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Zeitzeuge Michael Wieck : Mensch bleiben im Grauen

Michael Wieck (1928 bis 2021), hier 2008 bei einem Besuch in Königsberg Bild: Deutsches Kulturforum östliches Europa/Klaus Harer

Der Geiger und Autor Michael Wieck hat als „Geltungsjude“ den nationalsozialistischen und stalinistischen Terror in Königsberg überlebt. Sein Buch über den Untergang der Stadt gehört zu den wichtigsten Werken der Zeitzeugen-Literatur. Jetzt ist er mit 92 Jahren gestorben.

          3 Min.

          Wer Michael Wieck begegnete, konnte gar nicht anders als tief beeindruckt sein von der Ausstrahlung dieses Menschen, von seiner Geradlinigkeit, der Klarheit seiner Sprache, seiner Fähigkeit zur Empathie und seiner unbeirrbaren Menschlichkeit in den Debatten der Erinnerungspolitik rund um den Zweiten Weltkrieg. In dem bemerkenswerten Filmessay „Königsberg is dead“ der beiden Guerillafilmer Max und Gilbert hebt sich Wiecks Wortwahl wohltuend ab vom vergeltungssüchtigen Geifern der Teilnehmer des Deutschlandtreffens der vertriebenen Ostpreußen, die von „wilden Horden“ sprachen, von Usbeken und Georgiern in der Roten Armee, die bei Kriegsende über Königsberg herfielen. Auch Wieck blendet die Greueltaten der sowjetischen Besatzer nicht aus. Er redet von verbrannten Menschen, von vergewaltigten und ermordeten Frauen, von Pferdekadavern in Bombentrichtern. Aber er tut es ohne Eifer und im Gedenken an „das Leid, das die Deutschen andern Völkern zugefügt haben“.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Am 19. Juli 1928 war Michael Wieck als Sohn einer deutschen Jüdin und eines nicht-jüdischen Deutschen* in Königsberg zur Welt gekommen. Beide Eltern waren Mitglieder des Königsberger Streichquartetts. Der Sohn, ein entfernter Verwandter von Clara Schumann, wurde jüdisch erzogen und erhielt mit vierzehn die Barmizwa, genau zu der Zeit, als Hermann Göring Reinhard Heydrich damit beauftragte, eine „sachliche und materielle Gesamtlösung der Judenfrage“ vorzubereiten, wie Wieck es in seinem Buch „Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein ’Geltungsjude’ berichtet“ formuliert hat.

          Wiecks Mutter hatte seit 1933 Auftrittsverbot; er selbst musste wie sie den Judenstern tragen und bereits im Alter von vierzehn Jahren Zwangsarbeit in einer Königsberger Chemiefabrik leisten. Der „arische“ Vater bewahrte die Familie vor der Deportation in die nationalsozialistischen Vernichtungslager. Misshandlung und Abtransport seiner Verwandten hatte der Sohn aber mit ansehen müssen. Nach dem Einmarsch der Russen in Königsberg waren Wieck und seine Familie erneut verfolgt worden. Im Lager Rothenstein stand er mit sechzehn Jahren zwischen den Leichenbergen, zu denen die Rote Armee die Verhungerten und von ihr selbst zu Tode Gefolterten geschichtet hatte. Er musste die Opfer stalinistischer Kriegsverbrechen verscharren. 

          Im Jahr 1948 wurden er und seine Eltern ins Lager Kirchmöser, in die sowjetische Besatzungszone deportiert. Von dort gelang ihm die Flucht nach Berlin. Mit der Deportation von Michael Wieck und seiner Mutter hatten 408 Jahre jüdisches Leben in Königsberg ihr vorläufiges Ende gefunden. Wieck studierte Geige, spielte im Rias-Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Ferenc Fricsay, ging dann nach Neuseeland, kehrte aber nach sieben Jahren zurück, um fortan in Stuttgart als Musiker zu leben, zuerst im Stuttgarter Kammerorchester, danach, bis 1993, im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. 

          Sein Buch über den Untergang Königsbergs erschien 1988 zum ersten Mal und wurde von Lew Kopelew in der „Zeit“ als „eine schlichte, ungekünstelte und spannende Erzählung, jede Einzelheit überzeugend wahr geschildert“ gerühmt. Durch Vermittlung des Deutschen Kulturforums östliches Europa konnte 2004 die russische Übersetzung des Buches in Sankt Petersburg erscheinen. Russische Leser bekamen hier eine verstörende Gegenerzählung zu den heroischen Berichten von der Erstürmung der Festung Königsberg in die Hand. Wie Klaus Harer vom Kulturforum es formuliert, sei Wiecks Buch, das beim Beck-Verlag noch immer lieferbar ist, „im Kaliningrader Gebiet zum Hausbuch all derer geworden, die sich für die Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte und die Reflexion über die historischen Belastungen durch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts einsetzen“. Die russische Version ist frei im Internet zugänglich.

          Michael Wieck hat als Zeitzeuge vor unzähligen Schulklassen, Jugendgruppen, Filmkameras und Vortragsgästen gestanden. Das Deutsche Kulturforum östliches Europa ermöglichte es ihm immer wieder, im Königsberger Gebiet mit den örtlichen Musikschulen zu arbeiten und Meisterkurse zu veranstalten, zum letzten Mal im Jahr 2015. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Michael Wieck, der als Leserbriefschreiber auch zu den scharfen Kommentatoren der F.A.Z. gehörte, am 27. Februar in Stuttgart gestorben. Er wurde 92 Jahre alt. Ein russischer Nachruf der Kaliningrader Internetzeitung „newkaliningrad.ru“ würdigte Wiecks Buch als „wichtig für all die Menschen, die heute in Kaliningrad leben, die hier heimisch sind, und die sich nicht vor der Geschichte fürchten.“

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