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Kunst im Internet : „Ich will, dass die Leute ihre Zeit mit Kunst verbringen“

  • Aktualisiert am

Seit Jahrzehnten bestimmt er die Regeln auf dem Markt mit Gegenwartskunst. Jetzt hat er sich ein neues Spielfeld eröffnet. Charles Saatchi vernetzt Künstler und Käufer mit Galeristen und Museen auf einer gemeinsamen Plattform im Internet. Im Interview erklärt er, was er vorhat.

          5 Min.

          Herr Saatchi, die Kunstwelt besteht aus einem kleinen Kreis mächtiger Galeristen und Sammler. Haben junge Künstler da überhaupt eine Chance?

          Es ist eine inzestuöse Geschichte. Viele Künstler auf unserer Website hätten normalerweise nie die Möglichkeit, ihre Kunst zu zeigen. Ich selbst verbringe viel Zeit auf der Suche nach jungen Talenten. Und jedes Mal, wenn ich dann einen Künstler auswähle, weiß ich, dass 39 andere zurückbleiben. Deshalb bin ich besessen von den Möglichkeiten des Internets. Ich fühle mich wie jemand, der eine Religion entdeckt hat und dann süchtig wurde.

          War dies der Auslöser für Ihre virtuelle Galerie im Internet?

          Ja. Von jetzt an brauchen die Künstler keine Händler mehr, die den doppelten Preis für ein Kunstwerk verlangen, weil sie es vermitteln. Die Künstler können direkt verkaufen, an wen auch immer sie wollen.

          Glauben Sie denn wirklich daran, dass es möglich ist, auf „Your Gallery“ interessante, gute Künstler zu finden?

          Ich führe diese Website nicht für mich selbst, weil ich jeden Tag per E-Mail so viele Kunstwerke von Galeristen geschickt bekomme, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich mag es sehr, Kunst zu betrachten, und ich schaue mir alles an. Also kam mir die Idee, dass das Internet die Menschen jetzt so weit verändert hat, dass sie bereit sind, das Netz auch zum Kauf von Kunst zu benutzen. Den Vorteil dabei haben doch die Künstler. Sie bekommen eine Menge Aufmerksamkeit und Ausstellungsfläche, und sie können direkt an den Sammler verkaufen, ohne das Geld mit dem Händler teilen zu müssen.

          Kann man überhaupt ein Kunstwerk ausschließlich anhand einer Reproduktion beurteilen?

          Natürlich wäre es schön, wenn man alle Werke, für die man sich interessiert, im Original sehen könnte. Aber die Alternative ist zero. Viele Leute sind sehr froh darüber, Kunst über das Netz kaufen zu können. Viele sind regelrecht versessen darauf. Kunst ist im Netz ja auch selten teuer, und die Leute sind bereit dazu, 500, 1000 oder auch 3000 Pfund im Netz zu bezahlen. Außerdem können die meisten heute viel genauer ausdrücken, was sie mögen und was nicht. Und wir treffen immer wieder viele Händler, die Künstler über das Netz entdecken, sie in ihr Programm aufnehmen oder kaufen, ohne die Werke je im Original gesehen zu haben. Ich persönlich mag es aber eigentlich nicht, Kunst zu kaufen, ohne sie vorher gesehen zu haben.

          Was also treibt Sie persönlich an?

          Es ist wohl der Vorteil, der den Sammlern erwächst. Viele Sammler sind ziemlich eingeschüchtert von Galeristen; sie vertrauen ihnen nicht ganz. Sie fühlen sich wohler, wenn sie unmittelbaren Kontakt zu den Künstlern haben.

          Für die Galeristen muss diese Aussage doch wie eine Provokation klingen?

