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Kommentar : Was Warhol widerfuhr

  • -Aktualisiert am

Der legendäre schwedische Kurator Pontus Hultén soll nach Warhols Tod einige der berühmten Brillo-Boxen nachbauen lassen haben. Die Verwalter des Warhol-Nachlasses in New York, sollen diese „Stockholmtypen“ dann in das Werkverzeichnis des Künstlers aufgenommen haben.

          Die schwedische Tageszeitung „Expressen“ hat in einer Serie von Artikeln aufgedeckt, dass wohl einige von Warhols berühmten „Brillo Boxes“ gefälscht sind und sogar erst im Jahr 1990, also drei Jahre nach dem Tod des Künstlers, hergestellt wurden. Rund hundert dieser Seifenkisten sollen auf dem internationalen Kunstmarkt in Umlauf sein. Auch wenn Einigkeit darüber herrscht, dass Warhol ein Werk nicht angefasst haben muss, damit es als authentisch gilt, muss nun wohl das Werkverzeichnis umgeschrieben werden. Erst kürzlich sorgte ein Werk Warhols in New York für Aufsehen, als der amerikanische Filmproduzent Joe Simon-Whelan die Expertenkommission „Andy Warhol Art Authentication Board“ auf zwanzig Millionen Dollar Schadensersatz verklagte, weil diese dessen Warhol-Selbstporträt zweimal als nicht echt abgelehnt hatte.

          Diese ersten „Brillo Boxes“ von Andy Warhol (1929 bis 1987) sind Sperrholzkisten, auf denen mit Siebdruck das bekannte rot-blaue Design der seifengetränkten Metallschwämme, Marke Brillo, aufgetragen wurde. Sie sind 1964 entstanden und wurden noch im Frühling des gleichen Jahres in der New Yorker Stable Gallery zusammen mit anderen „Box Sculptures“ Warhols ausgestellt, darunter „Campbell's Tomato Juice“, „Kellogg's Cornflakes“ und „Heinz Tomato Ketchup“.

          Aus Kostengründen ersetzt

          Der junge Kasper König, heute Leiter des Kölner Museum Ludwig, war damals von der Ausstellung in New York beeindruckt. So schlug König dem legendären schwedischen Museumsdirektor Pontus Hultén (1924 bis 2006) wenige Jahre später ein Konzept für eine Warhol-Schau im Moderna Museet in Stockholm vor, die neben Warhols Filmen, silbernen Helium-Kissen und Siebdrucken von Warhols „Electric Chairs“ und „Ten-Foot-Flowers“ auch Brillo-Boxen einschließen sollte. Um Kosten zu sparen, wurden jedoch Pappkartons aus der Brillo-Fabrik in Brooklyn ausgestellt und nicht „Box Sculptures“ aus Warhols Factory in New York. Fünfhundert der Verpackungskisten wurden in zusammengefaltetem Zustand von der Firma Brillo nach Schweden geschickt und 1968 im Moderna Museet auf der Ausstellung aufgebaut.

          Hultén erinnert sich in seinem Buch „The Pontus Hultén Collection“ von 2004 daran, wie er zusätzlich für die Schau rund hundert Holzkisten in Schweden herstellen ließ: „Why don't you make them there?“, habe Warhol ihn gefragt und damit sein Einverständnis zur Produktion in Schweden erklärt. Die Holzkisten, schreibt Hultén, seien für die Ausstellung im Eingangsbereich des Museums aufgetürmt worden. Auf diese seien zusätzlich Pappkartons von der Firma Brillo gestapelt worden. Nach der Ausstellung, so Hultén, schenkte Warhol ihm persönlich die Kisten. Er schreibt in seinem Buch, er habe sie nach der Ausstellung im Depot des Stockholmer Moderna Museet gelagert - auch noch Jahre nach seinem Weggang aus dem Museum 1973.

          94 Kisten des „Stockholmer Typs“ in Umlauf

          Das Warhol-Werkverzeichnis von 2004 führt 94 Holzkisten von 1968 als „Stockholm Typ“ auf. Sie unterscheiden sich von den Boxen des Jahres 1964 dadurch, dass sie nicht aus Sperrholz, wie die aus der Warhol-Factory, sondern aus Holzfaserplatten sind, und dass der weiße Untergrund nicht gemalt, sondern aufgedruckt ist. Das Design enthält außerdem den Zusatz „Pad Giant“ über dem „O“ von Brillo. Während die teuerste einzelne Brillo-Box von 1964 im November 2006 bei Christie's in New York 710.000 Dollar erzielte, konnten die späteren Stockholm-Typen von 1968 auf Auktionen in den vergangenen Jahren Preise zwischen 100.000 und 200.000 Dollar erreichen.

          Doch nun hat der „Expressen“ enthüllt, dass 1968 im Moderna Museet gar keine Holzkisten, sondern ausschließlich die Pappboxen direkt von der Firma Brillo ausgestellt worden seien. Die schwedische Zeitung bezieht sich auf Aussagen des damaligen Kokurators, Olle Granath, sowie auf Paul Morrissey, den damaligen Manager von Warhols Factory, und andere Zeugen. Auch Kasper König weiß nichts davon, dass in Schweden Holzkisten ausgestellt worden wären. Allerdings hat er die Ausstellung auch nicht gesehen: Damals ließ er sich den für den Kurator bereits bezahlten Flug nach Schweden lieber auszahlen und blieb in New York. Die Pressesprecherin des Moderna Museet, Paulina Sokolow, sagt auf Anfrage, Hultén habe nach der Ausstellung noch im gleichen Jahr 1968 zehn Brillo-Boxen aus Holz herstellen lassen: „Höchstwahrscheinlich mit Andy Warhols Erlaubnis, doch bisher sind noch keine Dokumente aufgetaucht, die das bestätigen.“ Von dieser kleinen Auflage erhielt Olle Granath drei, die er Jahrzehnte später an die Paula Cooper Gallery in New York verkaufte.

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