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Für die freie Marktwirtschaft : Der ehrbare Kaufmann

Familienunternehmer Jürgen Heraeus im September 2011 Bild: obs

Die F.A.Z. nimmt von Beginn an den verantwortungsvollen Unternehmer in den Fokus und verteidigt seine Interessen gegen Politik und Industrie.

          3 Min.

          Manche Ideen sind einfach zeitlos. Oder anders gesagt: Wer seinen 502. Geburtstag feiert, der hat irgendetwas richtig gemacht. Denn es war im Jahr 517, als der Vorstand des „Gemeinen Kaufmanns“ in der Hansestadt Hamburg erstmals einberufen wurde.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Erst etwas später kam das Prädikat „ehrbar“ hinzu, und es deutete zunächst weniger auf einen hohen moralischen Selbstanspruch als auf den hohen Status der Ständeversammlung, wie die F.A.Z. im Jahr 1992 analysierte. Dennoch ist die Versammlung „Eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg“ eine der ältesten bekannten Vereinigungen ihrer Art.

          Wer aber ist diese Figur, was macht den Kaufmann ehrbar? Nun, es sind die typischen Tugenden, die den Kaufleuten in der frühen Neuzeit zugeschrieben wurden: Gewinnstreben gepaart mit der nötigen Sparsamkeit, ein grundsolides Gebaren gewürzt mit einer Prise Weltmännischkeit und Weitsicht, Toleranz und Offenheit, Gerechtigkeit und Anstand sowie eine gewisse Demut und Zurückhaltung.

          Das damalige Bürgertum, ein wahrer Hort der Tugend? Wohl eher nicht. Aber es schuf ein Leitbild für die Akteure im Zentrum wirtschaftlichen Handelns, das in seiner Zeitlosigkeit die Jahrhunderte überdauern sollte.

          Papst Pius warnt vor dem Verfall des Kaufmannberufs

          Dieser ehrbare Kaufmann und die F.A.Z. schienen von Anfang an füreinander gemacht. Jene Zeitung, die nach ihrer Gründung in der Nachkriegsära mit Nachdruck für die freie Marktwirtschaft und gegen Verstaatlichung eintrat, die als Teil der „Brigade Erhard“ in die Mediengeschichte einging und sich mit dem Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) eine existenzbedrohende Auseinandersetzung im Kampf gegen Kartelle lieferte. In dieser Denkschule nahm ebenjener ehrbare Kaufmann einen zentrale Rolle ein.

          Allerdings war er schon damals vor Habgier und anderen Verlockungen nicht gefeit. Im September 1953 druckte die F.A.Z. einen Artikel ab, in dem der damalige Papst Pius warnte, der kaufmännische Beruf sei in seinen moralischen Grundlagen angegriffen und verliere an Achtung.

          „Die Versuchungen, gegen das Prinzip der Berufsmoral zu verstoßen, sind heute teilweise groß“, fand das Oberhaupt der katholischen Kirche schon damals und formulierte die gestiegenen Ansprüche an den Beruf. „Aber noch wichtiger ist die grundlegende Rüstung: eine hohe Einstellung, begründet auf moralischen Prinzipien. Die wirtschaftliche Struktur kann nicht eine einseitige Angelegenheit der Technik sein.“

          Man könnte fast meinen, der Papst hätte die Finanzkrise mehr als ein halbes Jahrhundert später schon heraufziehen sehen.

          Klare Regeln und ein innerer Kompass

          Dennoch gab es im Lauf der Jahrzehnte viele Unternehmer und Manager, die im Sinne des ehrbaren Kaufmanns gehandelt und Verantwortung übernommen haben, für ihr Unternehmen und dessen Mitarbeiter, aber auch für die Gesellschaft.

          Der Unternehmensteil der F.A.Z. hat solche Persönlichkeiten wie den Trumpf-Gründer Berthold Leibinger oder den Hanauer Familienunternehmer Jürgen Heraeus immer offen und interessiert, wenngleich aus der gebotenen Distanz heraus begleitet. Es müssen aber auch nicht immer die großen Namen sein, um den Weg ins Blatt zu finden.

          Einen festen Platz hat in der Montagsausgabe seit vielen Jahren das „Unternehmergespräch“. Hier werden Familienunternehmer in ihrem Unternehmen besucht. Die Journalisten der F.A.Z. bekommen in den ausgeruhten und oft tiefgreifenden Gesprächen recht intime Einblicke, die sich wohltuend abheben vom zunehmend schnelllebigen Mediengeschäft. Das Unternehmergespräch steuert auf seine 1000. Folge zu.

          Aber auch „unehrenhaften Kaufleuten“ widmet der Unternehmensteil in Nachrichten, Analysen und Kommentaren seit jeher reichlich Aufmerksamkeit. Seien es die Luftgeschäfte des Hochstaplers Bernie Madoff, dessen Milliardenbetrug während der Finanzkrise aufflog, oder das Schicksal der Verantwortlichen, die im Zentrum des Diesel-Skandals von Volkswagen stecken.

          Nicht nur solche spektakulären Fälle führen immer wieder vor Augen, wie wichtig klare Regeln und ein innerer Kompass für alle Spieler in einer globalisierten Wirtschaft geworden sind.

          Wichtiger denn je, wie der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge 2018 in einem Beitrag mit Blick auf die gewaltigen Herausforderungen durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz ausgeführt hat. „Realistische Wirtschaftsethik heißt, einerseits die Möglichkeiten der Ethik für Unternehmen anzuerkennen, gleichzeitig aber auch zu sehen, dass zur Wirtschaftsethik die ökonomische Seite dazugehört.“ Das ist ein permanentes Spannungsfeld.

          Heute fordert die Gesellschaft zumindest in postindustriellen Staaten von den Unternehmen zunehmend nachhaltiges Wirtschaften ein, den Blick auf soziale und ökologische Folgen ihres Tuns.

          In Amerika haben vor kurzem rund 200 Chefs großer Konzerne gemeinsam ein Umdenken gefordert – weg vom reinen Profitstreben, hin zu einem Ansatz, der alle Beteiligten (Stakeholder) ihrer Tätigkeit einschließt. Macht sie das schon zu ehrbaren Kaufleuten? Sicherlich nicht, aber es ist ein interessanter Ansatz. Und der Unternehmensteil der F.A.Z. wird natürlich berichten, was aus ihm wird.

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