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Zerfällt Europa (3) : Die Utopie vom Leben jenseits der Grenze

  • -Aktualisiert am

Bild: Franziska Gilli

Die Massenmigration ist die Revolution des 21. Jahrhunderts - und sie bringt eine Konterrevolution hervor, die das Wesen der Europäischen Union gefährdet. Die Flüchtlingskrise verfestigt Klischees, die Ost und West in Europa übereinander pflegen.

          Vor einem Jahrzehnt bemerkte der ungarische Philosoph und einstige Dissident Miklós Tamás, die Aufklärung, in der die Idee der Europäischen Union wurzelt, erfordere ein Weltbürgertum. Doch dazu müsste mindestens eine der beiden folgenden Bedingungen erfüllt sein: Entweder werden arme und dysfunktionale Länder zu Orten, an denen zu leben erstrebenswert wäre, oder die Europäer öffnen ihre Grenzen für alle. Keines von beidem wird so bald geschehen - wenn denn überhaupt jemals. Heute gibt es in der Welt zahlreiche gescheiterte Staaten, in denen niemand leben möchte, und Europa ist nicht in der Lage, die Grenzen offen zu halten, zumal die Bürger und Wähler dies auch niemals zuließen. Der eigentliche Streit geht daher nicht um die Frage, ob die Europäische Union die Überschreitung ihrer Grenzen erschweren sollte - es liegt auf der Hand, dass sie das tun sollte; es geht vielmehr darum, ob wir uns moralisch dazu berechtigt fühlen dürfen und wie wir den am stärksten gefährdeten Menschen in der Welt helfen sollten.

          Als Forscher an der University of Michigan 1981 ihre erste weltweite Werte-Studie durchführten, stellten sie erstaunt fest, dass das Glücksempfinden eines Landes nicht vom materiellen Wohlergehen abhing. Damals waren Nigerianer ebenso glücklich wie Westdeutsche. Heute, 35 Jahre später, ist das anders. Nach den neuesten Studien sind die Menschen in den meisten Ländern so glücklich, wie das jeweilige Bruttosozialprodukt dies vermuten lässt. Und was ist heute anders als damals? Inzwischen haben die Nigerianer Fernsehen, und das Internet macht es möglich, dass junge Afrikaner oder Afghanen sich mit einem Mausklick anschauen können, wie die Europäer leben und wie ihre Schulen oder Krankenhäuser aussehen. Die Globalisierung hat die Welt in ein Dorf verwandelt, aber dieses Dorf lebt in einer Diktatur - der Diktatur des globalen Vergleichs. Die Menschen vergleichen ihr Leben nicht mehr mit dem ihrer Nachbarn, sondern mit dem der wohlhabendsten Bewohner des Planeten.

          In unserer so stark vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution - keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine vom Exodus getriebene Revolution des 21. Jahrhunderts, getragen von Einzelnen und Familien und inspiriert nicht von Zukunftsbildern, wie Ideologen sie einst malten, sondern von den im Internet verbreiteten Bildern des Lebens jenseits der Grenze. Diese neue Revolution verspricht radikale Veränderungen. Und zu ihrem Erfolg ist sie weder auf Ideologien angewiesen noch auf politische Bewegungen oder Führer. Deshalb sollten wir uns nicht wundern, dass der Weg in die Europäische Union für viele im Elend lebende Menschen heute attraktiver ist als jede Utopie. Für immer mehr Menschen bedeutet Veränderung, nicht die Regierung zu wechseln, sondern das Land.

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