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Journalismus im Wandel : Das Prinzip Zeitung ist nicht zu schlagen

Der Journalismus wandelt sich – wird aber auch in Zukunft gebraucht werden. Bild: Frank Röth

In der digitalen Welt ist der Journalismus gefordert. Braucht es ihn noch, wenn online jeder alles selbst kann? Aber ja! Nur: Wie?

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          Der Arbeitstag eines Journalisten hatte früher einen Anfang und ein Ende. Zu Beginn stand der Blick auf das Angebot der anderen und die erste Redaktionskonferenz, am Schluss stand nach dem täglichen Kampf gegen die Uhr der Andruck der Zeitung – auf Papier. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konnte man diesen noch live miterleben, wenn an der Hellerhofstraße auf der anderen Straßenseite, gegenüber der Redaktion, die Rotation angeworfen wurde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Heute kennt der Journalismus keinen Anfang und kein Ende, weder zeitlich noch inhaltlich. Das Internet schlägt den Takt und sorgt für einen Informationsstrom, der niemals anhält und niemals versiegt. Das hat für Journalisten nicht nur die aus der Papierzeit gelernte Organisation ihres Arbeitsalltags über den Haufen geworfen, es stellt ihre Rolle in Frage. Es zwingt Verlage dazu, mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen, die es im Netz allüberall scheinbar kostenlos gibt. Und sie müssen gegen Digitalkonzerne bestehen, die das Anzeigengeschäft an sich gerissen haben und mit ihren Inhalten Umsätze und Renditen erwirtschaften, von denen die Zeitungshäuser nur träumen können.

          Journalisten sind nicht mehr von Berufs und Berufung wegen automatisch die Gatekeeper der demokratischen Öffentlichkeit. Was es zu lesen, zu sehen und zu hören gibt, bestimmen die Rechenzentren von Konzernen, die ihre Algorithmen wie Augäpfel hüten und erst ganz allmählich begreifen, welche Verantwortung ihre Vormachtstellung in der Informationsgesellschaft des Word Wide Web bedeutet. Warum und wieso ein Thema bei Google, Facebook oder Twitter trendet oder gar nicht erst auftaucht, weiß niemand, der nicht selbst am Algorithmus schraubt. Bei Journalisten, Redaktionen, Zeitungen, Sendern und Verlagen sind der Absender und die Methodenlehre der Berichterstattung kenntlich – so man nicht willentlich fälscht wie der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius.

          Der freie Diskurs gerät ins Wanken

          Bei den neuen Gatekeepern indes sind die Parameter unbekannt. Ihr Angebot wirkt umso verführerischer, als es auf der Auswertung aller Datenbewegungen der Nutzer beruht, die punktgenau mit den Informationen und mit der Werbung versorgt werden, von der sie noch gar nicht wussten, dass sie sie suchen, die aber anscheinend wunderbar zu ihnen passt.

          Das führt nicht nur zu den seit einiger Zeit beklagten „Filterblasen“, also der Auflösung des gemeinsamen Öffentlichkeitsraums, der Agora, zu der eine Zeitung durch die Vielfalt ihres Informationsangebots beiträgt, mit dem sich jeder Leser konfrontiert sieht. Es verschärft Gegensätze und begünstigt Scharfmacher, die ausblenden, was nicht in ihr Weltbild passt, und die Dinge in ein Freund-Feind-Schema pressen. Der freie Diskurs, der darauf beruht, dass Argumente und Positionen gegeneinandergestellt werden, dass es berechtigterweise unterschiedliche Interessen gibt, auf deren Ausgleich eine demokratische Öffentlichkeit angelegt sein muss, gerät ins Wanken.

          Heute kann jeder sein eigener Chefredakteur sein und ohne jede Hürde in die Debatte eintreten. Vermittler werden nicht mehr gebraucht. Politiker, Lobbyisten und Aktivisten haben das längst verstanden. Sie wissen, was und wen man über den direkten Draht per Facebook und Twitter erreichen kann und wie man für die größte Aufmerksamkeit sorgt: indem man laut wird, polemisch und persönlich. Gesteigert wird das noch von denjenigen, die extreme Positionen vertreten, gar kein Interesse daran haben, in einen Meinungsstreit einzusteigen, und nur bekehren und aufhetzen wollen.

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