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Spitzenwinzer vom Herzogenberg : Der Mundschenk der schwäbischen Kapitale

Hier wird das Winzerleben nie langweilig: der Herzogenberg, die Monopollage des Weinguts Wöhrwag. Bild: Wöhrwag

Außerhalb Stuttgarts kennt kaum jemand die Weine von Hans-Peter Wöhrwag – aber nicht, weil sie provinziell wären, sondern weil sie so gut sind, dass die Stuttgarter ihm Jahr für Jahr den Keller leer trinken. Die Kolumne Geschmackssache.

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          Was die Habsburger können, können die Wöhrwags schon lange: dank geschickter Heiratspolitik ein dichtes Netz dynastischer Verbindungen in den höchsten Kreisen zu schaffen. Die einen wählten dafür die europäische Hocharistokratie und fanden dabei nicht immer ihr Lebensglück, sondern landeten mitunter sogar auf dem Schafott. Die anderen waren klüger, denn sie entschieden sich für den deutschen Weinadel. Hans-Peter Wöhrwag vom gleichnamigen Weingut im Stuttgarter Vorort Untertürkheim nahm eine Winzertochter vom jahrhundertealten Johannishof im Rheingau zur Frau, übrigens eine der vielen an der Weinbauhochschule von Geisenheim gestifteten Lieben. Wöhrwags Schwester wiederum schloss den Bund der Ehe mit Volker Raumland, dem Großmeister der deutschen Sektkelterer. Einer der beiden Söhne heiratete in den bekannten Pfälzer Weinbaubetrieb Köhler-Ruprecht ein, und dass es damit schon getan ist, scheint eher unwahrscheinlich, schließlich steht noch eine Tochter parat, die nach einer ausführlichen Weinweltreise ganz frisch ins Gut eingetreten ist. Jedenfalls muss man sich keine Sorgen um die Getränke machen, wenn die Wöhrwags Familienfeste feiern.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Gefeiert wird bei ihnen viel, allerdings öfter öffentlich als „en famille“. Denn die Wöhrwags haben sich längst fest als Haus-und-Hof-und-Leib-und-Magen-Weingut der anspruchsvollen Stuttgarter Weinliebhaber etabliert. Jeden Samstag wimmelt es im großen Hof des Guts von fröhlichen Zechern aller Stände, die einen großen Bogen um die eher bescheidenen Gewächse des Weinguts der Stadt Stuttgart machen und bei den Wöhrwags den wahren, reinen Wein der schwäbischen Kapitale finden. Sie liegen schon mit ihrer Ortswahl goldrichtig, denn seinen vinophilen Ruf verdankt Stuttgart ausschließlich Untertürkheim. Dort befinden sich die hundert Hektar Rebengärten der Stadt, und dort drehte sich siebenhundert Jahre lang alles um den Wein, bis eine Automobilfabrikation namens Daimler-Benz in dem Vorort Quartier nahm und Untertürkheim aus einem anderen Grund in aller Welt bekannt machte. Immerhin herrscht bestes Einvernehmen zwischen den Wein- und den Autobauern, deren Vorstände gerne beim Wöhrwag ihr Viertele schlotzen.

          Der Maybach unter den Weinbergen

          Hans-Peter und Christin Wöhrwag haben das Glück, den Maybach unter Stuttgarts Weinbergen als Monopollage bewirtschaften zu können. Der Herzogenberg war einst der Versuchsweinberg der Herzöge von Württemberg, besitzt derart viele Gipseinlagerungen, dass er früher sogar als Steinbruch genutzt wurde, bietet dank seiner turbulenten Topografie viele verschiedene Höhenlagen und Sonnen-Expositionen und lässt deswegen Hans-Peter Wöhrwag  das Winzerleben niemals langweilig werden. Fünfundachtzig Prozent seiner zwanzig Hektar Rebfläche liegen im Herzogenberg, den er allerdings nicht ganz so stark monopolisieren kann, wie es ihm lieb wäre. Denn dank seiner spektakulären Ausblicke auf Neckar und Rems tummelt sich viel Partyvolk zwischen den Rebzeilen und hinterlässt dort nicht nur gute Stimmung.

          Wein ist ihr Leben, aber nicht nur in Stuttgart: die Familie Wöhrwag.
          Wein ist ihr Leben, aber nicht nur in Stuttgart: die Familie Wöhrwag. : Bild: Wöhrwag

          Der Mundschenk der Stuttgarter Weinfreunde hat sein Gut zwar 1999 in den auch international hoch angesehenen Verband Deutscher Prädikatsweingüter geführt, verkauft aber seine gesamte Ernte in einem Umkreis von hundert Kilometern und exportiert keine einzige Flasche. Das ist eine Bürde und Verpflichtung zugleich. Denn zu Hans-Peter Wöhrwag kommt man, um glücklich zu sein. Deswegen kann er keine Weine keltern, die seine Kundschaft vor den Kopf stoßen, schwerwiegende Komplikationen verursachen, nach umständlichen Erklärungen verlangen oder die Lust nach Exotismen und Extravaganzen befriedigen. Stattdessen macht er Gewächse für die Trinkfreude und den Lebensspaß, von denen man weder nach einem Glas noch nach einer Flasche genug hat, sondern bedenkenlos eine zweite Flasche ordert.

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