https://www.faz.net/-itp-9sqqp

Als Frau bei der F.A.Z. : Zehn von 152

  • -Aktualisiert am

Als Joachim Fest das Feuilleton übernahm

Als Joachim Fest das Feuilleton übernahm, veränderte sich das Klima. Die Türen waren nicht mehr offen, Hierarchien bildeten sich, was sich auch im Impressum zeigte, und der lockere, kollegiale Stil war Vergangenheit. Reich-Ranicki, den Fest sogleich als Verstärkung holte, stellte Machtansprüche und setzte sie durch. Auch „ Bilder und Zeiten“ war davon betroffen. Fast täglich gab es einen kurzen Streit, wir waren nun einmal selten einer Meinung. Und seine Grußformel „Was gibt’s Neues, Liebste?“, mit der er vom anderen Ende des Flurs ins Umbruchszimmer stürmte, ärgerte mich. Liebste, so nannte er alle weiblichen Wesen. Vor allem ärgerte mich, dass er Fest als Unterstützer herbeiholte, wenn er bei mir auf Widerstand stieß.

Als ich 1968 Redaktionsmitglied wurde, waren Frauen außerhalb des Feuilletons rar. Von 152 Redakteuren waren nur zehn weiblich. Heute sind es immerhin 100 von 402. An Bewerberinnen hat es nie gefehlt, doch leicht hatten sie es nicht, es sei denn, man gestand ihnen wegen ihrer speziellen Kenntnisse Privilegien zu. Auslandsposten waren unter den Redakteurinnen besonders beliebt, raus aus dem nicht immer frauenfreundlichen Betrieb. In den Konferenzen waren weibliche Stimmen selten zu hören. Auch meine Wortmeldungen blieben manchmal unbeachtet, was mich stets aufs Neue kränkte.

Bevor man in der F.A.Z. einen Arbeitsvertrag erhält, muss man sich allen Herausgebern vorstellen. Ich hatte diese Aufforderung nicht ernst genommen. Zehn Jahre Mitarbeit müssten doch genügen, um meine Leistung zu bewerten, dachte ich. Vier Herausgeber luden mich freundlich zu einem Gespräch im achten und neunten Stockwerk ein. Einer bot mir sogar einen Schnaps an. Der fünfte hatte mir frostig sagen lassen, dass er mich endlich zur Vorstellung erwarte. Er saß verschanzt hinter Stapeln von Mappen an seinem Schreibtisch. Den Aktenordner mit meinen Beiträgen hatte er sich vom Archiv schicken lassen. „Ich habe nichts davon gelesen“, sagte er zur Einführung und blätterte gelangweilt darin herum. „Warum wollen Sie eigentlich Redakteurin werden?“, fragte er, „Sie könnten doch Ihrem Mann bei seiner großen editorischen Arbeit helfen.“ Ich erinnere mich nicht mehr an meine Antwort. Ich wusste nur, er würde mich auch künftig als schreibende Hausfrau ignorieren.

Ausgerechnet dieser Herausgeber leitete die politischen Konferenzen, an denen ich, als Redakteurin von „Bilder und Zeiten“, teilnahm. Ich setzte mich jedesmal ihm genau gegenüber ans Kopfende der zu einem Hufeisen zusammengeschobenen Tische, unübersehbar also, noch dazu meistens in einem roten oder sonst wie farbenfrohen Kleid. Er hat mich und meine Fragen (und erst recht meine Blattkritik, die doch in diesem Gremium gepflegt werden sollte) trotzdem manchmal überhört, wenn ich mir nicht vorher Unterstützer gesichert hatte.

Da es so wenige Frauen gab, die auch mal den Mund aufmachten, wurde ich als einzige in den Betriebsrat und in den Redakteursausschuss gewählt. Wir durften unsere Meinung sagen, bewirkt haben wir wenig. Vergeblich habe ich versucht, Halbtagsarbeit für Frauen durchzusetzen. Redakteurinnen und Mitarbeiterinnen mit Kindern suchten in anderen Medien familienfreundlichere Bedingungen.

Von Anfang an habe ich mir für meine eigenen Beiträge oft Themen gesucht, die auch meine ureigenen Interessen betrafen. Die Rechte der Frauen waren ja noch längst nicht alle verwirklicht. Emanzipation, Familienpolitik, die Reform des Ehe- und Kinderrechts, des Jugendstrafvollzugs – es wurde Ende der sechziger Jahre so vieles reformiert, was Journalisten kommentierend begleiten mussten. Diese Themen waren mir wichtiger als der Protest und die Demonstrationen auf der Straße.

Innerhalb der Zeitung hatte ich keine Konkurrenz. Ich konnte meine Beiträge auch im politischen Teil veröffentlichen, obwohl viele Kollegen dort meine Ansichten nicht teilten. Wenn ich mich lustig machte über männliche Rückständigkeit, haben mir meine Texte bei den Lesern viel Zustimmung, aber auch Ablehnung gebracht. Ich wurde zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen, vielleicht galt ich als gemäßigte Feministin, die Verständnis für Männer hat und sie nicht als Ungeheuer bekämpft. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann ja nur gelingen, wenn auch die Männer sich emanzipieren. Ein Glück, da sind wir doch ein ganzes Stück weitergekommen!

Weitere Themen

Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

Topmeldungen

Elizabeth Warren am Montag in Grimes

Präsidentschaftswahlkampf : Impeachment oder Iowa?

Viele demokratische Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur würden gerne Wahlkampf machen, zum Beispiel in Iowa. Doch beim Impeachment-Verfahren gegen Trump müssen die Senatoren in Washington sein. Wer profitiert davon?
In Hangzhou laufen Passanten mit Gesichtsmasken über die Straße.

Lungenkrankheit : Coronavirus attackiert Chinas Wirtschaft

2003 steckte die chinesische Industrie die SARS-Pandemie locker weg. Doch wird das auch beim um sich greifenden Coronavirus so sein? Schon jetzt spüren Reiseanbieter die Folgen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.