          Ich weiß es nicht. Wissen Sie, die Kunstwelt ist global heutzutage. Als wir angefangen haben mit Your Gallery, dachten wir, dass wir sehr viel Kritik bekommen würden, dass die Galeristen sauer sein würden. Seit kurzem geben wir auch den Händlern die Möglichkeit, sich auf unserer Seite vorzustellen. Sie haben wohl gemerkt, dass wir nur ein Bedürfnis befriedigen. Der Kauf über das Netz ist nicht optimal, aber mit hochaufgelösten Abbildungen kann man heute eine ziemlich gute Idee davon bekommen, wie etwas aussieht - und man bekommt es für den halben Preis, verglichen mit dem Kauf über eine Galerie. Unsere Website hätte nicht schon 30.000 Künstler, wenn es sich für sie nicht lohnen würde. Und wir wissen von Künstlern, die Ausstellungen angeboten bekamen. Es passiert so viel über diese Seite.

          In Ihrer Sektion „Showdown“ lassen Sie die Besucher von Your Gallery über die Kunst abstimmen. Warum tun Sie das?

          Die Wettbewerbe ermuntern die Leute, die Kunst anzuschauen und sich eine Meinung darüber zu bilden. Das ist mein Ziel, und deshalb funktioniert die Seite so. Man findet niemanden, der seine ganze Zeit damit verbringt, 30.000 Seiten mit Kunst anzusehen. Da ist eine solche Abstimmung doch sehr demokratisch. Von den 4000 Künstlern, die an „Showdown“ teilnehmen, haben ohnehin nur die zwei eine Chance, berühmt zu werden, die ins Finale kommen. Es geht mir letztlich immer nur darum, dass die Leute ihre Zeit mit Kunst verbringen.

          Haben Sie selbst einen Lieblingskünstler auf Your Gallery?

          Wissen Sie, was ich getan habe? Ich habe versprochen, dass ich im ersten Jahr keine Kunst von Your Gallery kaufen werde, und ich habe mich daran gehalten. Jeder da draußen kann sich ein Jahr lang frei umschauen und auswählen, was ihm gefällt. Ich schaue mir alles an, was kommt, jeden Tag. Das dauert sehr lange. Dann mache ich mir eine Liste mit den Künstlern, die mich interessieren. Auch bei „Showdown“ stimme ich nicht mit ab. Aber ich denke, dass die Finalisten der ersten beiden Runden dort wirklich gut waren. Sie könnten ganz wunderbar in einem Museum ausgestellt sein, sie sind erstklassig. Aber mir ist natürlich klar, dass es viele Künstler auf der Seite gibt, die nicht gut sind oder ihre Form noch nicht gefunden haben. Es gibt wie üblich eine Mittelklasse und nur ganz wenige, die richtig gut sind - die, die Stars sein werden.

          Der Zweck, den Sie verfolgen, ist also ...

          Ich habe das Internet als Religion entdeckt. Wissen Sie, zu Beginn meiner Arbeit kamen die Leute in meine Galerie außerhalb von London in einem alten Fabrikgebäude an der Boundary Road. Dorthin kamen nur die, die wirklich in der Kunstszene drin waren. Als ich in die Stadt zog, kamen immer mehr Leute, anstatt 50.000 hatte ich auf einmal 600.000 Besucher im Jahr. Damals sagte jemand zu mir, dass ich unbedingt eine Website bräuchte, aber ich hatte absolut kein Interesse daran. Erst jetzt habe ich begriffen, dass das Internet die wunderbarste Erfindung überhaupt ist. Deswegen verstehe ich mich als religiöser Konvertit. Und dann entdeckte ich die große Lücke, die es dort gab, nämlich eine Plattform für Künstler zu sein. Noch eine Lücke klaffte bei den Museen. Diese Sektion haben wir gerade eröffnet. Dort können Museen sich präsentieren. Das gibt es nur bei uns, sonst nirgendwo.

          Benutzen Sie nicht das Internet zu Ihrem persönlichen Vergnügen an der Massengesellschaft?

