https://www.faz.net/-itp-9rliv

Nachhaltigkeit : „Autofreundliche Städte sind nicht die Zukunft“

Besucher auf dem F.A.Z- Kongress im Kap Europa in Frankfurt. Bild: Daniel Pilar

Der renommierte Architekt Ben van Berkel erklärt auf dem F.A.Z.-Kongress, wie er die Stadt der Zukunft sieht. Sie ist energieeffizient, smart und fahrradfreundlich.

          3 Min.

          „Wir sollten die Anzahl an Autos in den Städten reduzieren“ – Ben van Berkel macht sofort deutlich, wie er die Stadt der Zukunft sieht. Die Menschen sollten mehr zu Fuß gehen und mehr Fahrrad fahren, sagt der Architekt, der zu den renommiertesten der Welt gehört und überall auf der Welt aktiv ist, auf dem F.A.Z.-Kongress am Donnerstag in Frankfurt. Es sei die Aufgabe der Stadtplanung, die Menschen aus dem Auto zu bringen. Das mache das Leben lebenswerter und trage zu ihrer Gesundheit bei. Die Veranstaltung trägt den Titel „Die Stadt der Zukunft: dicht, digital, unbezahlbar“.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Niederländer führt als Beispiel Amsterdam an. Inzwischen würden die Menschen anfangen, das Stadtzentrum zu verlassen. Das liege an den vielen Touristen: „Wir werden wie Venedig“, schimpft van Berkel erst und lacht dann doch. Das liege aber auch an den vielen Autos. Deshalb würden sie Parkplätze am Stadtring aufbauen, von wo die Autofahrer in das Stadtzentrum gelangen würden. „Autofreundliche Städte sind nicht die Zukunft“, resümiert er im Gespräch mit F.A.Z.-Redakteurin Judith Lebmke. Das würde zudem dazu beitragen, dass die Städte leiser werden und damit lebenswerter.

          Häuser, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen

          In der Debatte um die Mobilität der Zukunft positioniert er sich damit ganz klar auf der Seite der Autogegner. Fast kleinlaut gibt er zu, dass er auch selbst Auto fährt, fügt aber ein „noch“ an, als würde das Auto zwangsläufig der Vergangenheit angehören. Stolz berichtet er dagegen, dass er seit Kurzem sein eigenes Essen anbaut. Dafür habe er sich ein Wochenendhaus im Norden der Niederlande gekauft. Jetzt gehe es ihm viel besser, er koche mehr, lebe gesünder, verbringe mehr Zeit mit Freunden.

          Es wird deutlich: Van Berkel will nicht nur schöne Häuser bauen, er will damit das Leben der Menschen besser machen: „Begegnungen ermöglichen“, „CO2-Ausstoß senken“, „Städte sicherer machen“.

          Architekt Ben van Berkel im Gespräch mit Judith Lembke, Redakteurin der FAZ, auf dem F.A.Z- Kongress im Kap Europa in Frankfurt

          Immer wieder streut er in seine Argumentationen Beispiele aus seinen Projekten ein: Er erzählt von einem Projekt in Eindhoven in den Niederlanden, wo sie eine Siedlung aufgebaut hätten, die sich der Idee der Kreislaufwirtschaft verschrieben hat: „12 Häuser produzieren im Verbund mehr Energie als sie verbrauchen“, sagt er. Den Rest würden sie dann verkaufen und dadurch ihr Einkommen steigern. Zudem seien die Häuser vernetzt über eine „Urban Data Plattform“. Die Regierung sorge sich zwar um die Datensicherheit, aber sie hätten mit Cyber-Sicherheits-Experten sichergestellt, dass nichts nach draußen gelangt. Das Projekt steht in der Nähe einer Tesla-Fabrik und eines Forschungszentrums des niederländischen Technologie-Konzerns Philips, ein „kleinen Silicon-Valley“ nennt van Berkel die Gegend in Anlehnung an das Zentrum der Tech-Welt um San Francisco.

