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Prozess um ertrunkene Kinder : Bürgermeister wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Prozess gegen den Bürgermeister von Neukirchen: Klemens Olbrich (zweiter von links) wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Bild: dpa

2016 ertrinken in einem Dorfteich drei Kinder. Die Staatsanwaltschaft klagt den Bürgermeister an, es kommt zum Prozess. Nun hat das Amtsgericht entschieden: Weil der Teich eine Gefahr darstellte, hätte der Bürgermeister ihn sichern müssen.

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          Als die Richterin um 14 Uhr das Urteil verkündet, ist Klemens Olbrich nichts anzumerken. "Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil", hört er. "Der Angeklagte ist der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig." Er steht da, dann setzt er sich zur Urteilsbegründung, legt die Hände in den Schoß und hört zu. Erst, als alles vorbei ist, sagt er im Raum nebenan: "Ich war in Schockstarre. Konsterniert. Betroffen. Aber ich habe es schon geahnt."

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lange hat Olbrich gewartet, dass es endlich vorbei ist. Vorbei mit dieser Sache, die er in seinem letzten Wort vor dem Amtsgericht Schwalmstadt, zwei Stunden vor der Urteilsverkündung, "eine Tragödie" genannt hat. Drei tote Kinder. Fünf, acht und neun Jahre alte Geschwister, ertrunken im Dorfteich von Seigertshausen, einem Ortsteil Neukirchens im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis, deren Bürgermeister der Volljurist Olbrich seit den neunziger Jahren ist.

          Im Herbst 2017 hat die Staatsanwaltschaft Marburg Anklage gegen ihn erhoben. Sie kam zum Schluss, dass er als Bürgermeister verantwortlich gewesen sei, den Teich abzusichern. Es hat gut zwei Jahre gedauert, bis der Prozess begann. "Ich wünsche niemandem, so etwas mitmachen zu müssen", hat Olbrich am Donnerstagvormittag gesagt, "das gleicht einer Tortur." Aber jetzt, am Nachmittag, ist es vorbei, jedenfalls was die juristische Seite angeht, und zumindest fürs Erste. Seine Verteidiger haben angekündigt, Berufung einzulegen. Dann wird die Geschichte am Landgericht Marburg noch einmal aufgerollt.

          Viele Menschen verfolgen am Donnerstag in dem kleinen Gerichtssaal die Worte der Strafrichterin. Der Raum ist voll mit Reportern und Zuhörern, immer wieder müssen die Wachtmeister zusätzliche Stühle bringen. Viele Unterstützer des Angeklagten sind gekommen. Seine Familie, Bürger, eine Reihe anderer Bürgermeistern. Vor der Urteilsverkündung schütteln sie Olbrich die Hand, tätscheln ihm den Rücken, sagen, dass schon alles gutgehen werde. Dass seine Verteidiger gute Plädoyers gehalten hätten und der Fall doch völlig klar sei. So sehen das viele Bürger, wohl auch noch nach der Urteilsverkündung: Warum soll der Bürgermeister verantwortlich sein für den Tod von drei Kindern in einem 200 Jahre alten Dorfteich? Der als Teil einer Freizeitanlage genutzt wird, zusammen mit einem Beachvolleyballfeld und einer Grillhütte, die man mieten kann? Warum soll Olbrich im Voraus eine Gefahr in einem Teich erkannt haben, den die Bewohner seit Generationen sommers wie winters nutzen?

          Laut Richterin hätte er den Teich als Gefahrenquelle erkennen müssen

          Ein "gerechtes Urteil" hat sich der 62 Jahre alte Bürgermeister gewünscht. Gemeint hat er einen Freispruch, wie ihn seine Verteidiger beantragt haben. Aber gerecht, das bedeutet in den Augen der Richterin, dass auch Olbrich für die schrecklichen Ereignisse verantwortlich war und dafür zur Rechenschaft gezogen werden muss. Der Kern ihrer Argumentation lautet, Olbrich hätte den Teich als potentielle Gefahrenquelle erkennen und Sicherungsmaßnahmen ergreifen müssen.

          Zwar könne und müsse auch ein hauptamtlicher Bürgermeister keine absolute Sicherheit im Gemeindegebiet herstellen. Aber im Fall des nicht natürlichen, bis zu fast zwei Meter tiefen Teichs greife seine Verkehrssicherungspflicht. Das bedeutet: Die Stelle, an der die Leichen der drei Kinder nah beieinander gefunden wurden, ist tief. Außerdem besteht dort das Ufer seit der Jahrtausendwende aus Pflastersteinen mit einer Steigung von 45 Grad.

          Die Steine, die bis zum Boden des Teichs führen, seien von sich aus rutschig und zudem von Algen bewachsen und glitschig. Spuren an Händen und Unterarmen von zwei Kindern weisen laut rechtsmedizinischem Gutachten darauf hin, dass diese versuchten, über die Pflastersteine aus dem Wasser zu kommen. Doch hat die Beweisaufnahme ergeben, dass selbst die Ersthelfer und die Einsatzkräfte es nicht schafften, ohne Hilfe herauszuklettern. Anhaltspunkte dafür, dass die Kinder an einer anderen, flachen Stelle ins Wasser gestiegen sind, sieht die Richterin nicht. Dagegen spreche außer den Schürfspuren schon die Tatsache, dass alle drei voll bekleidet gewesen seien.

          Zu den Eltern der Kinder sagt die Richterin, dass "das Urteil keine Freistellung von ihrer Verantwortung ist". Aber deren Aufsichtspflicht entbinde nicht den Bürgermeister von seiner Verantwortung. Deshalb verurteile sie ihn. Sie spricht eine Verwarnung aus und behält eine Geldstrafe vor: Binnen zwei Jahren Bewährungszeit darf sich Olbrich nichts zuschulden kommen lassen, sonst muss er 120 Tagessätzen zu je 100 Euro zahlen. Zum Urteil gehört außerdem eine Geldauflage von 4000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung.

          Die Eltern, die noch zwei Kinder haben, sind am Donnerstag nicht im Saal. Schon auszusagen sei für sie schwer genug gewesen, sagt ein Rechtsanwalt. Gegen die Mutter war wegen der Verletzung der Aufsichtspflicht ermittelt worden, doch das Verfahren wurde eingestellt.

          "Kein Urteil der Welt kann das Geschehene ungeschehen machen", sagt die Richterin. Ein Anwalt der Nebenklage meint, das Urteil zeige den Eltern, dass nicht sie allein Verantwortung trügen. "Es ging um den Schuldspruch."

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