          Ich weiß nicht, wie ich auf diese Frage antworten soll. Aber nachdem ich „Sensation“ gemacht habe, begriff ich, wie schön es ist, wenn Abertausende kommen, um meine Schau zu sehen. Wenn man Kunst zeigen will, dann will man auch, dass möglichst viele sie sehen. In diesem Sommer ziehen wir in eine neue Galerie um, und ich hoffe, dort noch mehr Besucher zu haben. Ich empfinde absolute Befriedigung, wenn ich Kunst einem größtmöglichen Publikum zeigen kann. Als ich anfing zu sammeln, gab es nur einige wenige Sammler; die Kunstwelt war sehr klein, und jeder kannte sich. Das ist schon lange nicht mehr so. Viele Leute finden das schlecht, ich persönlich finde das phantastisch. Heutzutage ist es Mode für reiche Leute, Kunst zu kaufen. Vor zehn Jahren war das noch ganz anders, damals kauften sie teure Autos und Pferde, teure Juwelen. Jetzt sind sie so reich, jetzt können sie alles kaufen. Das ist das globale Publikum der Gegenwartskunst. Ich finde das ausgesprochen aufregend. Aber es bleibt frustrierend, dass viele Künstler niemals gesehen werden. Nur wenige werden Weltstars.

          Wann hat für Sie ein Künstler das Potential, ein Star zu werden? Wann finden Sie Kunst wirklich gut?

          Ich kaufe Kunst nur, wenn ich fühle, dass ich sehr aufgeregt bin bei der Vorstellung, den Künstler in einer Ausstellung zu zeigen. Ich beurteile ein Kunstwerk danach, ob ich es gern mit so vielen Leuten wie möglich teilen möchte. Wenn ich etwas kaufe, stelle ich mir immer gleichzeitig die Frage, wie es in meine Ausstellung passen würde. Ich habe keine Logik in meinem Kaufverhalten. Ich kaufe und verkaufe Kunst schon seit sehr langer Zeit. Ich sehe das so: Wenn ich alles behalten hätte, wäre da nicht genug Platz gewesen in der ganzen Welt. Ich habe Tausende von Kunstwerken. Was ich mir selbst sage, ist, dass ich es mag, sehr frisch zu bleiben. Ich wollte schon immer lieber neue Kunst zeigen. Ich bin kein Typ dafür . . .

          . . . Kunst als Fetisch zu bewahren?

          Exakt. Ich bin immer ganz ergriffen von frischer Kunst, und ich fühle mich vollkommen gut damit. Das ist es, was ich in den vergangenen dreißig Jahren in der Kunstwelt getan habe, und jeder weiß es. Ich kaufe Kunst, um sie zu zeigen. Normalerweise behalte ich sie für zehn Jahre, dann ist es meist an der Zeit für Bewegung, und ich versuche etwas Neues. Ich wollte schon immer nur Ausstellungen machen. Das ist meine Freude.

          Dann sind Sie Händler, nicht Sammler? Hätten Sie nicht manchmal doch gern Ihr eigenes Museum mit all der Kunst, die Sie besaßen und besitzen?

          Ich würde gern mit meinem eigenen Museum arbeiten.

          Warum haben Sie dann nicht ein riesengroßes Museum gebaut, um alles zeigen zu können?

          Ich glaube, dass meine Räume in Chelsea so etwas sein werden. Die Galerie hat fast die Größe vom Buckingham Palace. Es ist spektakulär - ein realer Ort.

          Your Gallery - die Fakten:

          14 Millionen Klicks registriert durchschnittlich in 24 Stunden www.saatchi-gallery.co.uk

          35 Prozent der Besucher kommen aus den Vereinigten Staaten,

          25 Prozent aus Großbritannien und

          10 Prozent aus Deutschland.

          30.000 Künstler sind auf dem Hauptportal Your Gallery verzeichnet,

          7500 Kunststudenten in der Sektion Stuart und

          4000 Künstler in der Sektion Showdown: ein Ranking, bei dem die Besucher alle zwei Wochen abstimmen über einzelne Kunstwerke.

          1500 Galerien präsentieren sich inzwischen auf Your Gallery.

          Museen wie das New Yorker Museum of Modern Art, die Londoner Tate Modern oder der Louvre nutzen die Website unter www.saatchi-gallery.co.uk/museums/, um über ihre aktuellen Vorhaben und Ausstellungen zu informieren.

          Your Gallery unterhält das Your Gallery Magazine, ein eigenes Online-Kunstmagazin.

          Your Gallery in Mandarin entsteht derzeit für den asiatischen Markt.

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