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Passionsspiele Oberammergau : Als Jerusalemer Jüdin im deutschen Zion

  • -Aktualisiert am

Das gesamte Dorf ist beteiligt: Szene der Kreuzaufrichtung bei den diesjährigen Passionsspielen in Oberammergau Bild: Passionsspiele Oberammergau 2022

Die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai hat mit einer Freundin die Oberammergauer Passionsspiele besucht. Dies ist ihr Bericht.

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          Zu Lebzeiten meiner Großmutter schickte ich ihr Postkarten von meinen Deutschlandreisen oder berichtete ihr telefonisch, was ich in der Heimat gesehen und gegessen hatte. Einmal rief ich sie aus München an und erzählte, dass ich vorhatte, das Oktoberfest zu besuchen, woraufhin sie nur antwortete: „Wieso? Das ist eine goyishe sache.“ Dreißig Jahre später stehe ich in der Schlange vor dem Eingang des Passionstheaters in Oberammergau und habe immer noch ihre Stimme im Ohr, wie sie mir auseinandersetzt, dass man als Jude bestimmte Dinge besser den Deutschen überlassen sollte. Meiner in Berlin lebenden Freundin Sara, die mich begleitet, sage ich nichts davon, aber während wir zwischen Hunderten deutscher Besucher darauf warten, dass unsere Handtaschen kontrolliert werden, fühlen wir uns so fremd und unzugehörig, wie man sich nur fühlen kann. Vielleicht verfallen wir deshalb unwillkürlich ins Hebräische, um sicherzugehen, dass niemand der Umstehenden uns versteht. Eine Dame, die mit ihrer Familie vor uns in der Schlange wartet, fragt uns, ob Sara und ich Spanisch reden. Als ich ihr erkläre, dass wir uns in der Sprache der Bibel unterhalten, belehrt uns ihr Mann, dass Christus Aramäisch ge­spro­chen habe.

          Natürlich hatten wir beide recht: Ich dachte an die Sprache des Alten Testaments, er an die gesprochene Sprache zu Lebzeiten Jesu. Der Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl, legt Jesus tatsächlich hebräische Worte in den Mund. Zweimal spricht Jesus in der Aufführung in einem rituellen Zusammenhang hebräisch. Das erste Mal bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel, wenn er mit ausgestreckten Armen die Torarolle emporhebt und ruft: „She-ma yisrael, adonai eloheinu, adonai echad“ – Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Der zweite Moment kommt beim letzten Abendmahl: Jesus bricht das Brot mit den jüdischen Segensworten „Baruch attá adonáj elohénu, mélech haolám, hamozí léchem min haárez“ – Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, du lässt die Erde Brot hervorbringen –, und wenn er den Weinkelch nimmt, fügt er hinzu: „Baruch attá adonáj elohénu, mélech haolám, boray pri hagafen“ – Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, Schöpfer der Frucht des Weinstocks. Beim Klang der hebräischen Worte entfährt sowohl Sara als auch mir ein spontanes Amen, obwohl es doch Jesus ist, der da spricht. Unsere Gesichter verwandeln sich schlagartig in zwei Peinlichkeits-Emojis mit vorgehaltenen Händen, bis wir erleichtert aufseufzen und uns zulächeln: Wir sind schließlich inkognito.

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