          Nachhaltige Gebäude

          Er führt weitere Beispiele an, ob aus China, wo man „wirklich radikal ist in Sachen nachhaltigen Gebäuden“, aus Singapur, wo es strenge Auflagen gebe, damit die Bewohner Bäume auf ihren Balkonen pflanzen könnten. Dort habe er einen Campus gebaut, wo die Gebäude enger beieinander lägen, damit alles fußläufig erreichbar sei. „Und wir haben die Fahrstühle versteckt, damit die Menschen mehr laufen“, lacht er.

          In Arnheim in den Niederlanden habe er einen Bahnhof entworfen, in dem es keine Ecken gebe. „Damit die Dealer sich nicht verstecken können?“, fragt F.A.Z.-Redakteurin Lembke. „Genau“, antwortet van Berkel.

          Van Berkel kennt Frankfurt gut. 15 Jahre lang hat er an der Städelschule, einer Hochschule für bildende Künste, gelehrt. Es habe ein bisschen gedauert, bis er sich mit der Stadt angefreundet habe. „Erst dachte ich: Frankfurt ist eine Stadt der Expats“, sagt er, von Leuten also, die aus dem Ausland zugezogen seien. „Dann habe ich die Schönheit der Stadt entdeckt. Der Main wird im Sommer fast zum Strand für viele Menschen.“ Und es sei eine Stadt der Untergrundwelt, die man erst entdecken müsse.

          „Technologie für das Gute“

          Zudem ist er in ein Großprojekt im Zentrum Frankfurts involviert: „The Four“. Vier neue Hochhäuser entstehen dort. Dort will er vieles besser machen, was er an Großstädten kritisiert, dass es abends zum Beispiel nicht sicher sei, weil in manchen Vierteln nur Büros untergebracht seien und abends niemand mehr dort unterwegs sei. Restaurants, Hotels, Fitness-Studios und Clubs seien die Lösung findet er. „Dann ist es auch nachts lebendig“, sagt er.

          Spricht er über das Design der Türme, gerät er fast ein bisschen ins Schwärmen. Die Fassaden seien so gestaltet, damit sie mehr Licht reflektierten. Manchmal wirke es dann so, als würden die Fassaden der Türme ineinander übergehen. „Dann tanzen die Türme miteinander“, sagt er. 2023 soll das Projekt fertig werden.

          Im Publikum sind nicht alle überzeugt. Einer fragt kritisch nach, warum auf den Bildern von seinen Projekten denn nur junge Menschen abgebildet seien. Einer findet, dass man doch das Landleben wieder attraktiver machen müsse. Dem stimme er im Grunde zu, sagt van Berkel: „Nicht alles kann verdichtet werden.“ Eine andere kritisiert das Gerede von „Smart Cities“, wo es um die digitale Vernetzung von Städten geht. Auch ihr pflichtet er bei: „Das ist ein leerer Ausdruck“. Zu häufig gehe es darum, Städte durch Technologie noch effizienter machen. „Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit“, klagt er. „Wir brauchen Technologie für das Gute“, fordert er stattdessen. Und setzt damit ein passendes Fazit unter die Veranstaltung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf dem Weg zur Arbeit: Die von manchen prognostizierten hohen Arbeitsplatz-Verluste im Londoner Finanzsektor blieben aus.

          Brexit und die Wirtschaft : Eine Delle, keine Katastrophe

          Die Prognosen zum Brexit waren überzogen, doch Investitionen und Wachstum haben gelitten. Mit dem Ende der Unsicherheit könnte es wieder aufwärts gehen.
          Zur Diskussion gestellt: Bundesjustizministerin Christine Lambrecht ließ einen „Diskussionsentwurf“ verschicken, der vorstellt, wie sich die Beamten des Ministeriums die Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht vorstellen.

          EU-Urheberrecht : Kein Vorschlag zur Güte

          Das Justizministerium schlägt vor, wie das neue EU-Urheberrecht in nationale Gesetze aufgenommen werden soll. Der Vorschlag wirkt moderat, doch er birgt Sprengstoff. Auch für die Bundesregierung.
          Hochzeitswagen auf den Straßen Istanbuls

          Brief aus Istanbul : Beim Kindermachen denken Sie woran?

          „Denken Sie während des Aktes an Ihren geistigen Führer, um ein sittsames Kind zu bekommen“: Wie sich die Regierenden in der Türkei ins Privatleben ihrer Bevölkerung einmischen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.