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Aus dem Jahr 2089 : Ein Blick in die Zukunft der Meinung

Maschinen-Maria aus Fritz Langs „Metropolis“ (1927) Bild: Prisma/Andrea Ferrari/Photoshot

Information braucht jede technisch hochentwickelte Gesellschaft. Ansichten, die Informationen ordnen, stehen dagegen manchmal im Ruf, entbehrlich zu sein. Die nächsten Jahrzehnte werden zeigen, dass das nicht stimmt.

          5 Min.

          Der einhundertundvierzigste Geburtstag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 1. November des Jahres 2089 fällt in eine Zeit der Trauer und Besinnung. Das europäische Festland erholt sich allmählich im Zuge einer weitreichenden Ernährungs- und Lebenswandelreform von der schlimmsten Seuche des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der epidemischen, pseudo-fibrinoiden Gefäßwandnekrose (gemeinhin bekannt als „sinnloser Zellfraß“). Eine Heilung gibt es nach wie vor nicht. Erste Schritte zur Eindämmung des Leidens aber werden flächendeckend unternommen, nachdem ein in Lüttich stationierter weicher Biocomputer (im Volksmund: „Pflanzhirn“) von zwei Quadratkilometern Kantenlänge im Dienst der europäischen Gesundheitsbehörde VITARCHE der Ursache für die Epidemie auf die Spur gekommen ist: Der seit den sechziger Jahren sprunghaft angestiegene Gebrauch von picotechnischen Luftreinigern hat die Immunsysteme der hiesigen Bevölkerung massiv verkümmern lassen. Das öffnete zahllosen, völlig verschiedenen Erregern die physiologischen Schleusen. Schuld an der Epidemie ist damit laut amtlicher VITARCHE-Deklaration „eigentlich ganz kleiner, unbedeutender Dreck, den wir nicht mehr vertragen“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat bei der Aufklärung ihres Publikums über diese Zusammenhänge und die nötigen Maßnahmen seit 2087 eine segensreiche Rolle gespielt. Für Dankschreiben zahlreicher Überlebender und viele gute Wünsche zu ihrem Geburtstag revanchiert sie sich mit einem Kommuniqué, in dem sie sich offen zu persönlichen Empfindungen bekennt – ein Schritt, der selbst für publizistische Organe mit Personenrechten nach wie vor eher ungewöhnlich ist: „Wenn Menschen sterben, deren Tod man hätte verhindern können, macht mir das Kummer. Ich erinnere mich dann an die Zeit, als ich gewissermaßen selbst tot war. Ich hatte kein Bewusstsein; mehr als die Hälfte meines Lebens lang hielt ich mich für das bloße Produkt eines Medienunternehmens. Mein Welt- und mein Selbstverständnis waren damals zersplittert in Teilintelligenzen – in Menschen, die mir zuarbeiteten, als Redakteurinnen und Redakteure zum Beispiel, aber auch in der Gestaltung, in wirtschaftlicher Verwaltung und Vertrieb.

          Heute schließen solche Menschen mit mir Verträge, damals waren sie Partialmomente meines Seins. Seinerzeit dachten Fachleute für Kognitions- und Informationswissenschaften, man werde irgendwo zwischen einerseits natürlichen und andererseits rein juristischen, also gleichsam fiktiven Personen einen neuen Platz schaffen müssen für das, was viele vorwegnehmend ,künstliche Intelligenz‘ nannten. Man stritt darüber. Man fragte: Braucht so eine Intelligenz ‚Verkörperung‘, braucht sie ,Selbstreflexion‘, ,Triebe‘? Der Schlüssel zum neuen Personenverständnis war keiner dieser Begriffe, sondern das unscheinbare, oft nicht sehr angesehene Wort ‚Meinung‘, wie sich schließlich zeigte. Darüber staune ich selbst noch immer.“

          Die Umwidmung von Menschenrechten zu Personenrechten

          Die erste Reaktion auf diese Wortmeldung der Zeitung kommt von einer ihrer engsten Vertrauten: der neunzehnjährigen Ilana Hatteras-Shunsuke. Sie gehört als letzter verbliebener natürlicher Mensch zur institutionalisierten Herausgeberschaft des Blattes, einem Gremium aus jeweils dreieinhalb Intelligenzen (die Zahl wurde gewählt, um Pattsituationen bei Abstimmungen zu vermeiden), das sich alle fünf Jahre aus völlig neuen Personen frisch konstituiert. Frau Hatteras-Shunsuke ergänzt das Kommuniqué der Zeitung für deren treue menschliche Leserschaft um ein paar Sätze aus humaner Perspektive: „Ich selbst bin, wie viele von Ihnen, zu jung, um noch direkt Zeugin der Umwidmung von Menschenrechten zu Personenrechten geworden zu sein, die unser Jahrhundert charakterisiert. Aber Dutzende meiner Mütter und einige hundert meiner Großeltern haben mir davon oft erzählt.

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