit „Fake News“ ihre eigenen alternativen Fakten zimmern kann? Die Informationen rauschen heute schneller durch die personalisierten Timelines als jede kritische Prüfung hinterher zu kommen vermag. Profit hängt in den sozialen Netzwerken nicht am Wahrheitsgehalt der Information. Der Wissenschaftsjournalismus steht hier also vor einer großen Aufgabe. Selbst nicht selten unter Beschuss stehend, muss er Wissen breit vermitteln und dabei die Balance zwischen Wissenschaftskritik und Wissenschaftsverteidigung halten. Er soll sich Gehör verschaffen ohne zu verflachen oder zu verzerren, präzise sein ohne zu langweilen. Er muss die Informationen bereitstellen, die in einer wissenschaftsorientierten Demokratie nötig sind, um Zukunft vernünftig und verantwortungsvoll gestalten zu können. Denn Freiheit ist da, wo das Wissen ist, auch noch in Zukunft.

          Weitere Themen

          Kein „Verkauf der Wissenschaft“

          Macht der Großverlage : Kein „Verkauf der Wissenschaft“

          Der Präsident und der Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz antworten auf die Kritik am Deal-Projekt, das bessere Preiskonditionen für wissenschaftliche Publikationen aushandeln soll. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Eine Überwachungskamera in der chinesischen Provinz Xinjiang

          Entwicklungshilfe : Chinas umstrittene Weltbank-Kredite

          Amerika stemmt sich gegen günstige Finanzhilfen der Weltbank für China. Finanziert die Entwicklungshilfe tatsächlich Überwachungstechnik in dem Unterdrückungsstaat?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.